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»Sein Gurkenlied hat mein Herz berührt«

Zum Tod von Achim Mentzel: Ein Interview mit ihm und Oliver Kalkofe (von 2011)

Achim Mentzel 2011, Foto: Christian Hüller Größeres Bild

Halle im Herbst 2011. Sie wirken etwas deplatziert: zwei pfundige Männer in die Bürobestuhlung eines schmucklosen Konferenzraums in einem Hallenser Hotel gepresst. Doch das ungleiche Entertainerpaar scheint bestens gelaunt und sieht kein bisschen müde aus, dabei haben Achim Mentzel und Oliver Kalkofe schon mehrere Stunden Morgenradio hinter sich. Mentzel erinnert sich, dass er uns vor Jahren schon mal Rede und Antwort stand. Auch in der Ausgabe, die wir mitgebracht haben und in der Kalkofe nebenbei blättert, spielt das »zottige Urviech, das beim Hundefriseur keinen Termin bekommen hat« (Kalkofe über Mentzel) eine kleine, nicht unbedeutende Rolle.

kreuzer: Kürzlich haben wir Waldemar Hartmann im Interview gefragt, ob er sich als Achim Mentzel des Westens fühlt. Er sagte Nein, Achim Mentzel sei ihm zu populistisch.

ACHIM MENTZEL: Ich vermute, er hat sich den Bart abnehmen lassen, weil ich mit Bart bekannter bin. Er fühlt sich in dieser Beziehung zurückgesetzt.

kreuzer: Wären Sie ähnlich pikiert, wenn man Sie als Waldemar Hartmann des Ostens bezeichnen würde?

OLIVER KALKOFE: Das ist schon eher eine Beleidigung.

MENTZEL: Nee, mich würde niemand so bezeichnen.

KALKOFE: Warum auch? Achim ist unvergleichlich. Ich habe mal gesagt, er ist eine Mischung aus Yeti, Tony Marshall und überfahrenem Hamster. Das bringt es eigentlich schön auf den Punkt.

kreuzer: Aber eine Leidenschaft teilen Sie mit Hartmann: den Fußball.

MENTZEL: Ja, ich habe selbst Fußball gespielt und damals die Hymne für Union Berlin geschrieben.

KALKOFE: Jetzt muss ich mal nachfragen: Wie hieß die denn? »Wir sind elf muntere Gurken«?

MENTZEL: Nein, (singt) »Rot-weiß sind unsere Farben, der Ball ist unsere Welt.« Das spielen sie immer noch. Ich habe auch die Hymne für Energie Cottbus geschrieben. Aber die spielen sie nicht mehr, und darum gehe ich da auch nicht mehr hin.

kreuzer: Herr Kalkofe, warum kam Waldemar Hartmann nie in Ihrer »Mattscheibe« vor?

KALKOFE: Es gibt viele Promis, von denen ich dachte: Die müsstest du doch mal verarbeiten, aber es hat sich leider nicht ergeben. Wenn sich Hartmann Mühe gibt, schafft er es noch in die »Mattscheibe«.

kreuzer: Bei alldem, was Sie sich für die Vorbereitung Ihrer Sendung im Fernsehen anschauen müssen: Wie viele Leute in Ihrem Team haben Sie schon verschlissen?

KALKOFE: Keine Ahnung, ich habe mir das ja selbst alles angesehen. Es gab natürlich Menschen, die mir dabei geholfen haben, und ich schätze, dass die genauso wie ich mit Langzeitschäden zu rechnen haben. Was wir uns anschauen mussten, bleibt nicht ohne Folgen. Das Gehirn blendet vieles aus und baut einen Schutzwall. Aber irgendwann kommt es wieder. Ich habe Angst, dass ich in ein paar Jahren dasitze, vor mich hin sabbere und den »Spreewaldgurkensong« singe.

kreuzer: Ihr Lied, Herr Mentzel. Wie geht man mit solchem Lob um?

MENTZEL: Ich bin stolz. Mich macht das glücklich (lacht).

KALKOFE: Achim wollte Rocker werden, aber das Schicksal hat uns davor bewahrt. Und die Sachen jetzt macht er mit echter Freude. Im Gegensatz zu anderen Schlagerkollegen meint er das ehrlich, egal wie furchtbar es ist. Es gibt so viele Künstler, denen man ansieht, dass sie eine Fassade tragen. Die legen ein künstliches Lächeln auf und spielen eine Rolle, denn eigentlich wollten sie Popstar werden. Und dann kommt einer wie ich und macht sich darüber lustig. Das ist bei Achim anders. Er macht das mit Spaß, egal was die anderen sagen. Das ist echte Coolness und Lässigkeit.

MENTZEL: Wenn du dich der Öffentlichkeit stellst, musst du damit leben können, nicht jedem zu gefallen. Wenn du das nicht kannst, hast du den Beruf verfehlt. Wenn du nicht schweißen kannst, kannst du kein Schweißer werden. Wenn du es geschafft hast, über dich selbst zu lachen, kann kommen, was will. Und wer Kalkofe überstanden hat, der übersteht alles.

kreuzer: Sie haben ja auch zurückgestichelt, Herr Mentzel, etwa mit der Kreidetafel in einer Ihrer Sendungen.

KALKOFE: Das war ein echtes Beispiel dafür, was Coolness ausmacht. Wir kannten uns nicht, und es war zu dieser Zeit überhaupt nicht üblich, im TV auf andere Kollegen zu reagieren. Plötzlich sah ich im Fernsehen dieses Schild: »Kalki ist doof«. Das war das Coolste, was je einer gemacht hat. Wir haben so gelacht und in der Sendung zurückgegrüßt.

MENTZEL: Meine Frau saß wie versteinert auf der Couch und fragte mich: »Was macht der denn da?« Und ich stehe da, lache und sage: »Mädel, besser kanns mir doch gar nicht gehen! Jetzt passierts, ich bin im Westfernsehen!« Alle Welt hat gefragt: »Wer ist denn der Dicke?«

kreuzer: Herr Kalkofe, wie sehr hat Ihr MDR-Konsum Ihr Bild vom Osten beeinflusst?

KALKOFE: Ich merkte sofort: Was für eine Fundgrube! »Achims Hitparade« hat für viele aus dem Westen das Bild vom Osten geprägt, und die haben sich lange Zeit nicht hierhergetraut. Achim führt mich jetzt sozusagen in den Osten ein. Ich habe ihm gesagt: »Zeig mir mal die Wildnis, lass uns eine Serengeti-Safari-Tour machen!«

kreuzer: Werden Sie Herrn Mentzel auch den Westen zeigen?

KALKOFE: Mal sehen, wie wir die Zeit hier überleben. Achim im Westen: Das wird natürlich ein Kulturschock für ihn, wenn er so in die Zivilisation geworfen wird. Als Tarzan aus dem Dschungel kam, brauchte er auch seine Zeit. Wie man mit Besteck isst, müsste Achim vorher lernen. Nicht, dass er sich verletzt.

MENTZEL: Wir werden ja sehen, wie das funktioniert.

kreuzer: Herr Kalkofe, schon mal in Cottbus gewesen?

MENTZEL: Ja! Oh, oh!

KALKOFE: Ich war da mal auf Tour.

MENTZEL: Wenn Kalki in der Gegend war, hat mich sein Management heimlich eingeladen. Als er gerade Ausschnitte aus meinen Sendungen gezeigt hat, bin ich aus dem Nebel aufgetaucht. Er ist total erschrocken.

KALKOFE: Und das Publikum erst. Erstaunlich, dass es nicht weggelaufen ist.

MENTZEL: Ich habe vorher alle Ausgänge zugemacht.

kreuzer: Herr Mentzel, Rainald Grebe singt darüber, wie Sie in Schwedt das Autohaus nicht finden können. Spielen Sie noch in Autohäusern?

MENTZEL: Selbstverständlich, ich spiele überall. Auf der Tour hatte ich auch schon Nachmittagstermine im Autohaus. 14 Uhr, Subaru. Da stehe ich auf der Matte, mache eine Stunde lang mein Ding und abends dann die hehre Kunst.

kreuzer: Warum werden Sie eigentlich die »singende Spreewaldgurke« genannt? Cottbus liegt ein ganzes Stück vom Spreewald entfernt.

MENTZEL: Wenn ich Gäste habe, fahren wir dorthin. Dabei entstand die »singende Spreewaldgurke«.

KALKOFE: Der Moment, als es wirklich gefunkt hat, als mein Herz berührt wurde, war, als Achim in seiner »Hitparade« hinter der Theke hochkam, ein riesiges Gurkenglas in der Hand hielt und den Satz sagte: »Ich bin eine muntere Gurke!« Das Spreewaldgurkenlied »Sauer macht lustig« halte ich für das wichtigste Lied aus seinem großen Schaffenszyklus.

kreuzer: Bei all dieser gegenseitigen Liebe sind Sie nun das erste Mal gemeinsam auf Tour. Was erwartet das Publikum im »Gernsehclub«?

KALKOFE: Unsere gemeinsame Geschichte in Filmausschnitten, viele »Mattscheiben« mit Achim und gemeinsame Aktionen von uns sowie einiges aus Achims Geheimarchiv. Dazwischen kommen wir auf die Bühne, machen ein paar Live-Geschichten und reden mit den Leuten. Das ist zu einem großen Teil improvisiert und ein bisschen wie ein gemeinsamer Fernsehabend. Die spannende Frage wird sein, ob mehr »Mattscheiben«-Zuschauer oder Achim-Fans kommen. Es kann durchaus sein, dass ich am Ende verprügelt werde.

kreuzer: Herr Kalkofe, warum sind Sie, anders als Achim Mentzel, nie beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen gelandet?

KALKOFE: Eine gute Frage, die ich nicht beantworten kann. Sagen wir mal so: In einer perfekten oder einfach nur mittelmäßigen Welt gäbe es in den Öffentlich-Rechtlichen ganz andere Programme. Gerade sie müssten sich etwas erlauben. Es ist beim Versuch geblieben, die »Mattscheibe« in der ARD zu bringen. Weil ein Sendeplatz frei war, gab es drei Testsendungen. Die Resonanz war hervorragend, die Kritiken waren gut. Nach der ersten Ausstrahlung war die ARD ganz empört. Sie haben die fertigen Sendungen noch gebracht und später in den Giftschrank gesperrt. Das ZDF hat die »heute-Show« auch nur aus Versehen gemacht. Jetzt sind sie von ihrer eigenen Courage so überrascht, dass sie die Show zum Glück halten. Die Verantwortlichen bei den Öffentlich-Rechtlichen müssten sich jeden Tag in die Ecke stellen und schämen.

kreuzer: Beim MDR steht ein Intendantenwechsel an. Was würden Sie ändern?

KALKOFE: Die Bestechungsgelder würden höher ausfallen.

MENTZEL: Ja! Ich würde reicher werden. Aber im Ernst: Das ist ein aufgeblasener Apparat, der nie richtig funktionieren kann, weil zu viele Köche den Brei verderben. Ich glaube, dass das öffentlich-rechtliche sich nicht aus sich selbst heraus erneuern kann.

KALKOFE: Das Traurige ist, dass sich das Fernsehen selbst kaputt macht, das Öffentlich-Rechtliche genauso wie die Privaten. Weil beide den Grund des Fernsehens verloren haben, nämlich Programme zu machen, die man gerne sehen möchte. Die Öffentlich-Rechtlichen haben vollkommen den Blick für die Realität verloren und machen ihr Programm am Publikum vorbei. Da diskutiert sich ein Beamtenapparat zu Tode, und in den Gremien herrscht eine unfassbare Angst, etwas falsch zu machen.

MENTZEL: Denen fehlt der Mut.

KALKOFE: Jeder Beschwerdeanruf lässt sie zusammenzucken, anstatt zu sagen: Wir sind stolz darauf, dass sich Menschen über Programme beschweren. Ein gutes Programm muss polarisieren. Komischerweise sind England und Amerika die einzigen Länder, aus denen noch gute Sendungen kommen. Sie haben gelernt, dass es wichtig ist, das Publikum zu überraschen und neu zu gewinnen. In Deutschland ist es seit jeher so gewesen: Schauen wir doch mal, was die anderen so gemacht haben, machen wir es nach, kaufen es ein, und den Rest der Zeit stecken wir den Finger in den Hintern und haben eine schöne Zeit.

kreuzer: Gibt es irgendwas, das Sie im deutschen Fernsehen gerne anschauen?

KALKOFE: Jede Menge. »Methode Hill« oder »Walking the Dead« habe ich immer sehr gern gesehen. Es ist eine Riesenschande, dass die »Sopranos« oder »Mad Men« nicht zur guten Sendezeit laufen, sondern stattdessen irgendwelche Schmonzetten.

MENTZEL: Dadurch, dass ich so viel unterwegs bin, kann ich sowieso nicht fernsehen. Ich bin aber ein Fan von Krimis, im Augenblick speziell der skandinavischen. Mein jüngster Sohn, der noch bei mir wohnt, muss mir das immer aufnehmen.

kreuzer: Können Sie beide nichts zur Qualitätssteigerung im Fernsehen beitragen?

KALKOFE: Es ist absolut frustrierend und absolut sinnlos. Es liegt nicht daran, dass es hier keine Autoren und Künstler gibt, sondern man hat absolut keine Chance, etwas Neues oder Eigenständiges zu machen.

kreuzer: Aus der Not heraus vertont man wie Sie Fips-Asmussen-Witze als Hörbuch.

KALKOFE: Das sind Verzweiflungstaten. Ich wollte etwas ausprobieren, was ich noch nicht gemacht habe. Bungee-Jumping, Free-climbing – alles alte Hüte. Fips Asmussen laut vorzulesen ist härter. Ich habe ein Buch geschenkt bekommen, »Lachen ist gesund« von Asmussen, das wirklich schlechteste Witzbuch der Welt. Ich habe für die Audio-Kommentare der »Mattscheibe« daraus vorgelesen, und der Regisseur wurde wahnsinnig. So entstand die Idee, ein Hörbuch zu machen. Es war so bitter: Der Techniker hinter der Scheibe und ich schauten uns immer an, weil wir die Witze nicht verstanden haben. Am Ende habe ich gesagt, wir müssen alle Kommentare drin lassen, die ich zwischendurch gemacht habe. Sonst erträgt man das als Zuhörer nicht. Das Hörbuch ist ein Experiment des Scheiterns, ein Geschenk für Menschen, die man hasst.

kreuzer: Und Sie, Herr Mentzel, haben aus lauter Verzweiflung an der RTL-Show »Let’s Dance« teilgenommen.

MENTZEL: Ich habe das nicht aus Verzweiflung getan. Ich wollte zeigen: Der Dicke kann es auch! Die brauchten ein Ostgesicht in der Sendung. Ich bin erstaunlicherweise sogar weitergekommen. So sehr habe ich mich noch nie im Leben quälen müssen. Zu essen gab es nichts, nur kleine Salate. Aber eigentlich kann ich gar nicht tanzen.

KALKOFE: Dieser Sprung, der Achim-Schrauber, das ist schon Artistik!

kreuzer: Herr Mentzel, schreiben Sie Ihre Texte selbst?

MENTZEL: Nur selten. Ich habe einen Produzenten. Ich darf höchstens mal einen Text liefern, wenn gerade nichts im Schubfach liegt.

kreuzer: Da dürfen wir Sie gar nicht fragen, wie Sie auf Textzeilen kommen wie »Solange bei uns eine Knospe sprießt und der Igel niest, wenn der Spargel schießt«?

MENTZEL: Das machen alles die Texter. Damit habe ich nichts zu tun.

kreuzer: Den Medienkritiker Kalkofe gefragt: Wie entstehen solche Reime?

KALKOFE: Entweder sind Drogen im Spiel oder viel Alkohol. »Meine Lieblingsworte heißen Sahnetorte« – das ist in vielerlei Hinsicht ein vielsagender Satz.

MENTZEL: Das ist geistige Arbeit, bei der Leute stundenlang überlegt haben. Ein bisschen Spaß muss schon sein. Von Liebe und Triebe zu singen, nimmt mir keiner ab. Es muss mit Essen, Trinken, Saufen oder Mädels zu tun haben. Dann sind es meine Texte. (Kalkofe lacht dreckig)

kreuzer: Ihre gemeinsame Tour wird als »Potpourri der besten Clips« angepriesen, so manche »Perle« Ihres Schaffens werde zu sehen sein. Das ist aber auch sprachlicher Niveau-Limbo, oder nicht?

KALKOFE: Es müssen ja auch Achims Fans verstehen. Wir zeigen schöne Sachen, haben Spaß auf der Bühne, für jeden verständlich erklärt. Von 3 bis 99. Wir kennen keine werberelevante Zielgruppe, wir nehmen jeden.

kreuzer: Herr Mentzel, Sie waren kürzlich als Werbefigur des Interconnex präsent. Auf Youtube sieht man Sie schlafend im Zug sitzen. Waren Sie in diesem Zusammenhang mal in Leipzig?

MENTZEL: Ich war nur einmal mit dem Zug in Leipzig, ich bin sonst nie mit der Bahn nach Leipzig gefahren. Wir haben so getan, als würden mich zwei Jungs beim Schlafen im Zug filmen. Und das haben alle ernst genommen.

KALKOFE: Das war ein Fake?

MENTZEL: Ich besoffen im Zug? Alles gefaket! Ich hing mit dem Kopf an der Scheibe und habe wie besoffen gesabbert. Dabei trinke ich gar keinen Alkohol. Weißt du, wie lange die gebraucht haben, um das aufzunehmen? Die BILD-Zeitung hat das ernst genommen und mich gefragt, ob sie das ins Internet stellen könne. Ich sagte: »Ja, ja, stellt es rein!«

KALKOFE: Ich hab das auch geglaubt! (Mentzel kreischt vor Lachen)

kreuzer: Jetzt haben wir gar nicht über Ihre große Liebe zu Leipzig geredet.

MENTZEL: Ja, Leipzig war mal meine große Liebe. Zu Ostzeiten durfte ich auf der Messe singen. Dort konnte ich den Geruch der weiten Welt schnuppern und bin überall reingekommen, auch in die West-Hallen. Kalki, du hast ja die Hannoveraner Messe. Haben sie dich da singen lassen?

KALKOFE: Nein. Bei uns gab es Leipziger Allerlei in Dosen, das war alles.

Achim Mentzel ist am 4. Januar 2016 gestorben.

Dieses Interview erschien im kreuzer 11/2011.

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