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»Tanz ist keine Institution«

Choreografin Sonja Pegrad über den »Off Europa«-Fokus Kroatien

Szene aus Sonja Pegrads Performance »Sequel For the Future«, Foto: Damir Zizic Größeres Bild

Am Freitag beginnt das Tanz- und Performancefestival »Off Europa«. Bei seiner 24. Ausgabe steht Kroatien im Fokus, ein von seinen Künsten her immer noch wenig bekanntes Land. Choreografin Sonja Pegrad erklärt im Interview, was man davon erwarten kann.

kreuzer: Gibt es einen gemeinsamen Nenner im kroatischen Tanz?

SONJA PEGRAD: Die Tanzszene ist lokal, es sind relativ wenige ausländische Künstler in Kroatien tätig. Andererseits kehrte die Mehrheit der Künstler, die ihre Ausbildung im Ausland absolvierten, zurück und arbeitet in Kroatien. Dadurch sind Informationen und Wissen sowie internationale Verbindungen präsent und die Szene ist ziemlich dicht.

kreuzer: Erkennen Sie inhaltliche oder formale Schwerpunkte?

PEGRAD: Die Szene ist vielseitig. Oft wird der Tanz als ein Raum des Fragens mobilisiert, um zu schauen, was Tanzen macht, anstatt wie es aussieht. Das ist zum Teil Resultat der internationalen Entwicklung im Tanz, hat aber auch mit einem Kanon sehr stark konzeptionell, sozial und politisch engagierter Kunst in allen Ländern Jugoslawiens im 20. Jahrhundert zu tun.

kreuzer: Wie gestalten sich die Beziehungen zwischen freien Gruppen und Stadttheater?

PEGRAD: Das Stadttheater ist stabil, mit Infrastruktur und Förderung, aber oft langsam und wenig schöpferisch. Die unabhängige Szene ist heute sehr randständig, aber hier ist der Ort, wo Innovation, Kritik, politische Subversion und interkulturelle Zusammenarbeit stattfinden – durch verschiedene Strukturen wie EU-Projekte, Festivals, Konferenzen, Kollaborationen in der Szene. Tanz ist in Kroatien nicht institutionalisiert. Es gibt erst seit drei Jahren eine Tanzakademie, zwei zeitgenössische Tanzkompanien mit einer über 50-jährigen Geschichte kämpfen jährlich um Förderung und fast alle anderen Gruppen und Einzelkünstler arbeiten ohne eigenen Raum.

kreuzer: Sie pendeln zwischen Zagreb und Berlin: Welche Unterschiede sehen Sie?

PEGRAD: Berlin wird mehr und mehr zum Marktplatz des internationalen Tanzes, mit einer enormen Zahl von Künstlern, die kommen und gehen. Dadurch entsteht eine aufregende, aber auch instabile Landschaft, obwohl die Förderung relativ groß ist. Zagreb ist in dieser Hinsicht das genaue Gegenteil: Die Zahl der Künstler fluktuiert kaum, das Prekäre entsteht durch die geringe Förderung und den Status des Theaters in der Politik.

kreuzer: DDR-Bürger verbanden mit Kroatien Karl-May-Verfilmungen. Welche Assoziationen gibt es Ihrer Meinung nach heute?

PEGRAD: Diesen Sommer habe ich nicht wenige Ostdeutsche in Kroatien getroffen, und ich hörte immer wieder »Urlaubsland«.

kreuzer: Beeinflussen sich deutsches und kroatisches Theater?

PEGRAD: Sicherlich tun sie das in der globalen Marktgesellschaft von heute. Ich kann das aber eher anhand der Zahl der Zusammenarbeiten ausmachen denn hinsichtlich ästhetischer Einflüsse. Für uns, persönlich gesprochen, ist es toll, auf Festivals wie dem »Off Europa« aufzutreten, weil wir unsere Arbeiten so in verschiedenen Städten und anderen Kontexten zeigen können.

»Off Europa: next stop Hrvatska«: 18.–26.9., http://www.bfot.de

Dieses Interview erschien auch in der September-Ausgabe des kreuzer.

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