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»Schulterschluss von Bürgern und Nazis«

Bei kreuzer, Korn & Kippen wurde der Angriff auf Connewitz analysiert

kreuzer, Korn & Kippen, Foto: Henry Laurisch Größeres Bild

Am Ende waren sich alle einig – am Anfang auch. Bei kreuzer, Korn & Kippen ging es diesmal um den Naziüberfall auf Connewitz am 11.1. Viel Neues wurde zwischen Zigarettenqualm und Schnaps nicht erzählt, dies aber dafür in klaren Worten.

Sascha Lange rudert zurück. Seine Aussage, dass man »von seinen Ausmaßen her vom verheerendsten Nazi-Überfall in Leipzig seit dem 9. November 1938 sprechen« kann, sei übertrieben gewesen, auf keinen Fall wollte er damit den Nationalsozialismus verharmlosen. »Aber ich hatte so schlechte Laune am nächsten Tag«, sagt der Autor und Historiker auf dem Podium der dritten Ausgabe von kreuzer, Korn & Kippen. Neben ihm sitzt Chefredakteur Andreas Raabe und erklärt, wieso der Text am Tag danach dennoch richtig war: »Alle Medien hatten bislang berichtet, dass es sich um Hooligans aus dem Fußball-Umfeld handelte, die es auf einem Fußballladen abgesehen hatten. Wir wollten unterstreichen, dass es sich um einen politischen Akt handelte.«

Kontroverser wurde es bei der Talkshow kaum. Aber was soll man auch diskutieren, wenn allen Anwesenden im vollen Saal des Neuen Schauspiels klar ist, dass Nazis scheiße sind? Zum Beispiel darüber, ob es sich tatsächlich um eine Gewaltspirale handelt, wie Politikredakteur Clemens Haug im neuen kreuzer behauptet, was aber direkt vom Publikum angeprangert wird. Schließlich würde das bedeuten, dass die Gewalt der Nazis auf Gewalt der Linken folgte, auf die wiederum Gewalt der Antifa folgen würde und so weiter, also dass es einen Anfang und einen Höhepunkt gäbe. Doch der Angriff der Nazis auf Connewitz sei keine Antwort auf linke Gewalt gewesen, sondern vielmehr die Konsequenz aus der fremdenfeindlichen Stimmung, die sich in den letzten Monaten und Jahren entwickelt hat, wie zum Beispiel Pegida und Legida zeigen. Immer mehr Menschen trauen sich in immer größerem und radikalerem Ausmaße, ihren Hass zu äußern und zu zeigen. Zudem brauchen Nazis keinen Anlass, betont Jennifer Stange, die für den erkrankten Gewaltforscher Alexander Leistner als Podiumsgast eingesprungen ist. »Die machen das ja die ganze Zeit.«

Neu – beziehungsweise altbekannt aus den zwanziger und dreißiger Jahren – sei der Schulterschluss zwischen Bürgern und Nazis. »Inzwischen gibt es die AfD, die für viele wählbarer ist als die NPD, obwohl bei deren Positionen kein Blatt Papier zwischen passt«, erklärt die Journalistin. Und es gibt Pegida auf der Straße, wo man mitbrüllen kann.

Dennoch war der Angriff auf die Wolfgang-Heinze-Straße kein »neues Ausmaß der Gewalt«, wie oft behauptet wird, klärt ein Gast auf. »In Heidenau wars schlimmer.« Auch klinge die Aussage des LKA-Chefs Jörg Michaelis, dass es nur eine Frage der Zeit sei, »bis die ersten Toten zu beklagen sind«, so, als würde er nur auf den ersten Toten warten. Dabei gibt es in Sachsen bereits mindestens 20 Todesopfer von rechter Gewalt seit der Wende, acht davon in Leipzig. Trotzdem sei man in Leipzig noch recht privilegiert, in anderen Orten kriege man als Linker »täglich aufs Maul«, erzählt ein anderer Gast.

So wird viel klar ausgesprochen bei der Show, doch am Ende fasst Sascha Lange zusammen: »Alle, die mit der Hoffnung nach mehr Erkenntnis kamen, wurden enttäuscht. Ich bin deprimiert.« Die Antwort aus dem Publikum: »Trink mehr Korn!«

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