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Rockstar für einen Abend

Das erste Mal auf der Bühne des Neujahrssingens – ein Erfahrungsbericht

Friends aka kreuzer, Foto: Henry Laurisch Größeres Bild

Beim 10. Neujahrssingen im Haus Leipzig ließen Gastronomen und Medienvertreter der Stadt für einen guten Zweck wieder alle Scham fallen und feierten mit insgesamt über 2.000 Gästen eine riesige Karaoke-Show.

In aller Bierseligkeit schloss sich der Rahmen: Angeheitert hatte ich mich breit schlagen lassen beim traditionellen Neujahrssingen mitzumachen, angeheitert stand ich nun mit dem Team kreuzer auf der Bühne.

Mein Bezug zum Gesang: eine eremitische Leidenschaft, der ich bislang stets allein gefrönt hatte – unter der Dusche, im Auto, in trunkener Einsamkeit. Manchmal bildete ich mir ein, ein famoser Sänger zu sein, nahm meine Performance mit dem Handy auf, löschte sie dann aber schnellstmöglich, wenn die Realität beim Abspielen meinen Größenwahn brach und die Paranoia hinterließ, jemand könnte in Besitz dieses peinlichen Datenguts gelangen.

So no one told you life was gonna be this way // Your jobs a joke, you’re broke, your love life’s D.O.A. – Petra Mewes a.k.a. Monica

Oft hatte ich mit dem Gedanken gespielt, Karaoke singen zu gehen, doch die blockierende Schamhaftigkeit öffentlich zu singen nie bezwingen können. Nun stehe ich hinter der Bühne im Haus Leipzig, auf der gerade das Team der Vodkaria die letzten Zeilen des Neunziger-Hits »Ich find dich scheiße« von Tic Tac Toe raushauen. Applaus, dann die Ansage des Moderatorenduos Mark Daniel und Maike Beilschmidt. Ein letzter, jäher Fluchtreflex, die Nebelmaschine pustet in den Gang zur Bühnenmitte, wir marschieren hinaus ins Flutlicht. Vor uns eine diffuse Masse von knapp 1.400 johlenden Gästen. Die Band spielt das Intro unseres Songs: »I’ll be there for you« von den Rembrandts, bekannt als Titelsong der Sitcom »Friends«.

It’s like you’re always stuck in second gear // When it hasn’t been your day, your week, your month or even your year, but … – Andreas Raabe a.k.a. Chandler

njs2016  Es ist die zehnte Auflage des Neujahrssingens, das Maike Beilschmidt und der mittlerweile verstorbene Paul Fröhlich 2006 ins Leben riefen. Der anfänglich eher interne Spaß städtischer Gastro- und Medienkreise hat seither eine echte Karriere hingelegt. Was vor zehn Jahren im kleinen Rahmen der naTo begann, ist heute ein professionelles und stetig gewachsenes Event, das nicht nur bei den Performern hoch im Kurs liegt: Binnen kürzester Zeit war die diesjährige abendliche Show ausverkauft, so dass kurzerhand eine zusätzliche Show am Nachmittag organisiert wurde.

Die Darbietungen bekannter Rock- und Pop-Songs durch Dilettanten kommen gut an beim Publikum, das Jahr für Jahr gewachsen ist, aber auch einen großen Anteil Stammfans aufweist, die sich das Amateursingen zu Jahresbeginn nicht nehmen lassen. Die Aufmachung der Show ist jedoch alles andere als amateurhaft. »Das Einzige, was an unserer Veranstaltung nicht professionell ist, sind die Sänger«, erzählt Maike Beilschmidt, während wir uns im Backstageraum am Catering stärken.

You’re still in bed at ten and work began at eight // You’ve burned your breakfast so far… things are going great – Juliane Streich a.k.a. Rachel

So ist alles vorzufinden, was es für das Möchtegerngefühl als Rockstar benötigt. Nicht zuletzt die vierköpfige Band von Gitarrist Jörg Anders und die Backgroundsängerinnen schaffen es, manch schiefen Ton zu kaschieren, ein Team von Stylisten sorgt im Vorfeld der Performance für den richtigen Bühnenlook der Interpreten, eine Masseurin für die körperliche, das reichhaltige Getränkeangebot für die geistige Lockerheit. Nur der obligatorische beruhigende Schnaps vor dem Bühnenaufmarsch fehlt leider in diesem Jahr, wie eine Veteranin aus dem Team der kreuzer-Friends moniert.

Achtzehn Acts wird so die Bühne bereitet. Nachdem die Backgroundsängerinnen die Menge mit Robbie Williams »Let me entertain you« begrüßt haben, geht es Schlag auf Schlag, Hit auf Hit. Wir sind Nummer vier auf der Setlist.

Your mother warned you there’d be days like these // but she didn’t tell you when the world brought you down to your knees, that – Max Fassbender a.k.a. Joey

njs_friendsAls es dann endlich losgeht und Petra zu singen beginnt, ist es wirklich so, wie es mir die Bühnenprofis stets versprachen: Endlich unter die Lampen getreten fällt das Fieber ab, dazumal meine ganz persönliche Lampe eh schon an ist, denn seit 18 Uhr ist die bis dahin noch geschlossene Bierschranke oben – was soll ich machen, heute bin ich Rockstar, ja!?

Warum habe ich mir nur so einen Kopf gemacht?, denke ich mir, als die ersten Zeilen gesungen werden. Das Publikum ist super, wohlwollend und euphorisch, die Band ein klasse Support, die Bühnentechnik lässt uns in gutem Licht dastehen. Mein Gott, es sind doch nur zwei Zeilen Text, die ich gleich solo singe. Seit einer Woche bete ich sie mir vor, einem ständigen Mantra gleich, und dennoch war die Furcht, die paar Worte zu vergessen mein ständiger Begleiter. Juliane singt ihren Part, nun ist es gleich so weit, und während ich über all die unnötigen Bedenken so nachdenke, fällt mir zwei Takte vor meinem Einsatz auf, dass ich meinen Text vergessen habe.

No one could ever know me // No one could ever see me // Seems you’re the only one who knows // what it’s like to be me // Someone to face the day with // Make it through all the rest with // Someone I’ll always laugh with // even at my worst I’m best with you, yeah – Tobias Ossyra & Franziska Barth a.k.a. Ross & Monica

Einsatz in 4, 3, 2, 1. Ich mache den abgesprochenen Schritt nach vorne, schalte die Birne aus. Dann beseelt mich Bühnenmagie: Ich weiß nicht wie, aber ich fange an und auf wundersame Weise kommt der Text aus meinem Mund, fährt ins Mikro und landet im Saal. Unbewusst, ein prozeduraler Gedächtnisakt, wie im Auto die Gangschaltung zu bedienen.

Danach ist alles heiter. Mein Text mündet in den Refrain. Dann Bridge, Juliane und Andreas wechseln die Flanke. Noch zweimal Refrain, dann die Schlusspose. Applaus. Das Publikum verlangt eine Zugabe. Also gut! Noch mal den doppelten Refrain. Aber dann ist’s wirklich gut, wir wollen zur Party, Leute! Der Weg in den abgetrennten oberen Bereich führt über die rechte Seite des Innenbereiches. Fans klatschen uns ab, verlangen Autogramme, die Frauen wollen Kinder von uns. Doch wir wiegeln ab.

njs2016-sliderDen Rest der Show genießen wir von oben herab. Alle, die hier singen, werden mindestens genauso gefeiert, ob Thurman und Travolta aus der naTo oder Cher aus dem C’est La Vie. Besonderer Höhepunkt des Abends ist der Auftritt der Moritzbastei, die als Die Ärzte eine aktualisierte, auf Legida bezogene Version von »Schrei nach Liebe« singen. Der ganze Saal brüllt »Arschloch«. Am Ende geht es für alle Stars zum großen Schlussbild auf die Bühne. Konfettikanonen platzen in den Saal, durch die Mitte des Raumes geht es hinaus, das Publikum bildet eine Gasse und steht applaudierend Spalier. Die Moderation wünscht ein erfolgreiches Jahr 2016, entlässt uns in die Nacht und in eine After-Showparty mit Schlagern und Radiohits.

I’ll be there for you (when the rain starts to pour) // I’ll be there for you (like I’ve been there before) // I’ll be there for you (cause you’re there for me too) – Team kreuzer a.k.a. Friends

Anderntags fühlt sich der Kopf wieder sehr irdisch an, doch das gute Gefühl, einmal in Rockstar-Sphären geschwebt zu sein, das bleibt. Mindestens bis zum neuen Jahr.