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»Jeder kann am Laptop ein Label gründen«

Matthias Tanzmann über 15 Jahre Moon Harbour, verschollene Platten und Rockstars

Matthias Tanzmann, Foto: Fanziska Barth Größeres Bild

Sein 15-jähriges Bestehen feiert Moon Harbour in diesem Monat mit Compilation und großer Tour. Als Matthias Tanzmann und André Quaas das Label im Jahr 2000 gründeten, agierten sie noch aus dem Wohnzimmer heraus. Inzwischen legt Tanzmann überall auf der Welt auf.

kreuzer: Was hat sich seit eurem Labelanfang bis heute verändert?

MATTHIAS TANZMANN: Es ist 20 Jahre her, dass elektronische Musik Subkultur war. Inzwischen wissen meine 65-jährigen Eltern, was Techno ist. Nicht, weil sie meine Eltern sind, sondern weil es etabliertes Musikgeschehen ist. In den letzten zehn Jahren hat die elektronische Musik richtige Superstars hervorgebracht – wie die ganzen David Guettas. Aber auch in der Nische der Undergroundmusik werden DJs als große Bühnenstars präsentiert. Das hat sich geändert zu den neunziger Jahren.

kreuzer: Ist das gut oder schlecht?

TANZMANN: Prinzipiell ist das gut, weil nicht nur der DJ davon profitiert, sondern eine gesamte Industrie entstanden ist, in der viele Leute von dem leben können, was ihnen Spaß macht – vom Booker bis zu den Clubbetreibern. Klar gibt es immer Gralshüter der Musik, die sagen, dass es nicht gut sein kann, wenn sich Musik so kommerzialisiert. Aber Underground und Avantgarde sind immer schon im Pop aufgegangen. Man kann nicht erwarten, dass nach 20 Jahren Techno komplett unter dem Radar bleibt und sich dann auch nicht weiterentwickelt. Da muss sich dann die junge Generation was Neues einfallen lassen.

kreuzer: Wie habt ihr euch Moon Harbour einfallen lassen?

TANZMANN: Das fing in der Distillery an. Der damalige Mitbetreiber André Quaas und ich hatten beide getrennt voneinander den Wunsch und die Idee, ein Label zu gründen. Das war Silvester 1999.

kreuzer: Woher kam dieser Wunsch?

TANZMANN: Ich hatte schon auf anderen Labels Musik veröffentlicht und der konsequente nächste Schritt war, sich und auch anderen Künstlern eine eigene Pattform zu schaffen.

kreuzer: Aber ist Labelarbeit nicht eher abtörnend für Künstler?

TANZMANN: Ja, deswegen mache ich auch nicht so viel Labelarbeit wie André. (lacht) Aber ich habe mich von Anfang an nicht nur als Künstler verstanden, sondern wollte etwas aufbauen und eine Marke setzen, mit der ich in Verbindung stehe.

kreuzer: Wie sah die Labelarbeit am Anfang aus?

TANZMANN: Das lief aus Andrés Wohnzimmer heraus. Wir hatten ja nicht so viel zu tun damals, haben vielleicht drei oder vier Platten im Jahr herausgebracht. Das war kein Tagesgeschäft, wo man ans Telefon gehen musste.

kreuzer: Was waren die ersten Releases?

TANZMANN: Die erste war von mir, mit Gamat 3000. Die zweite war Marlow, damals ein Resident von der Distillery. Die dritte wieder ich allein. Am Anfang kamen viele aus dem privaten Umfeld und aus Freundeskreisen, also alles sehr lokal.

kreuzer: Wie sieht das heute aus?

TANZMANN: Heute bringen wir auch Sachen von Menschen raus, die wir noch nie getroffen haben. Auf dem klassischen Weg des Demos.

kreuzer: Hört ihr euch die alle an?

TANZMANN: Es gibt einen im Label, der sich da viel anhört. Aber auch nicht alles. Die kommen ja nicht mehr auf dem klassischen Postweg, sondern über Soundcloud oder Dropboxes. Das ist absurd viel – dem wirst du nicht Herr. Was nicht unbedingt schlecht ist, denn jetzt können ja auch viel mehr Leute Musik machen als vor 20 Jahren.

kreuzer: Was hat sich in der Zeit sonst generell verändert?

TANZMANN: Wir haben zu Zeiten angefangen, als wirklich noch Tonträger hergestellt wurden. Mittlerweile kann man ein Label gründen, indem man einfach am Laptop sitzt und Musikfiles an Beatport oder einen anderen Shop schickt und sich einen Labelnamen gibt.

kreuzer: Wie wichtig ist dann noch ein Label wie Moon Harbour?

TANZMANN: Ein Vorteil ist natürlich die Reichweite. Und die Stärke der Marke. Wir sind so etabliert in dem speziellen Musikbereich, dass eine größere Zahl von Leuten uns folgt und in unsere Veröffentlichungen reinhört. Als neues Label dringt man ja gar nicht durch die Masse. Und wir können den Künstlern Kommunikation, Werbung, Verlagswesen und professionelles Handling anbieten, das über 15 Jahre aufgebaut wurde. Die meisten wollen bei uns veröffentlichen, weil sie sich einen Karrieresprung als DJ erhoffen.

kreuzer: Wie einschneidend war bei Moon Harbour der Wandel zum digitalen Format?

TANZMANN: Wir hatten schon einen Digitalvertrieb, als Schallplatten noch gut liefen. Der wurde immer stärker, und die Vinylverkäufe ließen nach. Bis auf die Katastrophe, dass unser Plattenvertrieb insolvent wurde und wir komplett auf den Produktionskosten sitzen blieben, haben wir die Entwicklung relativ bewusst und gefasst mitgemacht.

kreuzer: Besorgen sich die Leute die digitalen Tracks nicht irgendwo kostenlos?

TANZMANN: Wir stellen unsere Veröffentlichungen bei Youtube rein, weil es da eh landen würde. Und darunter die Infos, wo man es kaufen kann, und die Verlinkung zu den Künstlern. Denn DJs, die das halbwegs professionell machen, kaufen die Sachen auch. Ein oder zwei Euro und du hast den Song sofort da, in einer super Qualität. Wer macht sich da die Mühe, den zehn Minuten lang zu suchen und dann noch zu riskieren, dass es der falsche Track ist oder in einer schlechten Qualität? Das ist ja auch eine Frage der Wertschätzung von Musik.

kreuzer: Ist Vinyl unter DJs nicht mehr angesagt?

TANZMANN: In Deutschland noch recht stark im Liebhaberbereich, außerhalb von Europa sieht man es gar nicht mehr. Als vielreisender DJ hat eine Platte mehr Nachteile als Vorteile. Wenn du die Tasche eincheckst, musst du immer hoffen, dass sie mitkommt. Bei mir war die gut sechs Mal im Jahr weg. Da stehst du dann im Club und hast gar nichts. Heutzutage hat man dann noch einen USB-Stick dabei, aber früher musste man bei den lokalen DJs wühlen und ein paar Platten raussuchen.

kreuzer: Ist es nicht cooler, mit Platten aufzulegen?

TANZMANN: Bestimmt. Für einige Kids spielt das noch eine Rolle. Aber nach 15 Jahren Platten-Auflegen muss ich nicht mehr beweisen, dass ich die Geschwindigkeit anpassen und mixen kann. Das ist Handwerk, das kann jeder, der ein bisschen übt. Interessanter ist doch die Musik, die man spielt. Ich habe höchsten Respekt vor Leuten, die mit Platten auflegen. Aber fairerweise muss man sagen, dass es die meisten auf der Tanzfläche nicht interessiert. Da geht es darum, ob der DJ gute Musik auswählen kann und die Stimmung trifft.

kreuzer: Du legst inzwischen regelmäßig auf Ibiza auf. Sind die Gigs dort deine Haupteinnahmequelle?

TANZMANN: Gar nicht mal so sehr. Ibiza wird immer so als große, kommerzialisierte House- und Technoinsel gesehen. Aber das war ja früher nicht so. Sven Väth mit seiner Cocoon-Nacht war da der einzige Untergrundkämpfer, musikalisch. Später wurde das dann groß. In Ibiza verdienen zwar manche Leute richtig viel, aber für mich ist das nicht die große Gelddruckmaschine, sondern einfach eine wahnsinnig wichtige Bühne. Dort fahren die ganze Welt und alle Veranstalter hin, um Urlaub zu machen und zu sehen, wo die elektronische Musik gerade hingeht. Daher ist es wichtig, dass man sich da zeigt. Eine entscheidende Schnittstelle.

kreuzer: Unterscheidet sich das Publikum dort von dem hierzulande?

TANZMANN: Der einfache Unterschied ist, dass die Menschen da hinfliegen, um Urlaub zu machen. Und wenn man da ist, um alles hinter sich und loszulassen, ist das was anderes, als wenn man in seiner Wochenendroutine mit Freunden weggeht. In Ibiza ist alles ein bisschen wilder.

kreuzer: Wie zeigt sich das? Ziehen sich da alle aus?

TANZMANN: Nicht unbedingt. Eher wegen der Wärme. Die Südländer sind generell mehr outgoing. Als DJ hat man eine sehr dankbare Tanzfläche voller internationaler Leute, die Spaß haben wollen.

kreuzer: Im Sommer hast du bis zu 18 Termine pro Monat in verschiedenen Städten und Ländern. Wie verkraftet man das?

TANZMANN: Inzwischen entscheide ich die Gigs auch wegen der Reiseroute. Also, ob es zu einer vernünftigen Zeit Flüge gibt. Einfach, damit man das auch überleben kann.

kreuzer: Wie groß ist dabei die Gefahr des Versackens, um drei Tage weiterzufeiern?

TANZMANN: Das reguliert sich automatisch, wenn man drei, vier Termine am Wochenende hat. Du kannst dich mal eine Nacht betrinken, aber dann bist du am nächsten Tag platt. Viele Kollegen machen das auch, aber meistens geht es weitaus disziplinierter zu, als man sich das so von außen vorstellt.

kreuzer: Stattdessen sitzt man allein im Hotelzimmer?

TANZMANN: Ich habe immer den Tourmanager mit. Aber trotzdem ist man natürlich oft auch allein mit sich. Das muss man auch können. Ich kann zum Glück ganz gut allein sein, aber es gibt natürlich auch Momente, wo man es satt hat. Und normalerweise fliege ich nach Gigs so schnell wie möglich zurück, um auch mal ein paar Tage Freizeit zu Hause zu haben. Ich werde auch persönlich begrüßt am Flughafen. Der ist ja nicht so groß, da kennt man irgendwann jeden Mitarbeiter. Das ist der einzige Wermutstropfen von Leipzig, so sehr ich die Stadt auch liebe: Dass der Flughafen so wenige Direktverbindungen in die Welt hat. Da hat Leipzig einfach zu wenig Geschäftsleute und Industrie.

kreuzer: Und wie sind deine Eindrücke der Leipziger Elektro-Szene?

TANZMANN: In der Stadt passiert relativ viel. Ich gehe selbst nicht mehr viel weg, aber es gibt viele Aktivisten, die man in der Welt wahrnimmt.

kreuzer: Warum ist gerade die elektronische Musik in Leipzig so stark?

TANZMANN: Durch die Nähe zu Berlin kam die Prägung vielleicht schneller, weil viele immer nach Berlin gefahren sind und dann selber hier was aufgebaut haben. Die Szene hat sich immer gehalten. Auch dass jetzt viele Kreative und Künstler herziehen, um günstige Ateliers mieten, hilft der Stadt mit Sicherheit.

kreuzer: Wenn du in Tokio sagst, du kommst aus Leipzig, kennen die Leute das?

TANZMANN: Das ist sogar in Spanien schwierig. Man muss immer sagen, man kommt aus einer Stadt »bei Berlin«. Das kennen alle. International ist Leipzig nicht so bekannt, wie man hier denkt. In der Elektro-Szene haben vielleicht das Nachtdigital oder Kann noch eine Strahlkraft nach Holland. Aber wenn man statt des normalen Clubgängers, der vielleicht kulturell nicht so interessiert ist, breiter aufgestellte Leute fragt, kennen alle Leipzig. Ich weiß nur nicht, weswegen. Sportlich vielleicht neuerdings wieder, kulturell sowieso und politisch wegen der Wende.

kreuzer: Engagierst du dich politisch?

TANZMANN: Vor ein paar Wochen haben wir bei einem Charity-Event in Belgien für die Flüchtlingshilfe mitgemacht. Darüber hinaus mache ich nicht viel. Zumindest nicht öffentlich. Ich finde aber auch, dass man das nicht ausschlachten muss, wenn man was man spendet, es sei denn, man nutzt seine öffentliche Person, um andere zu motivieren. Aber es ist auch eine extrem unpolitische und egoistische Szene.

kreuzer: Woran liegt das?

TANZMANN: Hedonismus, Feiern, Spaßgesellschaft. Für viele Menschen ist das der Ausbruch aus der Realität, aus dem normalen Leben. Also für die, die feiern. Wenn man das seit 20 Jahren als Beruf macht, ist es natürlich das normale Leben.

Die Jubiläumscompilation erschien bereits auf Moon Harbour
Showcase mit Apollonia, Matthias Tanzmann, Sven Tasnadi, Dan Drastic: 17.11., Distillery

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