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Differenzierte Mehrwerte

»Umweltzungen« zeigt die Veränderung der Lebensqualität in Leipzig

"Leipzig Plagwitz", Foto: Betty Pabst Größeres Bild

Die Ausstellung »Umweltzungen – Lebensqualität in Leipzig 1980–2015« schaut hinter die städtischen Schönwetterseiten. In der Halle 14 werden nicht nur Erfolgsgeschichten der Veränderungen in Leipzig erzählt.

In der Dokumentation »Ist Leipzig noch zu retten?« – produziert im Herbst 1989 – stehen verzweifelte Menschen im Hof ihres Wohnhauses im Leipziger Westen. Haus und Hof drohen gen Karl-Heine-Kanal abzustürzen. Die Hausfassade bröckelt schon seit Jahrzehnten. Die Kamera schwenkt hin zum sumpfig wirkenden Kanal und in den dunstigen Himmel, den die unzähligen Schornsteine der Betriebe in unmittelbarer Nähe beliefern. Das Haus befindet sich in der Endersstraße. Einige Meter stadteinwärts wurde in jenem Jahr einer Hausgemeinschaft die Goldene Hausnummer verliehen. Belohnt wurde die besondere Pflege und Gestaltung des Hauses und des Wohnumfeldes. So ambivalent war die DDR.

Heute strahlt das Haus am Kanal im hell sanierten Gewand, der Hof ist begehbar. In den Fabrikgebäuden gegenüber befinden sich nun Lofts, Bootsfahrer tummeln sich auf dem Wasser. Die Goldene Hausnummer ist kaum noch zu sehen. Ihr Glanz versagte mit der Zeit.

Was in den letzten 25 Jahren in Leipzig rein an der Oberfläche passierte, kann als Erfolgsgeschichte erzählt werden. Die Schornsteine sind verschwunden, vormals arg ramponierte Gründerzeitkulissen erstrahlen, Seen entstanden drum herum. Trotzdem stellt sich immer wieder die Frage nach dem Preis für diese vielfältigen Veränderungen, den die Einwohner zahlen müssen. Die Ausstellung »Umweltzungen – Lebensqualität in Leipzig 1980–2015« geht dem nach und präsentiert bis Ende September eine Auswahl an gestrigen und heutigen Problemen im kleinen Format.

In sieben Kapiteln – wie etwa »Alltag und Abriss«, »Industrie und Wohnen« oder »Lebenswelt gestalten« – sind hier Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Geschichte und aus dem Heute zu sehen. Neben Arbeiten von Fotografen stellten die Umweltbibliothek Leipzig, das Archiv Bürgerbewegung Leipzig und das Stadtarchiv Material zur Verfügung. Darauf sind eine Reihe von Aktionen der Arbeitsgruppe Umweltschutz zu sehen, die seit 1981 im Jugendpfarramt existierte. Sie gab nicht nur das Heft Streiflichter und ein Fahrradwegeverzeichnis heraus, sondern inventarisierte den Baumbestand. Seit 1987 arbeitete sie mit staatlichen Stellen zusammen. Mitglieder gründeten nach 1989 den Ökolöwe. Die zeitgenössische Blickachse ebenfalls in Schwarz-Weiß lieferte die Fotografin Betty Pabst (s. Foto).

Den visuellen Zeugnissen stehen Texte zur Seite, die weniger das zu Sehende erklären, sondern die vielfältigen Probleme bis zur Gegenwart listen. So entgeht das Aufeinandertreffen der Bilder dem einfachen Vorher-Nachher-Vergleich.

Probleme, die mit den großflächigen Veränderungen entstanden und noch entstehen, sind ganz unterschiedlicher Natur. Was passiert mit selbstgenutzten Brachen, wenn die Stadt nicht mehr schrumpft, sondern aufblüht? Wie wirken sich Baumfällaktionen im Rahmen des Hochwasserschutzes langfristig aus? Wer gestaltet wie eigentlich heute die Umwelt?

Grund genug, um den Gang in das Untergeschoss der Halle 14 zu wagen.

»Umweltzungen – Lebensqualität in Leipzig 1980–2015«, bis 30.9., Untergeschoss der Halle 14 auf der Spinnerei, Spinnereistr. 7, 04179 Leipzig
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr

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