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Irre gut

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

Frank Größeres Bild

»Frank« ist da. Schräger, skurriler und abgründiger wird in diesem Jahr wohl keine Komödie mehr. Fast anderthalb Jahre nach seinem Debüt beim Sundance Filmfestival kommt der britische Wahnsinn nun endlich auch zu uns. Den meisten Verleihern war ein Start vor deutschem Publikum wohl zu riskant – trotz hervorragenden Kritiken und einer fabulösen Besetzung mit Michael Fassbender, Domhnal Gleeson und Maggie Gyllenhaal. Der Leipziger Weltkino-Verleih bringt »Frank« nun im Oktober auf DVD heraus und gönnt ihm einen Kinostart in ausgewählten Lichtspielhäusern. Bei uns beginnt die Show in der Kinobar Prager Frühling, passenderweise im Rahmen der Reihe »Irres Kino«. Mitte September setzt er seine Tour dann im Cineding fort. Reden wird man von ihm hoffentlich noch in vielen Jahren, denn »Frank« hat echtes Kultpotential.

Film der Woche: Jon Burroughs träumt von einer Karriere als Popstar. Aber Jon hat kein Talent. Frank hat Talent. Aber Frank hat auch einen überdimensionalen Pappmache-Kopf auf seinen Schultern. Immer. Als Jon in die Band Soronprfbs stolpert, weil der ehemalige Keyboarder gerade versucht hat, sich zu ertränken, kann er mit der exzentrischen Art seiner Kollegen zunächst nichts anfangen. Die gewalttätige Clara droht, ihn abzustechen, Don gesteht ihm seine Liebe zu Schaufensterpuppen und Baraque und Nana sprechen sowieso nur Französisch. Wenn sich jedoch die kreative Flamme entzündet, sind die fünf ein avantgardistischer Schmelztiegel mit einem genialen Frontmann und Gaga-Texten. Jon ist begeistert und will unbedingt Teil der Soronprfbs sein. Der Keyboarder residiert zwischenzeitlich in der geschlossenen Anstalt, also lädt Frank ihn ein, mit nach Irland zu reisen, um dort das erste Album aufzunehmen. In einem Landhaus mitten im pittoresken Nirgendwo führt Frank die Bandmitglieder mit seinem Perfektionismus an ihre Grenzen und zu ungeahnter Größe. Doch der neue Mann an den Tasten droht mit seinem Ego die Band auseinander zu reißen. Michael Fassbenders Kopf steckt in Franks, Maggie Gyllenhaal gibt die eiskalte Clara und Domhnall Gleeson macht sich als Jon zum Narren – man kann sich gut vorstellen, was die Schauspieler an dem Drehbuch des britischen Autorenduos Peter Straughan und Jon Ronson (»Männer, die auf Ziegen starren«) gereizt hat. Herausgekommen ist ein witziger, irrer und stets überraschender Musikfilm, der vor Ideenreichtum sprüht. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Frank«: ab 27.8., Kinobar Prager Frühling

kreuzer verlost Freikarten. eMail an film@kreuzer-leipzig.de (Betreff: Soronprfbs)

Basierend auf dem Werk von Giambattista Basile (1566 – 1632), Europas erstem großen Märchenerzähler, sind immer wieder die königlichen Familien Dreh- und Angelpunkte, in den drei parallel erzählten Geschichten. In der ersten bekommt ein Königspaar (John C. Reilly und Salma Hayek) den sehnlichst erwarteten Thronfolger, dessen Schicksal jedoch mit dem Kind einer armen Magd verbunden ist. In einem anderen Königreich ist der Regent (Vincent Cassel), ein notorischer Schürzenjäger, gelangweilt von der Maßlosigkeit zu Hofe. Als sich ein einfache Färberin seinen Reizen verschließt, fühlt er sich angespornt, um sie zu werben. Schließlich ist da noch der König von Highhills (Toby Jones), der ein liebevolles Verhältnis zu einem Flo pflegt. Er verheiratet seine Tochter an einen Waldschrat, nachdem der eine unlösbare Aufgabe gelöst hat. Tragik und Komik verbindet sich in Matteo Garrones außergewöhnlichem Film zu drei phantasievoll erzählten Geschichten für Erwachsene. Fabuliert wird hier stets mit beiden Beinen auf den schmutzigen Straßen des Mittelalters, garniert mit einem Schuss Magie. Fabelwesen sind nur am Rande zu sichten, der Anspruch liegt auf Authentizität. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Das Märchen der Märchen«: ab 27.8., Passage Kinos, Schauburg (auch OmU)

Das Leben meint es nicht gut mit der 13jährigen Lili. Ihre Mutter lässt sie für einige Wochen bei ihrem Vater zurück. Die Eltern leben getrennt und die Schlucht ihrer Differenzen scheint unüberwindbar. Lilis Vater begegnet seiner Tochter mit Aggression, die er vor allem gegen Lilis geliebten Hund Hagen richtet. Bald landet die Promenadenmischung auf der Straße und es beginnt für ihn eine Odyssee durch die schmutzigen Viertel der Stadt. Gleichzeitig überschreitet Lili bei ihrer verzweifelten Suche nach ihrem vierbeinigen Freund die Schwelle in die Welt der Erwachsenen. Der ungarische Autor und Regisseur Kornél Mundruczó schildert die Schicksalswege seiner beiden Protagonisten in Parallelmontagen. Lilis Ringen mit dem Vater ist dabei allerdings die schwächere Seite des Films. Wirklich beeindruckend sind die zahlreichen Szenen, in denen Hagen auf sich allein gestellt ums Überleben kämpft. Die Straßenköter und Obdachlosen der Stadt oder die skrupellosen Kriminellen, die jene wehrlosen Kreaturen sadistischen Hundekämpfen ausliefern – an jeder Straßenecke lauert der Tod im Rinnstein. Die eigentlichen Könner hinter der Kamera sind die Hundetrainer, die unfassbar realistische Szenen mit den Tieren für die Leinwand inszenierten. Im letzten Akt des insgesamt etwas zu lang geratenen Films verdichten sich die Ereignisse zu einem fulminanten Genrestück, einem Aufstand der Unterdrückten, der eindeutige Parallelen zur gesellschaftlichen Realität aufweist. Ein außergewöhnlicher Film mit Tieren. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Underdog«: ab 1.9., Cinémathèque

Künstlerbiografie über die US Hiphop-Crew N.W.A. (Dr. Dre, Ice Cube, MC Ren, Eazy-E, DJ Yella), die Mitte der neunziger Jahre mit ihrem Album »Straight Outta Compton« einen enormen Erfolg verbuchen konnten und ihre Gegenwart aus Rassenhass und Gangs reflektierten. Gut besetzt in den Hauptrollen und mitreißend inszeniert, kaschiert Regisseur F. Gary Gray (»Friday«) die weitgehend flache Charakterisierung und einen recht konventionellen Handlungsablauf um Freundschaft, Erfolg, Verrat und Läuterung mit einem satten Bass aus den Kinoboxen.

»Straight Outta Compton«: ab 27.8., Cineplex, Regina Palast, CineStar (auch OmU)

Neuer Versuch, die traditionsreiche Videospielserie auf die Leinwand zu bringen: Agent 47 (Rupert Friend) ist ein Elite-Killer, der gentechnisch zur perfekten Tötungsmaschine verändert wurde. Er kann nur durch die letzten beiden Nummern eines Barcodes, der auf seinen Nacken tätowiert ist, erkannt werden und ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung an siebenundvierzig vorhergehenden Agentenklonen – ausgestattet mit beispielloser Stärke, Schnelligkeit, Ausdauer und Intelligenz. Sein aktuelles Zielobjekt ist ein Mega-Konzern, der versucht die Forschungsdetails um Agent 47 herauszufinden. Die mächtige Firma plant eine Armee aus Killern zu erschaffen, die sogar die Fähigkeiten von Agent 47 noch übertreffen. Um das zu verhindern und um die skrupellosen Feinde aufzuhalten, verbündet sich Agent 47 mit einer jungen Frau (Hannah Ware), die all diese Geheimnisse zu kennen scheint. Dabei wird er mit schockierenden Enthüllungen über seine Herkunft konfrontiert und begibt sich in einen epischen Kampf mit seinem tödlichsten Feind. Klingt doof und ist auch nicht wirklich originell. Aber ehrlich, wer erwartet das schon von einem Actionfilm von der Stange. Im Vergleich mit der Fließbandware aus dem Hause Besson (demnächst: »Transporter refueled«) schlägt sich der Agent 47 nicht schlecht und ist recht unterhaltsam, ob nun trotz oder wegen des hohen Gewaltgrads, soll jeder selbst entscheiden. Als Bonus gibt es Berlin als prominenten Schauplatz und Prochnow und Kretschmann in Nebenrollen, was wohl der deutschen Produktionsbeteiligung zu verdanken ist.

»Hitman: Agent 47«: ab 27.8., Cineplex, Regina Palast, CineStar

Der smarte Cole (Zac Efron) träumt davon, als Electro-DJ voll durchzustarten und den einen Song zu produzieren, der ihm den Durchbruch zum Erfolg bringt. Tagsüber hängt er mit seinen alten Freunden ab, nachts zieht es ihn jedoch in die Szene-Spots von Los Angeles. Als ihn der charismatische, etablierte DJ James (Wes Bentley) unter seine Fittiche nimmt, scheint seine Chance gekommen. Doch als Cole sich in James’ Freundin Sophie (Emily Ratajkowski) verliebt, setzt er alles, wofür er brennt, aufs Spiel. Der Versuch, die Partyszene von Los Angeles aus den Augen eines jungen DJs einzufangen, will auch hier nicht so recht gelingen. Ähnlich wie viele vor ihm – zuletzt Mia Hansen-Løve mit »Eden« – scheitert auch Regisseur Max Joseph, der zuvor Videos und Tourdokus u.a. mit LCD Soundsystem drehte, an der leblosen Rekonstruktion von Partys und Drogenkonsum. Der einzige Film, der es wirklich vermochte, das Lebensgefühl der Raver einzufangen, ist der absolut empfehlenswerte »Human Traffic«. »We are your friends« scheitert an klischeehaften Charakteren, vorhersehbarer Handlung und halbseidenen Darstellern – Zac Efron sieht einfach in jeder Einstellung nach Posterboy aus, wer soll ihn da als Schauspieler ernst nehmen? Was bleibt, ist immerhin eine gute Songauswahl.

»We are your friends«: ab 27.8., Cineplex, CineStar

Die Flimmerzeit im August

mit FRANK, DATING QUEEN, SOUTHPAW und ein DVD-Tipp zum Gewinnen

 

Weitere Filmtermine der Woche

Irres Kino – Psychisch krank im Film
Mal besorgniserregend ernst, mal befreiend heiter und oft auch beides – die Kinobar Prager Frühling serviert eine bunt gemischte Filmauswahl zum Thema. Zu sehen ist, neben der wundervollen deutschen Familiendramödie »Hedi Schneider steckt fest« und der bereits oben ausführlich gelobten Musikkomödie »Frank«, auch Dokumentarisches wie »Meta-Morphose – Leicht verstimmt ins Rampenlicht« und auch der gefeierte Broadway-Wahnsinn »Birdman« darf noch einmal auf die Bühne.

27.–30.8., Kinobar Prager Frühling

Adele hat noch nicht genachtmahlt

Mit schwarzem Humor angereicherte tschechoslowakische Filmkomödie. Ein detailreicher, liebenswerter Unterhaltungsfilm, technisch perfekt. Mit allerlei skurrilen Erfindungen von Jan Svankmajer. – Sommerkino

28.8., 21.30 Uhr, Moritzbastei

Müllers Büro

Überdrehte Wiener Detektivparodie mit Kultfaktor. – Sommerkino

29.8., 21.30 Uhr, Moritzbastei

In 80 Tagen um die (Film)Welt

Nach kurzer Sommerpause lädt Claudia Cornelius wieder ein zu einer Reise durch die Memento-Regiewand. Diesmal im Mittelpunkt: Hitchcock, Clouzot und Van Sant. Ein Vortrag mit Überraschungsfilm.

28.8., 20.15 Uhr, Memento

Blow

George Jung brachte in den Siebzigern den Kokainhandel nach Amerika. Die Drehbuchautoren Nick Cassavetts und David McKenna beleuchten in ihrem zweistündigen Biopic nur einzelne Stationen seiner »Karriere«. Johnny Depp glänzt in der Hauptrolle, die hervorragenden Nebendarsteller gehen in der episodenhaften Erzählung allerdings unter. Finale des 2cl – Sommerkinos auf Conne Island.

30.8., 21.30 Uhr, 2cl – Sommerkino auf Conne Island

Treffpunkt Erasmus

Der Berliner Zeichner Werner Klemke (1917-1994) war zu DDR-Zeiten für seine humorvollen Illustrationen, z. B. den Kater in der monatlich erscheinenden Zeitschrift Das Magazin bekannt. Doch welche erstaunliche Rolle er als junger Wehrmachtssoldat beim holländischen Widerstand spielte, wussten bis vor Kurzem nicht einmal seine eigenen Kinder. Als perfekter Dokumentenfälscher half er damals, viele jüdische Menschenleben zu retten. In Anwesenheit der Regisseurin Annet Betsalei und des Produzenten.

29. 8., 20 Uhr, Passage Kinos

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