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Zur Improvisation gezwungen

Die Hilfsbereitschaft in der Ernst-Grube-Halle ist groß – aber auch das Chaos

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Seit knapp 50 Tagen wird die Ernst-Grube-Halle als Unterkunft für Geflüchtete genutzt. Mehr als 400 Menschen leben zurzeit hier. Die meisten, die mithelfen, sind ehrenamtlich in der Halle, eine Mitarbeiterin vom Ministerium macht Dienst nach Vorschrift. Unser Kollege Behsad Hatami wurde als Übersetzer gerufen. Er erzählt von chaotischen Zuständen – und gemeinsamen Scherzen.

Die grünen Feldbetten bedecken den Boden der Halle fast komplett. Dicht an dicht stehen sie, mit gerade einmal genug Platz, um sich hindurchzudrängen, außerdem drei breitere Korridore, die von der einen Seite des Raumes zur anderen führen.

Hier und da ist ein Stück Absperrgitter aufgebaut, das als Möglichkeit genutzt wird, um Kleidung aufzuhängen. Überall sind Menschen, sie stehen herum, sitzen oder liegen auf den Betten. Es erinnert an Aufnahmen von Notunterkünften, in denen die Bewohner von Städten einquartiert werden, nachdem ihr Zuhause von einem Erdbeben oder Hurrikan zerstört wurde.

Ich befinde mich in der Erstunterkunft Ernst-Grube-Halle. Vor etwa einer halben Stunde bekam ich einen Anruf: Es werde dringend ein Persisch-Dolmetscher gesucht, der am besten direkt herkommen kann, um für Menschen aus Afghanistan und dem Iran zu übersetzen. Worum es dabei genau geht, weiß ich zunächst nicht. Nachdem ich mich an das Bild gewöhnt habe, das sich einem bietet, wenn man die Unterkunft betritt, ist mein erster Gedanke, dass sich die hier einquartierten Leute – der Wohnsituation entsprechend – relativ ruhig und entspannt verhalten. Ich spreche ein paar Johanniter an, die mir meine Aufgabe zeigen.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Chemnitz organisiert eine Sprechstunde. In einem Wohncontainer sitzt eine Frau am Schreibtisch und soll Fragen von Geflüchteten bezüglich des weiteren Vorgehens und ihrer Umquartierung beantworten. Ein ehrenamtlicher Helfer soll dafür sorgen, dass alles einigermaßen geregelt abläuft. Das improvisierte Dolmetscherteam besteht aus einer Schülerin, die Türkisch und Kurdisch spricht, mir als Persisch-Übersetzer (wobei ich mit dem afghanischen Dialekt meine Probleme habe) und einem syrischen Geflüchteten, der neben seiner Muttersprache auch gut Englisch spricht und deshalb notgedrungen als Arabisch-Dolmetscher einspringen muss.

Gerade sind eine alte afghanische Frau und ihr Sohn an der Reihe, für die ich übersetzen soll. Sie erzählt mir, dass sie die Erstunterkunft möglichst schnell verlassen und zu ihrer Tochter ziehen möchte, die bereits seit sieben Jahren in Mainz wohnt. Als Reaktion darauf wird den beiden ein mehraktiger Bürokratiemarathon geschildert: Zunächst mit einem Bus, der die Geflüchteten einsammelt, nach Chemnitz fahren und dort eine Blutuntersuchung machen. Dann wieder zurückfahren und hier warten, bis die eigenen Namen auf einer Liste von Leuten auftauchen, die innerhalb von Sachsen in eine längerfristige Unterkunft umquartiert werden. Von dieser neuen Stelle aus dann nochmals einen Antrag stellen, um außerhalb Sachsens einquartiert werden zu können. Wann dieser Bus, der die Menschen nach Chemnitz bringt, das nächste Mal kommt, ob die Plätze ausreichen, damit sie mitfahren können und wie lange es dauert, bis ihre Namen auf der Liste erscheinen, zu all diesen Fragen kann die Frau vom BAMF nichts Konkretes sagen. Sie versichert lediglich, dass es lange dauern werde.

Bei den Geflüchteten und ehrenamtlichen Helfern steigt indes die Verärgerung über die Sinnlosigkeit der Veranstaltung. Man bekommt den Eindruck, dass hier auf alle Probleme stets dieselbe Antwort gegeben wird: Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Das führt dazu, dass einige die Geduld verlieren und ihrer Verärgerung nachgeben. Es gibt Gedrängel und immer wieder kleinere Streits.

Andererseits eint die Hilflosigkeit. Trotz kollektiver Unzufriedenheit und teils großer Sprachbarrieren wird viel gescherzt und Unsinn gemacht. Einer der Securities hält einen Hallenbewohner fest und tut so, als würde er ihn verhaften. Alle lachen und sind kurz abgelenkt. Dass sich Helfer und Geflüchtete gut verstehen und die Hilfsbereitschaft nach wie vor sehr hoch ist, kann allerdings nicht über das Chaos, das hier herrscht, hinwegtäuschen. Ohne ehrenamtlichen Einsatz würde hier wenig funktionieren, dennoch ist der Mangel an ausgebildetem und erfahrenem Personal an vielen Ecken spürbar.

Die Mehrheit der Menschen, die hier wohnen, kommt aus Syrien. Es sind aber auch viele aus Afghanistan und dem Irak da. Man sieht vor allem junge Männer und Familien. Paare ohne Kinder und einzelne Frauen sind die Ausnahme. Die Fluktuation bei den Helfern scheint recht hoch zu sein. Viele, mit denen ich spreche, erzählen mir, dass sie gerade zum ersten oder zweiten Mal da sind. Es fallen mir nun beim genaueren Hinschauen auch immer wieder Flüchtlinge auf, die genervt auf den Feldbetten liegen und die Decken über ihren Kopf gezogen haben. Privatsphäre sucht man hier vergeblich. Einige Bewohner kippen ihre Feldbetten seitlich um und benutzen sie als Begrenzungen, um sich eine Illusion von Wohnraum zu errichten.

Ein großes Problem ist, dass es hier kaum etwas zu tun gibt. Man kann ein bisschen im Hof Fußball spielen, draußen rumspazieren, eine rauchen, viel mehr Beschäftigung gibt es meist nicht.

Allzu dramatische Auseinandersetzungen habe ich hier bisher noch nicht erlebt, weder an diesem Tag, noch an anderen, an denen ich in der Halle war. Doch wenn so viele Menschen unter diesen Bedingungen über längere Zeit und ohne Beschäftigung aufeinandersitzen, kann man sich eigentlich nicht wundern, wenn irgendwann die Geduld am Ende ist. Das dann auf die Herkunft zu beziehen, ist sehr kurz gedacht.

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Ein Kommentar

  1. Volker Bastert | 6. Oktober 2015 | um 11:54 Uhr

    Das ist die interessante Frage: welche Art von sinnvoller Beschäftigung kann man den ganzen Leuten geben, ohne dadurch irgendwelchen anderen anderswo Arbeit wegzunehmen? Im 2. Weltkrieg mußte mein Vater im Gefangenenlager Holz von einer Ecke des Platzes auf die andere tragen und anschließend wieder zurück.
    Vielleicht wäre für Ernst Grubes Halle eher etwas Künstlerisches oder Musikalisches gefragt. Kreative Sachen, die es noch nirgendwo gibt, aber die etwas langwierig und arbeitsaufwändig einzuüben oder zu malen sind.