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(W)Ende in der Dauerdebatte

Stadtratbeschluss: Naturkundemuseum, Tanztheater und Lofft ziehen in die Spinnerei

Halle 7, Foto: Sandra Neuhaus Größeres Bild

Mit einer Debatte voller Emotionen und Wiederholungen hat Leipzigs Stadtrat den Umzug des Naturkundemuseums in die Halle 7 der Baumwollspinnerei in Neulindenau beschlossen. Die damit verbundene Einrichtung einer Spielstätte für die Freie Szene geriet zur Nebensache.

»Vielleicht wohnen wir heute einem historischen Augenblick bei«, frohlockt Kulturbürgermeister Michael Faber (parteilos), als er am Mittwoch die Stadtratsdebatte zur Halle 7 auf dem Spinnereigelände eröffnet. Für nahezu 11,8 Millionen Euro soll der letzte unsanierte Teil der historischen Fabrik zu einem Kulturzentrum umgebaut werden. So soll Platz entstehen für Spielstätten des Leipziger Tanztheaters und des Loffts, für Proberäume des Theaters der Jungen Welt (TdJW) und für das Leipziger Naturkundemuseum. Letzteres ist bislang nahe der Haltestelle Goederlerring in der Lortzingstraße zu Hause. Dort ist das Gebäude aber so marode, dass es gegenwärtig nur noch teilweise für Besucher geöffnet werden kann.

Die Fördermittelsituation scheint günstig: Für den Umbau der Halle 7 stehen Zuschüsse von 6,7 Millionen Euro von Bund und Freistaat in Aussicht. Die Spinnerei GmbH will sich selbst mit 1,8 Millionen Euro beteiligen. Bleiben 3,3 Millionen, die aus der Stadtkasse kommen. Eröffnung soll im Jahr 2021 sein. Im Gegenzug für die städtischen Gelder überlässt die Spinnerei das Gebäude der Kommune nach Fertigstellung für 15 Jahre. Faber träumt bereits davon, eine Leipziger Kulturstätte vom Rang einer Zeche Zollverein in Essen oder auf Kampnagel in Hamburg zu schaffen.

Dass die Stadträte den ihnen vorgeworfenen Fisch nicht einfach schlucken würden, war absehbar. Drehen sich die Debatten in Leipzig um das Naturkundemuseum, gewinnt man rasch den Eindruck, geredet wird nicht über ein Haus mit ausgestopften Tieren und anderen in die Jahre gekommenen Exponaten, sondern um eine Art städtisches Heiligtum. Unbestritten ist, dass die Verwaltung das Haus an der Lortzingstraße jahrelang stiefmütterlich behandelte und wohl am liebsten ganz geschlossen hätte. Der Zahn der Zeit hat mächtig am Gebäude und der musealen Sammlung genagt. Seit etwa einem Jahr ist die Leitungsstelle vakant, seitdem der alte Direktor in Pension ging. Über diese Umstände können sich Stadträte stundenlang in Rage reden.

Wie oft wurde mittlerweile wiederholt, welchen unschätzbaren Wert das Museum für die Bildung der Kinder habe? Wie oft haben Abgeordnete einen feuchten Glanz in den Augen bekommen, als in der Ratsdebatte über das Haus eigene Kindheitserinnerungen in ihnen aufstiegen? Das Naturkundemuseum gehört einfach zum silbernen Inventar der DDR-Epoche in Leipzig, wie der Zoo oder der Clara-Zetkin-Park. Unter zwei Stunden Debatte wird hier kein Beschluss gefällt.

Und so stieg ein Ratsmitglied nach dem nächsten ans Redepult, wiederholte ein ums andere Mal die Argumente der Vorredner (teilweise aus der eigenen Fraktion). Zwei Stunden geht das so und es bleibt wenig Substanzielles übrig. Wichtigster Streitpunkt scheint am Ende: Das Naturkundemuseum darf nur dann in die Spinnerei verlegt werden, wenn die Fabrik einen direkten Nahverkehrsanschluss an den Innenstadtring bekommt. Schüler und Familien sollen ja weiterhin ohne Schwierigkeiten dort hinkommen können, wenn es dann schon nicht mehr im Stadtzentrum liegt (wo es ja eigentlich hingehört). Am besten fänden einige Ratsmitglieder ja eine Verlängerung der Linie 14 bis an den Eingang der Halle 7.

Umstritten ist auch, was mit dem Gebäude in der Lortzingstraße geschehen soll. Die Stadt will es verkaufen, um mit den Einnahmen den Umbau der Halle 7 gegenzufinanzieren. Grüne und Linke wollen aber nicht, dass die Stadt irgendeine Immobilie verkauft, und machen sich wieder für eine Erbbaupacht stark.

Der Umzug von Tanztheater und Lofft gerät zur Nebensache. Einzig der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Linken, Skadi Jennicke, fallen dazu ein paar Sätze ein. Auch das bereits seit 13 Jahren diskutierte Theaterhaus für die Freie Szene sei ein bislang »wenig glücklich bearbeitetes Thema«. Die Halle 7 böte allerdings eine Chance zum großen Wurf, unter der Voraussetzung: »Wir sollten nach den Anlaufjahren im Lofft evaluieren, ob wir uns nicht doch messen lassen wollen mit den Spielstätten Kampnagel in Hamburg, Sophiensaele und Hebbel am Ufer in Berlin, Mousonturm in Frankfurt oder Forum Freies Theater in Düsseldorf. Da wäre dann noch einiges zu tun.«

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