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»Endlich Herr im eigenen Haus«

Übers Theaterhaus: Lofft-Chef Dirk Förster zu den Umzugsplänen in die Spinnerei

Dirk Förster, Foto: LOFFT Größeres Bild

Der Stadtrat hat das Theaterhaus durchgewunken. Zusammen mit dem Leipziger Tanztheater wird das Lofft bis Sommer 2017 in die Halle 7 aufs Spinnereigelände ziehen. Lofft-Geschäftsführer Dirk Förster erklärt im Gespräch, welche Vorteile der neue Ort mit sich bringt.

kreuzer: Seit vielen Jahren wird eine Theaterhaus-Lösung gesucht. Immer wieder geriet der Prozess ins Stocken, blieb in der Verwaltung hängen. Sind Sie froh, dass der Stadtrat sein Votum für einen neuen Standort gegeben hat?

DIRK FÖRSTER: Das ist eine unglaubliche Erleichterung für uns alle. Da fällt nach so vielen Jahren des Kampfes um die Existenz schon einiges an Last von unseren Schultern.

kreuzer: Von den letztlich vier anvisierten Standorten – die anderen drei: Josephkonsum, Neubau neben der Schaubühne, Felsenkeller – war die Halle 7 der am wenigsten favorisierte. Sind Sie zufrieden damit?

FÖRSTER: Schaut man sich die quälend lange Geschichte der Standortsuche des Lofft genauer an, kann man da sogar noch einige Orte hinzufügen: das Westwerk, die Halle 14 oder weiter zurückliegend das Feinkostgelände. Es sind sehr komplexe Prozesse, denn ein Theaterbau ist ja etwas sehr Besonderes. Das Gelände der Spinnerei ist ein Standort, der in Europa seinesgleichen sucht: Ein internationales Zentrum der Kunst und Kreativität, ein vielseitiges Quartier mit einer faszinierenden Geschichte und mit unzähligen Anknüpfungspunkten für ein zeitgenössisches Theater wie das Lofft. Und ja, wir sind sehr zufrieden, denn die Spinnerei ist der beste Ort für unsere Kunst, den wir uns in Leipzig vorstellen können. Wir sehen da ganz enormes Entwicklungspotenzial und haben Lust auf die Zukunft.

kreuzer: Welche Möglichkeiten bekommen Sie mit den neuen Räumen?

FÖRSTER: Mit den neuen Räumen können wir endlich auch unseren Künstlern die verbesserten Arbeitsbedingungen bieten, die wir schon lange anstreben. Das betrifft ganz grundlegende Dinge wie adäquat ausgestattete Probenräume oder einen theatertechnisch bestens ausgerüsteten Saal, bei dem das Publikum endlich nicht mehr über die Bühne laufen muss, um seine Plätze einzunehmen. Und natürlich sind wir endlich Herr im eigenen Hause, was enormes Gestaltungs- und Handlungspotenzial freisetzt.

kreuzer: Inwieweit konnten Sie im Prozess mitbestimmen? Und wie bewerten Sie die Arbeit der Verwaltung? Es war ja – unter anderem im kreuzer-Round-Table-Gespräch, an dem auch Sie und die Kulturamtsleiterin vor einigen Jahren teilnahmen – von einer gemeinsamen Vision »Theaterhaus« die Rede.

FÖRSTER: Wir sind seit Anfang 2011 wieder intensiv in den Prozess eingestiegen. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es seit 2013 eine ämterübergreifende Zusammenarbeit bei der Standortprüfung und das war eine gute Sache, weil das viele bürokratische Hürden leichter überwindbar machte. Das fing mit Auftaktterminen mit Vertretern aller Ämter an jedem einzelnen Standort an, so dass alle die Grundidee des Projektes kannten und man eine gemeinsame Basis hatte. Während der ganzen Zeit war unsere Expertise als Theaterbetreiber immer gefragt, sowohl seitens der Baumwollspinnerei und ihrer Architekten und Planer wie auch seitens der Ämter. Ich empfand die Zusammenarbeit insgesamt als sehr gut, auch wenn es natürlich Verzögerungen und Rückschläge gab. Dass es jetzt diese gute Lösung gibt, ist doch vor allem der Tatsache geschuldet, dass alle an einem Strang gezogen haben – dafür bin ich sehr dankbar.

kreuzer: Auf einmal ging alles recht schnell, als sich der Finanzbürgermeister einschaltete. Waren Sie überrascht? Oder sah das nur in der Öffentlichkeit so überraschend zügig aus?

FÖRSTER: Wir haben das naturgemäß nicht als schnell empfunden, sondern nur als Ende eines langwierigen Prozesses, in den wir nahezu täglich – neben unserer normalen Arbeit – involviert waren. Und es gab einige Stadträte, die permanent am Ball geblieben sind und uns unterstützt haben, allen voran Skadi Jennicke, aber auch die übrigen Mitglieder des Kulturausschusses. Aber freilich war genau jetzt eine Situation gegeben, in der wirklich vieles zusammenpasste.

kreuzer: Wie wichtig ist es in Ihren Augen, im Leipziger Westen zu bleiben? Wie bewerten Sie den neuen Ort, wird Ihr Publikum den Weg vom Lindenauer Markt mitgehen? Wird das Spinnereigelände vielleicht dabei helfen, ein neues Publikum zu erschließen?

FÖRSTER: Als wir 1999 an den Lindenauer Markt kamen, war an den angesagten Leipziger Westen voller Studenten, Galerien und Künstler noch nicht zu denken. Das Gelände der Spinnerei ist damit ja gar nicht vergleichbar. Hier erwarten uns andere Aufgaben und Einflüsse. Aber wenn man zum Beispiel in Richtung Grünau schaut, freuen wir uns, auch hier Fuß zu fassen. Am Ende ist das Lofft ein international koproduzierendes Haus, das der Kulturstadt Leipzig freies Theater, Tanz und Performance auf hohem Niveau gewährleistet. Unser Publikum kommt schon seit längerer Zeit von überall her und trifft sich im Lofft. Dafür, dass es nicht unbedingt »mitgehen« muss, hat ja auch der Stadtrat gestern die Weichen gestellt, indem er eine bessere Anbindung der Spinnerei an den ÖPNV beschlossen hat. An diesem Prozess werden wir uns natürlich aktiv beteiligen.
Die Kooperationsmöglichkeiten auf der Spinnerei sind extrem vielfältig: Die Nähe von bildender Kunst und Tanz/Performance liegt zum Beispiel auf der Hand, aber auch zu all den anderen Künstlern und Einrichtungen auf der Spinnerei lassen sich für uns und fürs Publikum Querverbindungen ziehen. An einem Standort wie der Spinnerei kann das Lofft zu einem gewissen Teil neu erfunden werden. Dies werden und wollen wir nicht alleine tun, sondern wie immer in einem sehr offenen, transparenten Prozess.

kreuzer: Ist die neue räumliche Nähe zum Leipziger Tanztheater (LTT) von Vorteil?

FÖRSTER: Das LTT macht unseren Standort ja überhaupt erst zu einem gemeinsamen Theaterhaus. Die Verbindung einer derart renommierten und in Leipzig tief verwurzelten Ausbildungsstätte für Tanz mit einem Theater nebenan, das einen großen Schwerpunkt im zeitgenössischen Tanz hat, ist deutschlandweit einmalig. Die beiden Einrichtungen werden sich gegenseitig verstärken.

kreuzer: Das Naturkundemuseum kommt noch mit in die Halle rein. Man kann den Eindruck haben, das Spinnereigelände wird zum Kulturabwurfplatz, weil es sich selbst nicht so recht entwickelt. Was würden Sie zu solchem Vorwurf sagen?

FÖRSTER: Eine schöne Polemik mit einer schönen Wortschöpfung – Kulturabwurfplatz. Aber nichts, worüber man ernsthaft diskutieren kann. Wenn sich etwas in Leipzig gut entwickelt, dann die Spinnerei. Womöglich entsteht so ein Eindruck, wenn man sich zu viel im Zentrum und in der Südvorstadt aufhält. Peripherie ist immer ein relativer Begriff und sagt vor allem etwas über die Perspektive des Betrachters.

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