Startseite / Filmkritik / Festivalfieber

Festivalfieber

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

sommermitmama Größeres Bild

Die Filmkunstmesse lieferte in dieser Woche einen kleinen Vorgeschmack auf das Programm der 15. Auflage, die in drei Wochen über die Leinwände der vier Passage Kinos, der Kinobar Prager Frühling und der Schauburg flimmern wird. Das Leipziger Publikum darf sich auf neue Filme frisch von den Festivals freuen: Zehnmal Cannes, dreimal Berlinale und zwei Filme aus dem Wettbewerb in Venedig ist die beeindruckende Bilanz. Neben den insgesamt 33 Previews gibt es vom 14.–18. September aber auch wieder spannende Podiumsdiskussionen und Prominente. Man darf sich also schon mal vorfreuen auf fünf Tage Filmrausch. Aber auch diese Kinowoche hat viel zu bieten. Weil bewegte Bilder oft mehr sagen als viele Worte, schaut doch mal in die Flimmerzeit. Die Augustausgabe kommt vom 2cl Sommerkino auf Conne Island, dem Open Air der Cinémathèque, und stellt u.a. »Southpaw« vor, der in dieser Woche startet. Außerdem gibt es eine Vorschau auf »Frank«, den ihr euch für die kommende Woche vormerken solltet. Jetzt aber erstmal viel Spaß im Kino!

Film der Woche: Seit 13 Jahren arbeitet Val als Nana im Haus einer wohlhabenden brasiliansichen Familie. Für den 17-jährigen Fabinho ist sie die einzige Vertrauensperson, für die Eltern Dienstmagd und Fußabtreter. Aber Val ist bescheiden und fügt sich gleichmütig in ihr Schicksal. Doch die Sehnsucht nach ihrer Tochter schmerzt sie. Zehn Jahre lang hat sie sie nicht sehen können und als die junge Frau überraschend nach Sao Paulo kommt, um vorübergehend bei ihr zu wohnen, wirft das den vermeintlichen Haussegen kräftig durcheinander. Jéssicas direktes Verhalten wirft interessante Fragen auf, denn sie lehnt die unterwürfige Art der Mutter ab, verhält sich aber auch verwöhnt und undankbar ihrer Umwelt gegenüber. Val versteht sie nicht, muss sich aber dennoch mit ihr arrangieren, um sie nicht von sich zu stoßen. Dieses ambivalente Spiel wird von der Hauptdarstellerin Regina Casé meisterhaft bewältigt. Die renommierte TV- und Bühnendarstellerin verleiht der einfachen Frau und liebevollen Mutterfigur eindrucksvoll Nuancen. Die Inszenierung schwankt zwischen Komik und Tragik, die Atmosphäre ist von der flirrenden Hitze bestimmt. Eine sozialkritische Komödie mit Tiefgang. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Der Sommer mit Mamã«: ab 20.8., Passage Kinos

 

Billy Hope (Jake Gyllenhaal) ist bereits ganz oben, als er zum ersten Mal vor der Kamera in den Ring steigt. Aufgewachsen auf der Straße, bis er mit zwölf in einem Heim landete und seine heutige Frau Mauren (Rachel McAdams) kennen lernte, weiß Billy, was es heißt zu kämpfen. In der Arena ist er der ungeschlagene Halbschwergewichts-Weltmeister, daheim der glückliche Vater und Ehemann. Bis ihm das Schicksal eine ganze Serie von Kinnhaken verpasst und er sich auf dem Boden wiederfindet. Der frühere Profitrainer Titus »Tick« Wills (Forest Whitaker) nimmt sich seiner an und lehrt ihn, zwischen den Seilen und im Leben immer auf die Deckung zu achten.

Für Schauspieler sind Boxfilme eine willkommene Gelegenheit, um körperlich an ihre Grenzen zu gehen. Robert DeNiro trainierte bis zur Erschöpfung und fraß sich danach 27 Kilo an, um den gealterten Jake LaMotta darstellen zu können. Jake Gyllenhaal stand immerhin zwei Stunden täglich im Ring, um seinen beachtlichen Bizeps zu trainieren. Er ist nicht nur körperlich präsent, sondern verleiht der simplen Figur des Billy Komplexität und Charakter. Da kann das Drehbuch nicht mithalten und verlässt sich auf bewährte Techniken. Ein Knockout ist »Southpaw« nicht geworden, unterm Strich eher »Rocky« als »Raging Bull«. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Southpaw«: ab 20.8., Cineplex, CineStar

 

Die elegische Atmosphäre verlassener Orte bringt die Menschen oft zum Nachdenken. So auch den Protagonisten (Jay Lewis) dieses Filmessays von Bastian Günther. Der Job des namenlosen Ich-Erzählers ist es, durch die kalifornische Mojave-Wüste zu fahren und die Swimmingpools nicht mehr bewohnter Häuser von Moskitos und anderem Getier zu bereinigen. Ein fragwürdiger Auftrag, der zunehmend an Bedeutung verliert, während der Erzähler durch die Wüste driftet und seine Gedanken, Träume und Erinnerungen in die karge Landschaft projiziert. Erinnerungen vor allem an die Zeit mit Chelsea (Chelsea Williams), die ihn aus unbekanntem Grund verlassen hat. Auf der Suche nach Antworten spricht er mit allerlei merkwürdigen Gestalten: Verschwörungsfreaks, Schrottsammlern, Predigern. Schnell wird klar, dass es bei dieser Odyssee um weit mehr geht als darum, eine verlorene Liebe zu vergessen.

Es ist sicherlich kein Unterhaltungsfilm, den Regisseur Bastian Günther hier machen wollte. Ob man diese allegorische Meditation über Vergänglichkeit, Verlust und Verlorensein als ermüdend oder anregend empfindet, kommt sehr darauf an, inwieweit man sich gedanklich und emotional auf die Stimmung des Films einlassen kann. Ein interessantes, mit lakonischem Humor gewürztes Experiment, nicht nur für diejenigen, die ihren Sartre immer in der Jackentasche haben. Ausführliche Kritik von Karin Jirsak im aktuellen kreuzer.

»California City«: ab 20.8., Cineding

Alexandra ist 25 und hat die Ausbildung zur Versicherungskauffrau abgebrochen. Kurzentschlossen bewirbt sie sich bei einem Taxiunternehmen und fährt fortan durch die Hamburger Nacht, mitten in den 80er Jahren. Ein Fahrgast ist der kleinwüchsige, ebenso charmante wie stoische Marc, der Alex näher kommt, als ihr lieb ist. Die Reise einer Hamburger Taxifahrerin durch die Nacht wirkt bemüht und langweilt mitunter, trotz starker Hauptdarstellerin und Peter Dinklage als Nebendarsteller. Nach dem Roman von Karen Duwe, die auch das Drehbuch schrieb.

»Taxi – Nach dem Roman von Karen Duwe«: ab 20.8., Passage Kinos

kreuzer verlost 3 Exemplare der Romanvorlage von Karen Duwe. eMail an film@kreuzer-leipzig.de (Betreff: »St. Pauli«)

Die Flimmerzeit im August (mit FRANK, DATING QUEEN, SOUTHPAW und ein DVD-Tipp zum Gewinnen)

 

Weitere Filmtermine der Woche

globaLE: Das russische Wunder
Der Dokumentarfilm (DDR 1964) liefert einen DDR-verklärten Blick auf die Entstehung der Sowjetunion.
21.8., 20 Uhr, Richard-Wagner-Hain

Performing Widerspenstigkeit
Um unterschiedliche Perspektiven auf die erstarkenden rechten Bewegungen in Europa geht es in dem Kurzfilmscreening mit Diskussion. Mehrere Künstlerinnen stellen dabei Kurzfilme und andere Projekte vor, in einem anschließenden Gespräch wird über solidarische und künstlerische Strategien gegen rechts diskutiert.
21.8., 20 Uhr, Cineding

Goodbye Lenin
Ein 20-Jähriger versucht seiner kranken, ans Bett gefesselten Mutter vorzumachen, dass es die DDR noch gibt. Anrührend-ambitionierte Einheits- und Nostalgie-Komödie. Ausgezeichnet mit dem Europäischen Filmpreis. – Sommerkino
25.8., 21.30 Uhr, Moritzbastei

7 Psychos
Absurde schwarze Komödie von Martin McDonagh (»Brügge sehen … und sterben?«), deren Humor im Laufe des Films immer groteskere Blüten treibt – ihrem Titel wird sie jedenfalls sehr gerecht. – Sommerkino
26.8., 21.30 Uhr, Moritzbastei

globaLE: Can’t be silent
Zwischen Rampenlicht und Isolation: Sie sind angekommen und doch noch immer auf der Flucht. Sie sind Sänger, Musiker, Rapper und doch Ausgeschlossene und Abgeschobene. Mit ihrer Musik bringen sie Menschen zusammen und sind doch selbst nicht berechtigt, den nächstliegenden Bezirk zu betreten. Nuri (Dagestan), Jaques (Elfenbeinküste), Hosain (Afghanistan) und Revelino (Elfenbeinküste) haben ihr Land verlassen auf der Suche nach einer neuen Heimat, die vielleicht Deutschland ist.
26.8., 20 Uhr, Parkbühne GeyserHaus

Queerblick: Pink Pact
Nachdem einer von ihnen bei der Gay Parade in Sao Paulo angegriffen wird, schließen drei Freunde einen Pakt, um sich gemeinsam der Öffentlichkeit zu stellen. – Queerblick
26.8., 19.30 Uhr, Passage Kinos

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.