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Von Nullpunkten und Ekstasen

Ein Spinnereirundgang ohne Besuchermassen

Foto: Britt Schlehahn Größeres Bild

Zwei Wochen nach dem Rundgang zeigt sich die Kunst auf der Spinnerei abseits der Menschenmassen in ruhiger Umgebung. Was ist zu sehen und was nicht? Welche Trends gilt es auszumachen?

Vor zwei Wochen bevölkerten sehr viele Menschen beim Herbst-Rundgang die Spinnerei. Sie waren auf der Suche nach aktuellen Trends im lokalen Kunstfeld, Speisen und Getränken und/oder der Aufmerksamkeit von anderen Menschen. Nach dem Auflauf präsentiert sich das Gelände an einem Werktag wohltuend leer, um mit ruhigen Augen auf das Dargebotene zu schauen. Von der Spendenaktion der Galerien für den Leipziger Flüchtlingsrat sind noch Banner übrig geblieben, die von Spinnereiseite geschätzten 20.000 Besucher gaben 5.000 Euro. Ebenfalls tagesaktuell zeigt sich das Billboard zwischen der Galerie Jochen Hempel und der neuansässigen Galerie Boeske & Hofland aus Amsterdam. Den beim Rundgangbeginn dort zu lesenden Satz der Leipziger Autorin Heike Geißler »Ich kann nicht denken bei geschlossenen Grenzen« ergänzte sie handschriftlich um den Tagebucheintrag vom 13. September: »Deutschland führt die Grenzkontrollen wieder ein.«

Was ist nun abseits der Tagespolitik in den Galerien zu sehen? Rein quantitativ dominiert wie immer die Malerei. Als Motivtrend lässt sich die Landschaft ausmachen, die fast überall zu sehen ist – natürlich in ganz unterschiedlichen Facetten und Qualitäten.

Bei zwei Galerien verbindet sie sich gar mit dem Begriff »Ekstase« in Kombination mit figurativer Malerei. Julius Hofmann und Michael Kirkham fassen ihren Auftritt bei Kleindienst als »Ekstatische Einsamkeit« zusammen. Hierbei treffen die von Hofmann gewohnten immer etwas viel zu sehr definierten Körperdarstellungen auf seltsam morbide Landschaften, die sich ebenso wie die Menschen bei Kirkham in einer tiefen depressiven Stimmung zeigen. Ganz anders dagegen präsentiert die Galerie Dukan die Malerei von Romain Bernini zu »Ecstatic Island«. Hier beherrschen hochformatige Landschaftsaufnahmen aus Haiti mit Detailausschnitten aus dem Regenwald in naturalistischer Manier den Auftritt. Depressionen könnte man allerdings auch hier erspüren im Hinblick auf die Abholzungsquoten der letzten Jahrzehnte. Aber hier geht es nicht darum, sondern um Vodoozauberei.

Zwischen Ekstase und abstrakten Landschaften liegt die Präsentation von Ati Maier bei Jochen Hempel. In »Parallel Universes« zeigt er neben Leinwand- und Papierarbeiten, die Räume auf bunte und vielfältige Weise ineinander strudeln lassen, den Film »The Map is not the Territory«. Reiter und Pferd – jeweils mit Helm versehen – bewegen sich durch eine öde Landschaft, um das Eigene vom Fremden abzustecken und mittels einer Fahne das neue Eigentum zu versehen. Diese Mischung aus nordamerikanischer Geschichte samt Moon Walk wird verbunden mit atmosphärischen Klängen unter Sternenkonstellationen, die die politische Reichweite dieser Gesten in ein vermeintlich buntes Universum verortet.

Noch etwas abstraktere Landschaften zeigt Benjamin Appel in der ASPN-Galerie mit »Der Fisch im Fisch«, obgleich konkrete Formen zu sehen sind. In seiner Malerei setzt er Räumflächen unterschiedlicher Farbtöne aufeinander, deren Oberflächen miteinander arbeiten. Die Installation im Galerieraum erinnert dagegen an die Urhütte. Der vorhandenen Eisensäule setzt er ein filigran wirkendes Stangengerüst gegenüber. Beide sind aber stark genug, um das Flachdach zu halten. Der im hinteren Teil der Galerie zu sehende Film zeigt den Grundriss der Wohnung, in welcher der Künstler aufwuchs. Dem simplen Grundriss stehen Kindheitserinnerungen in schwarz geränderten Räumen gegenüber – wie etwa »Der Fisch im Fisch«.

Wie Räume auf uns und unsere Erinnerungen wirken und wie sie von der Vergangenheit in die Gegenwart wirken, stellt auch im Archiv Massiv Louis Volkmann unter anderem mit seiner Serie »Views of a Modern Post« vor. Die 27 Fotografien zeigen von Außen nach Innen den Stand des Verfalls und dem einstigen Anspruch von Moderne und Funktionalität des Gebäudes. Ganz andere Landschaften im Inneren und Äußeren stellt Matthias Ludwig ebenfalls im Archiv Massiv vor. Seine Gemälde zeigen Landschaften sowohl innerer als auch äußerlicher Natur, die einem imaginierten Realismus innewohnen.

Bei The Grass is Greener prallen abstrakte und realistische Raumlandschaften aufeinander. Wolfram Ebersbach interessieren dabei schon seit Jahrzehnten Stadtlandschaften und raumschaffende Elemente, die er teilweise sehr fragmentiert wiedergibt. Die hier gezeigten Papierarbeiten stellen in ihrer filigranen Wirkung einen großen Gegensatz zu den schwarz-weiß gehaltenen mächtigen Raumansichten dar, die er auf Leinwänden präsentiert. Das gestaltete Innenleben der Villa Wittgenstein bemüht Georg Brückmann.

Die Halle 14 wendet sich den vielfältigen Landschaften unseres Seelenlebens im Kreis als Sender und Empfänger mit der Ausstellung »Kontrollmodus Feedback« zu. In angestammter Halle 14-Manier wurden dafür internationale Kunstschaffende auf die Spinnerei gelotst, die sich dem Versprechen und der Realität von Interaktion in sozialen Experimenten widmen. Die unterschiedlichen Arbeiten offerieren die vielen Fallstricke zwischen vermeintlicher Freiheit und offenem Gefangensein, zwischen der Diktatur von Interaktion und Partizipation, die sich heute fast überall zeigen und doch manchmal sehr leicht missgedeutet werden.

Aber auch weg vom Landschaftsthema gibt es einiges zu sehen. Thaler Originalgrafik präsentiert eine kleine Retrospektive von Christoph Ruckhäberle, denn die gezeigten 37 Arbeiten zeigen vom ersten Druckversuch 2005 bis zum ganz frischen Werk 2015 das bildhafte Druckreich des Künstlers.

Unter dem Motto »Von Zero an« präsentiert die Deutsche Bahn Stiftung in der Werkschauhalle die Kunstsammlung, welche sie von der Stinnes AG übernahm. Zu sehen sind Arbeiten, die also ein Unternehmen ankaufte, um die Geschäftsräume zu bebildern. Das sollte nicht vergessen werden, wenn an Vasarely und Uecker vorbeimarschiert wird. Das damals in den sechziger Jahren Innovative an der Künstlergruppe Zero – deren Licht-Objekt-Installationen – ist nicht zu sehen, sondern eher behäbige westdeutsche siebziger und achtziger Jahre Malerei aus Westdeutschland, die sich schön an die Wand guckt – wenn man es mag. Interessant ist dabei allerdings, dass klar wird, warum die in der Sammlung nicht vorhandenen Jungs von Rhein, Ruhr und Spree Ende der siebziger Jahre an den Leinwänden ausrasteten und als sogenannte Neue Wilde das Malfeld aufrollten. Auf die Behäbigkeit der dekorativen Oberflächen, die hier zu sehen sind, musste reagiert werden. So macht die Ausstellung Sinn, wenn sich das nichtgezeigte Gleichzeitige vor dem inneren Auge abspielt.

http://www.spinnerei.de

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