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Der Theatergucker

Werner Mattke reist ein Jahr lang zu 100 Vorstellungen im ganzen Land

Werner Mattke; Foto: Nick Putzmann Größeres Bild

Vor ein paar Monaten berichteten wir über Leipzigs »größten Theaterenthusiasten«. Inzwischen besitzt Werner Mattke die Bahncard 100 und sein neues Blog über Theatervorstellungen, von denen er mindestens hundert in dieser Saison sehen will, ist online. Hier das Porträt des Theaterfans mit Einsichten zu Barbara Trommer, Sebastian Hartmann und Burkhard Jung.

Er ist ein Unikat. Werner Mattke ist wahrscheinlich das größte wandelnde Theaterarchiv Leipzigs. Er hat in den letzten 40 Jahren nahezu alles gesehen, was auf den Bühnen des Schauspielhauses stattfand, und auch außerhalb des Stadttheaters ist keine Aufführung vor ihm sicher. Ein wahres Theaterleben mit Höhen und Tiefen, voller Lob und Tadel für Intendanten, Regisseure und Schauspieler. Im Gespräch mit Mattke kann man viel erfahren über die Stadt und ihr Verhältnis zur Sprechbühne. Und das sei, so Mattke, nicht das beste. »Leipzig ist Musikstadt. Das Theater interessiert hier nicht so«, sagt er und gehört doch zu jenen, die das anders sehen und an ihrem Anspruch bisweilen verzweifeln.

Wer Mattke trifft, denkt erst mal nicht daran, einen Theaterexperten vor sich zu haben. Er ist klein, ein wenig unscheinbar und nicht unbedingt stadttheatertypisch in seinen Pullovern und Jeans. Auch sein Lebenslauf mit dem Studium der Ökononomie an der Karl-Marx-Universität, dem Job als Kulturfunktionär bei der FDJ, dem späteren BWL-Studium und seine Jobs als Teppichhändler und bei einem Industrieunternehmen verweisen nur bedingt auf die fundierte Kenntnis der bundesweiten Theaterlandschaft. Doch Mattke schaut sich einfach alles an, was geht. Bedingungslos.

Ob klassisches Drama, modernes Performanceprojekt oder irgendetwas dazwischen: Mattke geht hin – oft mehrmals. Besonders Inszenierungen, die nicht beim ersten Mal verständlich sind, faszinieren den 64-Jährigen. »Das Tolle am Theater ist doch, dass es jedes Mal anders ist, im Gegensatz zum Film.« Ein Höhepunkt sind für ihn immer die Inszenierungen des Schauspiel-Studios, das alle zwei Jahre einen kompletten Abend gestaltet, weil hier, so Mattke, alle noch komplett frisch und voller Ideen und Spielfreude agieren. Frisch und vital, so müsse Theater sein.

Sein persönlicher Weg zur Bühnenkunst war dabei von seinem Arbeiterelternhaus eher nicht vorgezeichnet, doch als er das erste Mal im Theater war, der Neuen Szene, war es um ihn geschehen. Der Grund: Barbara Trommer, die damals als Schauspielstudentin in einer solchen Studioinszenierung mitspielte und bis letzte Spielzeit am Leipziger Stadttheater engagiert war. »Sie war eine richtige Schönheit«, findet er noch heute. 17 Jahre zählte er damals, sie etwas mehr, und seitdem führen beide gewissermaßen parallele Leben – eines vor und eines auf der Bühne.

Doch das Leipziger Theater zu DDR-Zeiten hatte keinen guten Ruf. »Stalinistisch« nennt Mattke es im Rückblick; Intendant Karl Kayser stand nicht nur allen Theaterhäusern der Stadt vor, sondern saß auch im Zentralkomitee der SED. Neben dem Rostocker Theater galt das Leipziger Haus als maximaler Ausbund an Parteitreue. Also begann Mattke das Reisen. Ob nach Schwerin zu Christoph Schroth, ans Berliner Maxim Gorki, an dem Albert Hetterle und Thomas Langhoff begeisterten, oder nach Anklam, wo ein unbekannter Neuling namens Frank Castorf die sozialistische Republik verschreckte – Mattke sah dabei zu. »Das Gute war ja, dass man damals noch mit dem Zug immer nach Hause kam.« Heute schafft man es nach einem Theaterabend nicht einmal mehr von Dresden nach Leipzig zurück. Doch auch die Messestadt hatte ein paar Preziosen zu bieten. Das Poetische Theater etwa, wo Mattke genau jenes frische, innovative Theater fand, für das er sich begeistern konnte. Hier wagten zum Beispiel Jo Fabian und Konstanze Lauterbach ihre ersten Schritte. Lauterbach kam nach 1989 wieder ans Schauspiel Leipzig, aber schon der Antritt von Intendant Wolfgang Engel löst im Rückblick keine Begeisterungsstürme aus. Mattke kannte natürlich seine DDR-Arbeiten in Dresden und findet heute, dass Engel der Biss verlorengegangen sei. Dafür aber gab es tolle Nachwuchsarbeit: Michael Thalheimer, Armin Petras zogen Mattke in ihren Bann. Er will Innovation statt Texttreue, Theater muss ihn zum Nachdenken anregen, erst dann findet er es gut.

Mit dem Fall der Mauer erweitert sich sein Bewegungsradius: Frankfurt, Köln, Hannover. Mattke fährt und guckt, findet neue interessante Regisseure und einer von ihnen wird vollkommen überraschend Intendant des Leipziger Hauses: Sebastian Hartmann. Es ist die größte Zeit für Werner Mattke. Er kennt Hartmann noch als Student, auch wenn er die skandalumwitterte Sarah-Kane-Aufführung in der Schaubühne Lindenfels verpasst hat. Dafür sah er Hartmanns Arbeiten in Berlin und Hamburg. Mattke wohnt nun quasi im Theater. Am häufigsten sieht er »Kirschgarten« und »Publikumsbeschimpfung«, ein Abend, der je nach Laune der Schauspieler zwischen zwei und fünf Stunden dauern kann. Er hat seinen Stammplatz in der ersten Reihe links, direkt neben den Feuerwehrmännern. Der Theaterhimmel ist selig. Als er merkt, dass Hartmann aus der Stadt und dem Freundeskreis des Schauspiels jede Menge Gegenwind entgegenschlägt, gründet er mit einigen Gleichgesinnten einen Stammtisch. Der sollte für Hartmanns Arbeit werben und dem Haus ein Signal der Unterstützung geben. Mattke wird Hartmann-Lobbyist.

Und ist es auch nach dessen Abgang geblieben. Den Spielplanentscheidungen von Enrico Lübbe kann er wenig abgewinnen. Mutlos seien diese und zu sehr auf den Schullehrplan und Publikumsgeschmack in dieser Nicht-Theaterstadt ausgerichtet. Schon die Entscheidung zugunsten Lübbes empfand er als Farce, für die der Oberbürgermeister alleine die Verantwortung trage. »Wir hätten Volker Lösch haben können …« Als er Burkhard Jung am Rande einer Veranstaltung zur Rede stellen will, wird er abgebügelt. Ins Theater geht er trotzdem immer noch und sitzt mit seinem Pulli dann zumeist Reihe 7 Mitte – zugleich auch der Name des Theaterstammtisch-Blogs. »Das ist zu Informationszwecken, man muss ja wissen, was los ist, wenn man mitreden will.« Das junge, vitale Theater aber, für das sein Herz so sehr schlägt, findet er derzeit meistens woanders: bei den Cammerspielen oder der Werkstattreihe im Lofft.

In der jetzt beginnenden Spielzeit möchte der frischgebackene Rentner 100 Aufführungen in ganz Deutschland besuchen und darüber in einem neu aufgesetzten Blog schreiben. Die Bahncard 100 ist schon bestellt, aber er sucht noch Unterstützung für Übernachtungen und hofft auf wohlwollende Theater, die ihn ermäßigt einlassen.

Wie immer wird er dabei allein ins Theater gehen. Seine Frau war nur einmal mit und seit sie danach im Schneesturm nach Markkleeberg laufen mussten, hat sie keine Lust mehr auf diese Art von Kultur. Werner Mattke hält das nicht auf. Er hält weiter Ausschau nach Frischem und Vitalem auf deutschen Bühnen.

http://www.wernerswelt.de/

Dieser Text erschien auch in der April-Ausgabe des kreuzer.

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Ein Kommentar

  1. iwd | 9. September 2015 | um 18:54 Uhr

    Sehr schöner Text, wobei das Namedropping erwartunggemäß und beinah weithin bekannt ausfällt. Dafür muss man nicht nah dran gewesen sein, oder?

    Dass ein interessanter Regisseur ein schlechter Intendant und ein langweiliger Regisseur ein guter Intendant sein kann, kommt mir ebenso zu kurz wie die Schar der großartigen Schauspieler, für die Engel ein besseres Händchen hatte als Hartmann.

    Sehr irritiert mich, dass weder die euro-scene noch Knut Geißlers MANöVER / Off Europa Erwähnung findet. Ganz zu schweigen davon, dass Leipzig eine interessante Tanztheaterstadt sein könnte, wenn das Tanztheater nicht mit Kraft klein gehalten würde.

    Und wenn ich sehe, dass der Villengarten, in dem es jahrelang das interessanteste Sommertheater der Stadt gab, heute einer zwielichtigen Immobilienheuschrecke, die u. a. Jungs Wahlkampf spendabel unterstützte, gehört, dann frage ich mich, was mich so lange schon in dieser elenden Stadt hält, die alles Potential so zuverlässig zerstört.

    Wie man es dreht und wendet: 1000 Jahre Leipzig sind kein Grund zum Feiern.

    Aber klar, irgendwo muss man einen Punkt machen. Und ich werde mir Werners Blog mal anschauen!