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Doofzig, Flopzig, Scheißzig

Unglaublich! Es gibt Leipziger, die wegwollen. Wir fragten: Was nervt denn?

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Leipzig wächst und wächst – gähn – ja immer noch. »Soll ‘ne tolle Stadt sein«, hört man ständig – auch von denen, die noch nie hier waren. Doch was sagen jene, die das anders sehen?

Es ist schon schlimm mit dieser Stadt. Ätzend, dieser Leipzig-Hype, dieses weltweit gute Image. Der echte Leipziger kann das kaum genießen. Also schön, ihr Coolen, ihr Checker, ihr André Herrmanns, ihr Alternativen erster Ordnung habt den Verriss des Hypes zur Kunstform erhoben – da wollen wir nun gerne Wasser auf eure Mühlen geben. Der kreuzer fragte Leute, die Leipzig verlassen wollen, was denn ihre Gründe seien. Schnell mischten sich auch andere in die Diskussion, alle hatten etwas zu meckern. Unsere Frage: Welche Dinge kotzen dich an der Stadt so richtig an? Hier eine Auswahl der Antworten.

Nervpunkt 1: Der Hype

ERNEST ÖRNI FREYERS: Wir haben hier in der Tat von allem genug: genug Nörgler, genug Schöngeister, genug links und rechts, von allem genug!

SOPHIE LUISA HUFELD: Negativ für mich sind eben Menschen, die herkommen, weil es gerade so hip ist oder so günstig zum Leben … Ich fühle mich als Leipziger hier mittlerweile wie ein Alien. »Waaas du bist hier geboren?! Krass.« Die Innenstadt platzt vor lauter Touristen und Studenten aus allen Nähten, die Mieten werden immer teurer, kleine Elektroveranstaltungen werden kommerzialisiert und sind mit mehr als 1.000 Leuten nicht mehr schön.

Zwar verzeichnet die Stadt tatsächlich viele Zuzüge, Panik ist jedoch nicht angebracht. Knapp 50 Prozent der Stadtbewohner wurden in Leipzig geboren und zwei Drittel der Bevölkerung kommt aus Sachsen. Zum Vergleich: In Stuttgart sind gerade einmal 35 Prozent der Bürger Einheimische.

Nervpunkt 2: Jobs und Kohle

SIMONE: Was mich persönlich an Leipzig stört: die Jobangebote. Es gibt keine ordentlichen, voll bezahlten Jobs, es sei denn ihr übt Berufe aus, die hier gefragt sind. Also erst mal nach einem Job suchen und dann weitersehen.

NANCY RASCHKE: Ich verlasse Leipzig Richtung Berlin. Der Arbeitsmarkt ist hier leider noch sehr übersichtlich, ansonsten würde ich gerne bleiben.

Zwar steigt das Netto-Einkommen seit Jahren kontinuierlich und lag 2014 mit durchschnittlich 1.207 Euro auf einem neuen Höchststand, damit dümpelt es aber weiterhin deutlich unter dem Niveau von West-Städten vergleichbarer Größe. Für die Arbeitslosenquote in Leipzig gilt: Diese war in den vergangenen fünf Jahren rückläufig, ist mit 9,4 Prozent im letzten Jahr aber weiterhin hoch. Die Sache mit den Jobs ist eine Frage der Einstellung: Für Studis, Idealisten und Non-Karrieristen ist Leipzig eine gute Partie, die Mieten sind weiterhin auf einem niedrigen Niveau. Angeblich zieht der Hype bereits Heerscharen sogenannter Yuccies  an, die der verträumten Hipsterkultur endlich die Kohlegeilheit einimpfen sollen – ob die hier tatsächlich das große Geld erwirtschaften können? Wir sind skeptisch.

Nervpunkt 3: Die Infrastruktur

MARKUS GÄRTNER: Ich opfere mich und sage: zu viel Kopfsteinpflaster. Das ist als Radfahrer teils wirklich nervig auf dem Weg zu den ganzen Open-Air- und WG-Partys.

MARTIN HOHENSEE: Ich sehe den Straßenverkehr als eines der Probleme. Man kann eigentlich nur in der Nacht, an Feier- und Sonntagen oder in den vielen Parks entspannen. Von irgendeiner Seite dringt sonst immer der Straßenlärm durch.

Der schlechte Zustand der Straßen ist für viele kritikwürdig, denn der Leipziger fährt gerne Auto. Insgesamt 63 Prozent der Haushalte verfügen über ein Privatkraftfahrzeug (Berlin: 35,9 Prozent, Gesamtdeutschland: 54,1 Prozent). Das hohe Verkehrsaufkommen ist daher die logische Konsequenz. Immerhin: 71 Prozent besitzen ein Fahrrad. Das zu fahren kann, wegen des Kopfsteinpflasters, tatsächlich nervig sein, rüttelt einen morgens aber schön wach.

Nervpunkt 4: Kriminalität

SVEN WAGNER*: Weil hier so viel geklaut wird. Wurde zweimal Opfer von Diebstählen in zwei Wochen. Vielleicht ein Sommerphänomen, aber es zermürbt.

PAUL HOFFMANN: Leipzig kann man erst mögen, wenn man es als geschminkte Hure erkannt und lieben gelernt hat. Die Schattenseiten sind groß – das spürt man einfach. Crystal, Armut, Kriminalität – alles irgendwo vertreten, wenn auch nicht offensichtlich.

Zwar ist die Kriminalität seit den neunziger Jahren zurückgegangen, dennoch ist sie weiterhin sehr präsent in der Messestadt. Im Jahr 2014 verbuchte die Polizei 79.235 Straftaten – das höchste Niveau seit 1999. Die Crystal-Meth-Probleme sind keine Filmeschieberei: Bei knapp der Hälfte aller erfassten Drogendelikte ist die Substanz im Spiel.

Nervpunkt 5: Rechte Gesinnung

KARIN KOCHEL*: Es ist ziemlich provinziell hier. Und leider ist es kein Klischee, rechtes Gedankengut ist latent bei ziemlich vielen, die sich nicht als rechts bezeichnen würden, verbreitet.

ERIK VAN DE SAND: Legida ist ein großer Kontrapunkt.

ALEXANDER FRANKE*: Was mich insgesamt ankotzt, sind Politiker, die auf Wählerfang rechtspopulistischen Müll verbreiten. Die Hoffnung auf diese Weise der AfD oder Alfa Stimmen abzuziehen, rechtfertigt nie im Leben die Unterstützung rechten Gedankenguts, das dann dazu führt, dass Asylbewerber-Heime brennen. Wenn das nicht aufhört, haben wir in Sachsen demnächst das nächste Lichtenhagen.

»Ich hab nichts gegen Ausländer, aber …« – so beginnt jeder Leitsatz des Gartennazitums, also von Alltagsrassisten, die sich nicht als rechts bezeichnen würden und dann doch gegen das Flüchtlingsheim in der Nachbarschaft protestieren. Das Gute: Die Gegenprotestkultur in Leipzig ist sehr aktiv, zu beobachten bei den Gegendemos zu den montäglichen Aufmärschen. Also: Legida ist zwar präsent, die Gegner aber mindestens genauso.

So, liebe Leipzig-Hasser, haben wir was vergessen?

 

MAX FASSBENDER

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3 Kommentare

  1. Manuel | 11. August 2015 | um 13:04 Uhr

    Öhm. Nix für Ungut, aber bis auf den Hypezig-Teil kann man alle anderen Aussagen generös auf jede andere Stadt in Deutschland mit vergleichbarer Größe projizieren. Leipzig war schon immer eher eine Stadt der Macher statt der Mitläufer, die ihr hier anscheinend hauptsächlich interviewt habt. Danke deshalb für die Gegenargumente.

  2. Johanna | 12. August 2015 | um 10:28 Uhr

    Ich fühlte mich 10 Jahre lang als aus dem Westen zugezogene Studentin rundum wohl in Leipzig. Dann heiratete ich einen Afrikaner und wir bekamen einen Sohn. Nach zwei Jahren hatten wir genug von den Pöbeleien und der alltäglichen Diskriminierung sowohl gegenüber meinem (Neger) Mann, als auch unserem („Guck mal, ein Schokoriegel“) Sohn und sogar mir („Mit einem Neger ficken und ein Kind machen, ist ja ekelig!“) und zogen nach Hamburg. Klar gibt es irgendwo auch hier rechte Vollidioten, aber das Stadtbild ist trotzdem ein viel weltoffeneres und buntes und in einem Jahr, das wir nun hier sind, haben wir noch nicht einen dummern Spruch auf der Straße gehört. Nichtmal angucken und mit dem Finger auf uns zeigen tut man hier. Eine echte Wohltat!