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Fluchthilfe als Pflicht

Leipziger Aktivisten bringen Geflüchtete über die ungarisch-österreichische Grenze

Foto: Caruso Pinguin Größeres Bild

Es ist ein Impuls, der treibende Wunsch, etwas tun zu müssen. Das Nicht-zusehen-Können, was in diesen Tagen an den europäischen Grenzen passiert. Als Ungarn bekannt gibt, die Grenze nach Serbien zu schließen und somit den Weg vieler aus zahlreichen Ländern Flüchtender abzuschneiden, entscheiden sich Leipziger Aktivisten kurzerhand, Fluchthelfer zu werden. Nach dem Vorbild aus Wien, von wo aus vergangene Woche bereits über 170 Autos Geflüchteten über die Grenze halfen, rief die Gruppe »Prisma – Interventionistische Linke Leipzig« dazu auf, es ihnen gleichzutun.

»In diesen Zeiten liegen Humanismus und Militanz nah beieinander: Fluchthilfe ist legitim«, schreiben sie. Zahlreiche Engagierte kommen binnen kurzer Zeit zu einem Koordinationstreffen zusammen und beginnen, einen Plan zu erarbeiten. Es sind Menschen aus ganz unterschiedlichen Kontexten: Studenten, Rentnerinnen, Journalisten, Aktivisten. Fünfzehn Autos finden sich schließlich zum »Konvoi der Hoffnung« zusammen, der am Montagmorgen in Leipzig startet.

Über Dresden und Wien geht es an die österreichisch-ungarische Grenze. Der Plan ist, die Geflüchteten, die zum Teil tagelange Fußmärsche durch Wind und Wetter hinter sich haben, mit den Autos nach Österreich oder Deutschland zu bringen. Die Teilnehmenden des Konvois kritisieren die Zustände in den ungarischen Lagern, in denen tausende Geflüchtete untergebracht sind, scharf. Pressesprecher Jan Liebig erklärt, warum sie Fluchthelfer sein wollen: »In Ungarn herrschen Zustände, die wir nicht hinnehmen können. Es ist unsere humanitäre Pflicht, jetzt Menschen hier her zu holen. Täglich sterben Menschen bei dem Versuch, Kriegen und sozialer Not zu entfliehen. Wo Unrecht zu Recht wird, wird Fluchthilfe daher zu Pflicht.«

Eine Pflicht, die nicht ohne Hindernisse zu erfüllen ist. Noch am selben Tag setzt die Bundesregierung das europäische Schengen-Abkommen zur Reisefreiheit innerhalb der EU außer Kraft und führt Grenzkontrollen an den deutschen Außengrenzen ein. Wer keinen europäischen Pass hat, der wird es schwer haben, nach Deutschland einzureisen. Die Aktivisten laufen Gefahr, der Schleuserei bezichtigt und festgenommen zu werden. Und tatsächlich werden einige von ihnen, darunter auch die Bundestagsabgeordnete Christine Buchholz (LINKE), kurzzeitig in Gewahrsam genommen, dann aber wieder freigelassen, weil der Vorwurf der Schleuserei nicht haltbar ist, weil sie zum Beispiel kein Geld nehmen. »Wir lassen uns nicht einschüchtern, unser ziviler Ungehorsam gegen die Abschottungspolitik ist angesichts der humanitären Katastrophe in den Transitländern legitim. Wir haben hunderten erschöpften Menschen geholfen. Das war keine Straftat, sondern einfach nur menschlich«, sagt Liebig.

Sowohl emotional als auch logistisch ist die Fluchthilfe selbst eine große Aufgabe. Zahlreiche Geflüchtete laufen durch strömenden Regen zu Fuß oder versuchen, eins der überteuerten Taxis zu erwischen. Auch weil viele Taxifahrer versuchen, Profit zu schlagen, sind einige Flüchtende auch den Fluchthelfern gegenüber misstrauisch. Die Helfer können ihnen mit Dolmetschern und freundlichen Worten jedoch klar machen, dass sie mit guter Absicht kommen. Viele sind einfach nur dankbar, wie zum Beispiel eine Mutter, die mit zwei kleinen Kindern im Regen steht und die ganze Fahrt nach Wien lang weint. »Wir haben in dem Moment einfach funktioniert«, sagt Liebig, »es musste schnell gehen, damit wir so vielen wie möglich über die Grenze helfen konnten.«

Insgesamt können die Fluchthelfer aus Leipzig gemeinsam mit Unterstützern aus vielen weiteren Städten am ersten Abend rund 300, am zweiten noch mal etwa 50 Menschen über die Grenze bringen, wo sie den deutschen Behörden zur Registrierung übergeben werden. Sie sammeln sie am Bahnhof Hegyeshalom (Ungarn), an Grenzübergängen oder am Straßenrand ein. Wo es geht, mit dem Auto. Oft können sie sie nur über den Fußweg begleiten. Andere werden auf ihren Wunsch hin sogar bis nach Sachsen gefahren. Der Konvoi sieht sich als Gegenbewegung zur europäischen und auch deutschen Asylpolitik.

Nach zwei Tagen aktiver Fluchthilfe fahren die Leipziger am Dienstagabend erschöpft wieder zurück. Doch die Grausamkeiten an den europäischen Grenzen gehen weiter. In Ungarn werden schon am Mittwoch Grenzzäune errichtet. Geflüchtete, die versuchen, sie zu überwinden, um den Weg über Ungarn nach Österreich, Deutschland und Skandinavien zu schaffen, werden mit Tränengas beschossen und mit Wasserwerfern zurückgehalten. Bilder von blutenden, weinenden Kindern prägen die Ereignisse. Doch der Konvoi der Hoffnung soll kein singuläres Ereignis sein, stattdessen will man die Idee weiterführen. »Der Fluchthilfe-Konvoi hat gezeigt, dass wir gemeinsam Anfänge für ein solidarisches Europa gegen die kalte Politik der Grenzen schaffen können«, so Liebig. Weitere Fluchthilfeaktionen sind in Planung. Und auch wenn der Konvoi nur Einzelnen helfen kann, so ist er laut Aktivisten doch ein »Symbol, dass die Festung Europa nicht allmächtig ist«.

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