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Kino international

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

elclub Größeres Bild

Im derzeitigen Filmfestivalreihengewusel kann es passieren, dass reguläre Neustarts feiner Filme einfach hinten runter fallen. Eigentlich sollten an dieser Stelle unsere warmen Worte für die wundervoll kauzige irische Komödie »Familienbande« stehen, die der ein oder andere vielleicht schon von der Berlinale unter dem schönen Originaltitel »You’re ugly too« kennt. Obwohl die Passage, Leipzigs Programmkino-Platzhirsch, ihn fest für den 19. November eingeplant hat und ihn auch bis Mittwoch noch unter den Filmen für diese Startwoche führte, schaut der geneigte Kinogänger nun in die Röhre. Wer sich also schon auf den Film gefreut hat, muss entweder die Stadt verlassen oder Geduld beweisen, denn ab 10.12. läuft er im Cineding – ganz sicher. Bis dahin kann man sich ja im aktuellen kreuzer schon mal anlesen, warum sich der Kinobesuch lohnt und schaut in dieser Woche zum Beispiel den tollen »El Club« in der Kinobar, der zwei Wochen nach dem Bundesstart nun auch in Leipzig eine Leinwand gefunden hat. Oder man stellt sich der Qual der Wahl mit ganzen drei parallel laufenden Filmfestivals. Lateinamerika, Frankreich oder China – was darf es sein? In welchem Kulturkreis auch immer ihr euch bewegt, wir wünschen beglückende Kinostunden.

Film der Woche: Ein abgelegenes Haus in einem kleinen Ort an der stürmischen chilenischen Nordküste. Hier leben Padre Vidal, Padre Ortega, Padre Silva und Padre Ramírez – die vier Männer, die hier leben, sind nicht freiwillig hier. Man hat sie hierher geschickt, damit sie für die Verfehlungen aus ihrer Vergangenheit büßen, abgeschieden von der Welt und weltlicher Verfolgung. Sie scheinen nach strengen Hausregeln zu leben, umsorgt und beaufsichtigt von der gefährlich sanften Schwester Mónica. Die Ankunft eines neuen Mitbewohners durchbricht jäh das fragile Gleichgewicht ihrer täglichen Routine. Denn Padre Matías bringt die Vergangenheit mit, die sie hinter sich gelassen zu haben glaubten. Ätzende Abrechnung mit der katholischen Kirche, in ihrer Wucht nachhaltig. Regisseur Pablo Larraín (»La Nana«) erhielt auf der Berlinale den Silbernen Bären für die beste Regie.

»El Club«: 20./21., 23./24.11., Kinobar Prager Frühling

Von dem Land hinter den Bergen, jenem Ort der Sehnsucht, der der Wirklichkeit wenig gleicht, der aber Träume weckt – davon erzählt »Umrika«. Amerika ist dieser Ort, der in Hindi gesprochen immer wieder für glänzende Augen in dem kleinen Dorf Jitvapur sorgt. Von dort kamen einst Reichtümer und Geschichten, ausgemalt in den prächtigsten Farben über das Wasser nach Indien. Für Udais Mutter ist klar: Ihr Sohn muss dorthin, damit er es einmal besser haben würde. Als sich Udai verabschiedet, ahnt er nicht, dass es der Beginn einer schweren Zeit für die Familie wird. Insbesondere für Ramakant, seinen kleinen Bruder, den es schließlich selbst von zu Hause forttreiben wird.
Der Traum von einem besseren Leben treibt die Menschen rund um den Erdball an. Für viele von uns stellt Indien wohl einen solchen Sehnsuchtsort dar. Doch »Umrika« hat so gar nichts vom weich gezeichneten Bollywood-Kitsch, mit dem viele das Land verbinden. Gesang und Tanz bleiben außen vor, die Liebesgeschichte lebt in Zwischentönen. Stattdessen legt sich ein melancholischer Grundton unter die Geschichte des sympathischen und etwas naiven Optimisten Ramakant, der in die große Stadt geht, um sein Glück zu machen. Suraj Sharma, nach »Life of Pi« nun in der Serie »Homeland« bei uns zu sehen, spielt ihn überzeugend. Ihm zur Seite steht der quirlige Lobbyboy »Zero« aus »The Grand Budapest Hotel«, Tony Revolori. Als sein bester Freund Lalu beweist er oftmals den Mumm, der Ramakant fehlt. »Umrika« ist ein Kleinod des indischen Independent-Films. Regisseur Prashant Nair, selbst aufgewachsen in der Schweiz, den USA und Sambia, hinterfragt den Heimatbegriff in einer universellen Geschichte, die manchmal etwas einfach wirkt, aber nicht weniger mitreißt. Folgerichtig gewann der Film den Publikumspreis in Sundance, beim größten Independent-Filmfestival der Welt. Dort träumt wahrscheinlich gerade ein Amerikaner von Elefanten.

»Umrika«: ab 19.11., Luru Kino in der Spinnerei

Zunächst hat man Mitleid mit Disa. Es schmerzt, mitanzusehen, wie sie sich selbst zum Affen macht und dabei kein Fettnäpfchen auslässt. Erst recht, wenn sie ihrem Ex-Mann Laban begegnet. Er hat längst eine Neue, ist glücklich und erfolgreich, die gemeinsamen Kinder leben bei ihm. Doch Disa kann nicht loslassen und redet sich selbst ein, dass sie ihn zurückgewinnen kann. Nachts arbeitet sie im Krankenhaus und kümmert sich rührend um die Alten, ist mit ihrer gutmütigen Art aber oft der Fußabtreter der Kollegen. Irgendwie will sich in Disas Leben nichts bewegen, und auch ein Selbstverteidigungskurs bringt nicht das nötige Selbstvertrauen. Dann lernt sie Kent kennen und mit ihm ein völlig anderes Leben: Er ist Single und Vater von zahlreichen Kindern, aus einer Vielzahl früherer Beziehungen. Obwohl er nicht wirklich scharf darauf ist, sich wieder zu binden, löst die Begegnung in Disa den lang verkorksten Knoten.
Die Heldin von Maria Bloms charmanter Tragikomödie entwickelt sich ganz allmählich. Der Prozess, in dem auch Disas Eltern eine nicht unwesentliche Rolle spielen, ist immer schlüssig und authentisch. Da ist zum Beispiel die ständige Kritik der Mutter, die vom Vater gleichgültig hingenommen wird – und man ahnt, wie Disa wurde, wie sie ist. In seiner realistischen Zeichnung der Familienbeziehungen erinnert »HalloHallo« an Bloms letzten Erfolg hierzulande, das Erstlingswerk »Zurück nach Dalarna«. Maria Sid, im Dezember auch in »Wie auf Erden« zu sehen, verleiht Disa Charakter und Konturen. Man schließt sie sofort ins Herz, mit all ihren Makeln und mit ihrem inneren Strahlen. So geht es auch ihren neuen Freunden: Obwohl Disa sich gleich nach dem ersten Kennenlernen an Kents Hals wirft und erstmal einen Korb kassiert, entwickelt sich doch ganz langsam so eine Art Liebesgeschichte. Denn nichts wird überhastet in Maria Bloms sympathischer Komödie.

»HalloHallo«: ab 19.11., Passage Kinos

 

Flimmerzeit November

 

Weitere Filmtermine

6. Lateinamerikanische Tage
10.-25.11., Schaubühne Lindenfels, Cineding, Grassi Museum

 

Kurzfilmnacht
Noch Besser Leben, Dienstag 24.11., Programm 1 um 19 Uhr, Programm 2 um 21 Uhr

 

Horror-Doppel mit Donis – Don Coscarelli-Doppel – 35mm
Endlich lädt Horror-Papst Donis wieder zur Audienz. Ob es diesmal Exorzismus, Kannibalen oder anderes unchristliches Gekröse gibt, stand zum Redaktionsschluss noch nicht fest.
„Das Böse“ (dt.), „Das Böse II“ (Phantasm II, engl. OV.)
LURU-Kino in der Spinnerei Mittwoch 25.11., um 20 Uhr

 

View from a blue moon (USA 2015, Dok; OF)
Über drei Jahre hat der Surfer John Florence sich und einige seiner Freunde an Strände rund um den Globus begleitet und spektakuläre Wellenritte eingefangen.
R: John John Florence, USA 2015, Dok; OF
Kinobar Prager Frühling Sonntag 22.11., um 21 Uhr

 

Frank (GB 2014; OmU)
Der angehende Musiker Jon schließt sich der Band des exzentrischen Frank an. Absurd-komische Musikkomödie.
R: Leonard Abrahamson; D: Michael Fassbender, Domhnall Gleeson, Maggie Gyllenhaal, GB/IRL 2015; OmU, 95 min
UT Connewitz, Montag 23.11. bis Mittwoch 25.11., um 21 Uhr

 

Unterwegs als sicherer Ort (D 1997, Dok) – anschl. Gespräch mit Peter Finkelgruen
Gemeinsam mit dem Filmemacher Dietrich Schubert begibt sich der Kölner Autor Peter Finkelgruen auf den Weg zu Orten, die für sein Leben und das Schicksal seiner jüdischen Familie entscheidend waren. – anschl. Gespräch mit Peter Finkelgruen
R: Dietrich Schubert, D 1997, 92 min, Dok
Conne Island, Dienstag 24.11., um 19 Uhr

 

Französische Filmtage
Zum 21. Mal steht französisches Kino in Klein Paris an. Im Hauptprogramm darf man auch in diesem Jahr eine Mischung aus kommenden, meist kommerziell orientierten Produktionen und erfolgreichen Wiederholungen erwarten. Allein drei Filme kommen dabei vom Leipziger Weltkino Verleih, der auch als neuer Partner m Boot sitzt. Im Programm sind auch einige Perlen zu finden wie der Cannes Gewinner „Dheepan“, sowie die wundervolle Aussteigerkomödie „Comme un avion“. Die Retrospektive in der Schaubühne befasst sich mit Louis Malle und Michel Piccoli.
18.-25.11., Passage Kinos, Schaubühne Lindenfels

 

Shorts Attack! The Sound of Music
Musikalische Kurzfilmnacht
Kinobar Prager Frühling Mittwoch 25.11., um 21.15 Uhr

 

Chai. China-Filmfestival
Das China-Filmfestival geht in die dritte Runde.
Die chinesische Lebenswelt hält Einzug in Leipzig. Innerhalb von drei Tagen werden zahlreiche aktuelle Dokumentar- und Spielfilme von internationalen Filmemachern, die sich in ihren Filmen mit China auseinandersetzen, gezeigt. Das Festival soll einen tiefen Einblick in ein Land geben, dem wir immer häufiger in den Medien und persönlich begegnen, dessen viele Seiten in Deutschland jedoch oft nur unzureichend dargestellt werden. Mit einem rohen, unzensierten und erleuchtenden Blick nähert sich das Konfuzius Institut der Supermacht China mit all ihren Facetten

A Young Patriot (CN 2015, Dok; OmeU) – Vorfilm: China Dreams: The Debate (CN/GB 2013)
Der junge Zhao Cantong ist ein überzeugter Patriot. Mit der chinesischen Flagge läuft er durch die Altstadt von Pingyao und singt Revolutionslieder. Doch die harte Realität, die auch seine Familie zu spüren bekommt, lässt ihn immer mehr zweifeln. Fünf Jahre lang begleitete der Regisseur Du Haibin seinen Protagonisten. – Vorfilm: China Dreams: The Debate
26.11., 19 Uhr, Cinémathèque in der naTo

Studentische Kurzfilme aus China
Auswahl von Arbeiten chinesischer Studenten verschiedener Universitäten Chinas. Anschließendes Gespräch mit Ruby Chen (CNEX, Peking) und Stijn Deklerck (Produzent „The Silk Road of Pop“, Mitglied Beijing Queer Film Festival)
27.11., 15 Uhr, Konfuzius-Institut

Ausstellungseröffnung »Chollywood«
Arbeiten des italienischen Fotografen Giulio Di Sturco über die boomende chinesische Filmindustrie, ausgezeichnet mit dem World Press Photo Award 2015. Eröffnungsvortrag von Clemens von Haselberg (Universität Köln)
27.11., 16.30 Uhr, Konfuzius-Institut

The Last Moose of Aoluguya
GuTao, CN2014, 99min
Die Ewenken sind eine ethnische Minderheit, die in Chinas Nordwesten lebt. Für den letzten Teil seiner Ewenken-Trilogie folgte Gu Tao fünf Jahre lang dem Künstler und Rentierhirten Weijia durch die einsamen Wälder und tristen Städte des Nordens. Ein eindringliches und mutiges Porträt einer immer kleiner werdenden Volksgruppe.
27.11., 18 Uhr

Mama Rainbow & The VaChina Monologue
FanPopo, CN2012, 28min & CN 2013, 30min
Fan Popo ist wohl Chinas engagiertester Queer-Aktivist. In »Mama Rainbow« lässt er die Mütter von homosexuellen Kindern zu Wort kommen, die sich sorgen aber auch Unterstützung bieten. »The VaChina Monologues« begleitet eine Gruppe von TheatermacherInnen, die Chinas Erstaufführung von »Die Vagina-Monologe« vorbereiten. Anschließendes Gespräch mit Stijn Deklerck, der Mitglied des Beijing Queer Film Festivals und Produzent des LGBT-Webcasts »Queer Comrades« ist.
27.11., 20 Uhr

First Launch
Wang Weixiu, TW 2014, 14 min
Die kleine Shere ist ein Mädchen dessen Traum es ist eine Superheldin zu werden und in den Weltraum zu fliegen. An ihrem ersten Kindergartentag erlebt sie einen Angriff von Außerirdischen. Soll sie zurückschlagen? Ein lustiger und fantastischer Animationsfilm aus Taiwan.

Exit
Chien Hsiang, TW 2014, 94 min
Das Leben von Ling wird von einem Tag auf den anderen durcheinander gebracht aufgrund der Frühdiagnose ihrer Menopause. Angefüllt mit schwarzem Humor bildet „Exit“ das Portrait einer Frau ab, die gefangen ist zwischen ihrem intimen Begehren und der Anpassung an die sozialen Normen.
27.11., 22.15 Uhr

Red Amnesia
Wang Xiaoshuai, CN 2014, 110 min
Die Witwe Frau Deng verbringt ihre Zeit zwischen unangemeldeten und oft unerwünschten Besuchen bei ihren Söhnen und ihrer kranken Mutter. Eines Tages erhält sie anonyme Anrufe, die mit ihrer Vergangenheit in Verbindung stehen könnten. Ein feinsinniger Thriller über die Frage der persönlichen Schuld und der nationalen Geschichte und den damit verbundenen Schatten der Gegenwart.
28.11., 18 Uhr

The Silk Road of Pop
Sameer Farooq, CN/CA/NL/BE 2012, 53 min
Hip-Hop, Heavy Metal und klassische Volksmusik ertönen auf den Straßen und in den Hinterzimmern der Städte Xinjiangs im Westen Chinas. Musik gehört zum Leben der Menschen hier, ist Teil ihrer Identität und doch wollen sich gerade die jungen Leute nicht als folkloristisches Spektakel verkaufen lassen. Musik wird für sie zum Mittel der Freiheit in einer repressiven Umgebung.Im Anschluss folgt ein Gespräch mit dem Produzenten Stijn Deklerck.
28.11., 20.15 Uhr

Goodbye Utopia
Ding Shiwei, CN 2014, 8 min
Symbolisch und doch klar zeigt dieser bedeutsame Kurzfilm den Aufstieg und Fall verschiedener Utopien.

Poet on a Business Trip
Ju Anqi, CN 2015, 103 min
Sechzehn Gedichte begleiten diesen experimentellen Dokumentarfilm. Verfasst von Shu, dem Dichter, der hier auf den Straßen im Nordwesten Chinas unterwegs ist, 4000 Kilometer entfernt vom heimatlichen Peking. Ein rauer Weg der Selbstfindung zwischen billigen Motelbetten, langen LKW-Fahrten und der nächsten Flasche Schnaps
28.11. 22 Uhr

Alle Filme werden in Originalsprache mit englischen Untertiteln vorgeführt.

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