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Baader-Meinhof-Gag

Mit Witz und Wasserpistole: Frank Witzels Wahnsinnswerk – keine Rezension

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Der Roman »Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969« gewann am Montag überraschend den Deutschen Buchpreis. In unserer Buchmessenbeilage :logbuch erfreuten wir uns im März schon über den Wahnsinn dieses Werks.

Oops, he did it again! Frank Witzel hat den nächsten Montageroman zusammengepuzzelt – so aberwitzig, dass ihm mit keiner distanzierten Kritik Genüge getan werden kann. Das nennt man wohl Postmoderne, was Witzel da als Reflexivwerden der Lektüre veranstaltet. Kann mir mal einer die Wasserpistole reichen: Als Teenager gründet er mit Claudia und Bernd die RAF – mit dem Logo eines Turnvereins. Fast geht alles schief, weil sie nicht Achims Luftgewehr mitgenommen haben. Die Frau von der Caritas wittert Linksterrorismus, plötzlich ist man in der Psychiatrie, zwanzig Jahre später oder so, wird verhört. Bleierne Frage-Antwort-Spiele, Deutschland im Schweineherbst.

Die Grenzen seiner Sprache bedeuteten die Grenzen seiner Welt – frei nach Wittgenstein. Auf der Flucht vor Schleyer-Fahndung und Horror vacui filzt Witzel ins Episoden-Hopping kleine Pop- und Philosophiediskurse zum mäandernden Bewusstseinsstrom mit Flusen und Flausen. Dabei flicht er schillernde Strähnchen in die fusseligen Bärte der Tupamaros und Stadtindianer. Permanent ploppen religiöse Bilder auf, schreibt der offenbar(ende) Offenbacher eine Hagiografie für den solipsistischen Geist, verewigt diesen in einer Legenda aurea. Denn Reden ist Silber, Schwelgen ist Gold. Obendrein inszeniert er den Tod des Autors, fährt die Serpentinen der Semiotik ab, mobilisiert Bloch und Adorno, um mit allen Möglichkeitssinnen nach der konkreten Utopie zu tasten. Kurzum: Dieses Buch ist ein Wahnsinn. »Nah ist / Und schwer zu fassen er flott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.«

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Berlin: Matthes & Seitz 2015. 800 S., 29,90 €

Dieser Text erschien im :logbuch 2015.

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