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Auf der Suche nach einer Ngoni

Fast hätte eine kaputte Spießlaute Annuluks Konzert in der Feinkost verhindert

Annuluk mit Sängerin Miša, Foto: PR

»Verdammt, Annuluk und die Toten Hosen spielen zeitgleich in Leipzig! Wo soll ich nur hin?« Diesen Satz hat wohl niemand am Wochenende gedacht. Während die Altrocker auf der Festwiese vor 70000 Besuchern spielen, findet in der Feinkost ein etwas anderes Konzert statt.

Es wird immer später. Annuluk ist immer noch nicht auf der Bühne zu sehen. Im Vorfeld wurde angekündigt, dass die Band wegen Lautstärkeregulierungen der Karli um Punkt Acht Uhr beginnen muss, weil die Zeit ansonsten nicht für die gesamte Konzertlänge reicht. Doch inzwischen ist es längst viel später und einige fangen an zu rechnen: Wie lange darf denn jetzt überhaupt noch gespielt werden? Und siehe da: Die Sängerin Miša betritt die Bühne, nimmt auf einen Barhocker Platz, spricht in das Mikrofon: »Es geht noch nicht los.« Anscheinend ist beim Aufbau Robertos Instrument, eine Ngoni, zu Bruch gegangen. Er erklärt später, dass es das einzige Exemplar in Leipzig ist und es auch keinen Ort gibt, an dem man sie auf die Schnelle reparieren lassen kann. Dass die Band nun überhaupt in der Form spielen kann, ist zwei Gitarrenbauern zu verdanken, die gerade zufällig in Leipzig sind, sich mit Langhals-Spießlauten auskennen und sich kurzfristig bereit erklärt haben, das gute Stück noch vor Konzertbeginn zu reparieren.

Als es endlich losgeht, stellt sich schnell heraus, dass sich das Warten gelohnt hat. Annuluk klingt schamanenhaft, manchmal sphärisch, ohne dabei ungreifbar zu werden oder abzudriften. Abdriften tut stattdessen das Publikum und der Großteil der Besucher verzichtet glücklicherweise auf die von der Feinkost bereitgestellten Sitzmöglichkeiten. Denn nein, kritisches und analysierendes Herumsitzen passt wahrlich nicht zu der Musik. Die Band versteht es immer wieder aufs Neue, mit unerwarteten Einflüssen zu überraschen. Mal klingt die Musik orientalisch, mal afrikanisch (nicht zuletzt wegen der nun wieder funktionierenden Ngoni, dann kommen elektronische Facetten dazu und auf einmal klingt das Ganze nach Reggae. Von Mišas Stimme und Mimik fühlt man sich währenddessen immer wieder an Björk erinnert. Dass sie sich bei ihrem Gesang einer Fantasiesprache bedient, ist zunächst etwas ungewohnt und hin und wieder wünscht man sich, das ein oder andere Wort zu verstehen. Auf der anderen Seite ermöglicht ihr das, sich in das Gesamtgefüge der Musik einzugliedern und ihre Stimme, losgelöst von Worten, als ein Instrument einzusetzen. Das tut sie sehr gut! Dennoch, das Konzert hat nicht restlos allen Besuchern gefallen. Während einige von der Band regelrecht in Trance spielen lassen, hört man von anderen später, dass die Musik anstrengend oder auf die Dauer zu viel war. Doch gute Bands kanten auch an.

Und am Ende hat die Zeit hat doch für die gesamte Konzertlänge gereicht – auch für die Zugabe. Es wurde einfach überzogen. Lautstärkeregulierungen hin oder her.

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