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Dialogkino

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Anfang Februar findet zum fünften Mal das fremdsprachige Kinder- und Jugendfilmfestival im Cineding statt. Die Initiative Aktives Gestalten lädt alle, die eine Fremdsprache lernen oder mit ihren Kindern zum Beispiel die eigene Muttersprache pflegen wollen, zu Filmvorführungen in Englisch und Französisch, immer deutsch untertitelt. Daneben gibt es schöne Aktionen mit Muttersprachlern, die die Vorstellungen begleiten. Unter der Woche richtet sich das Angebot an Schulklassen, am Wochenende sind im Rahmen der Familientage alle eingeladen. Ein Gespräch mit den Initiatoren gibt es in der frisch erschienenen Februarausgabe des kreuzer.

5. Kino Fino Filmfest 3.–10. Februar, Cineding
Infos: www.initiativeaktivesgestalten.com

Film der Woche: Mit seinem achten Film hat Quentin Tarantino endgültig einen Status in Hollywood erreicht, der einzigartig ist. Nach rund drei Stunden Laufzeit der 70mm Fassung – die reguläre Kinoversion ist ein wenig kürzer – kommt man zu dem Schluss, dass der Filmemacher sich wohl alles erlauben kann. Er nutzt seine Freiheit, die ihm nicht zuletzt Miramax und das hervorragende Einspielergebnis von »Django Unchained« bescheren, um seine Leidenschaft für die Filmgeschichte konsequent auszuleben. Er gräbt ein längst vergessenes Filmformat aus, zelebriert die Auferstehung des Westerngenres und angelt sich dafür seine Wunschbesetzung vom hervorragenden Ensemble, bis hin zu Kamera und Musik. Mit diesen Mitteln inszenierte er ein zweieinhalbstündiges Kammerspiel, um es dann im letzten Akt richtig krachen zu lassen. Im Grunde sind diese drei höchst kurzweiligen Stunden die Essenz seiner vorherigen Filme. Ennio Morricone legt ein packendes musikalisches Fundament darunter und darf sich auf den ersten Oscar in seiner über fünfzig Jahre dauernden Karriere freuen. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»The Hateful Eight«: ab 28.1., Passage Kinos, Cineplex, CineStar, Regina Palast, Schauburg

Die Geschichte beginnt in Athen, wo gerade alles endet. Das Land ist bankrott, die Aussichten auf einen Job sind düster. Deshalb geht Elena und lässt ihren Freund Costas zurück. Eine Freundin hat ihr einen reizvollen Job in einem Club in Frankfurt in Aussicht gestellt. Die Zukunft scheint offen. Doch der Gesundheitstest lässt ihre Pläne zerplatzen: Elena ist schwanger. Um das Geld für eine Abtreibung zusammen zu bekommen, übernimmt die junge Frau die Stelle als Kindermädchen der anderthalbjährigen Lotte. Der schicke Loft, in dem Tessa und Jan mit ihrer Tochter wohnen, kann die Probleme in ihrer Beziehung nicht kaschieren. Tessa ist froh, aus der Elternzeit wieder in den Job zu kommen, hat jedoch Probleme, den Druck, der dort auf ihr lastet, zu bewältigen. Sie lässt ihren Frust an Jan und Elena aus. Doch dann geschieht etwas, das den Weg der Figuren durcheinanderbringt.
»Ein Atem« – eine Seele: die unterschiedlichen Lebenswege zweier Frauen, deren Seelen miteinander verbunden sind, kreuzen sich in Christian Züberts Drama. Ähnlich wie in den Filmen von Susanne Bier und Anders Thomas Jenssen sind sie Spielball des Schicksals. Doch Zübert wählt einen wesentlich stilisierteren Weg, im Gegensatz zur emotionalen Erzählweise Biers. Liegt es am fehlenden Vertrauen zur Handlung oder an der Überambition des künstlerischen Konzepts, dass sich viele deutsche Regisseure zu sehr in der Form ihrer Filme verzetteln? Auch Christian Zübert zwängt die kraftvolle Geschichte, die er gemeinsam mit seiner Frau Ipek Zübert erdacht hat, in ein formelles Korsett und nimmt ihr die emotionale Wucht. Strikt getrennt erzählt er zunächst Elenas Geschichte und dann Tessas, konzentriert sich aber im dritten Akt zu stark auf die kämpferische Mutterfigur (stark gespielt von Jördis Triebel) und vernachlässigt die junge, verunsicherte Elena. Das bringt seinen Film aus dem Gleichgewicht.

»Ein Atem«: ab 28.1., Passage Kinos

Die Liebe ist eine eklige Chose. Das jedenfalls ist ein Resümee von Philippe Garrels neuem Film »Im Schatten der Frauen«. Der ist so raffiniert wie eine französische Praline aus Bitterschokolade, die man sich ganz langsam auf der Zunge zergehen lässt. Ein weiteres Resümee: Philippe Garrel sollte man sich merken. Das klingt kurios, denn der Altmeister des französischen Kinos dreht seit 1964 Filme, hat es aber unerklärlicherweise erst mit diesem Film in die deutschen Kinos geschafft.
Moment, gerade hat jemand langsam gesagt. »Schatten der Frauen« ist ein Film, der in ruhigen Bilder erzählt, aber deshalb muss sich niemand sorgen. Langsam heißt hier keinesfalls schlecht, sondern eher anders als Zuschauer es von den meisten Kinofilmen gewöhnt sind: ein Film gedreht in schwarz und weiß, in Vintage-Ästhetik, der sich lange Einstellungen leistet. Der 1948 geborene Garrel erschuf seine ersten Filme in der Hochphase der Nouvelle Vague und diese Bezüge sind gut erkennbar. So stark, dass man glaubt, einen Film zu sehen, der in den 70-ern spielt – bis das erste Handy auftaucht.
Garrel ist in Frankreich für seine besondere Bildsprache berühmt. Seine Spezialität sind karge, aber ungezwungen elegante Bilder, mit denen er private Momente so intim darstellt, dass der Betrachter fast das Gefühl hat, dabei zu sein. Seine Themen: die Liebe und wie schwierig zwischenmenschliche Beziehungen sind. »Schatten der Frauen« ist eine klassische Liebesgeschichte, deren Handlung sich knapp zusammenfassen lässt: Pierre (Stanislas Merhar) und Manon (Clotilde Courau) sind beide zwischen dreißig und vierzig Jahre alt, arbeiten im Filmgeschäft und beginnen, ohne dass der jeweils andere davon weiß, Affären mit Unbekannten. Was sich daraus entspinnt, ist eine genüsslich süße, bitterböse bis brutale Geschichte zweier Seitensprünge.
Dabei sieht vom Straßenbild, den Teekännchen in Bett und Bistro, Klamotten und Tapeten alles an »Im Schatten der Frauen« aus wie ein Zitat aus einer anderen Zeit – bis plötzlich die Bettwäsche von Hauptfigur Pierre an IKEA erinnert. Kann sein, dass der Film sagen will: alles, was jetzt in ist, das gab es schon mal. Denn er sagt auch: alles, von dem man denkt, es sei einzigartig, individuell und nicht wiederholbar, stellt sich irgendwann als alltäglich heraus. Die Frage ist nur, wie jeder einzelne damit umgeht. Ziemlich aktuell in einer Zeit, in der sich gefühlt alle mit Beziehungsmustern und Grenzen beschäftigen. Über den Nachgeschmack, den man davon im Mund behält, wird man vielleicht noch eine Weile nachdenken müssen.
MAGDALENA KOTZUREK

»Im Schatten der Frauen«: ab 28.1., Schaubühne Lindenfels

Ein Rudel, vier Männer, eine Frau, Heranwachsende, allein gelassen von der Gesellschaft. Ihr Anführer, das Alphamännchen Tubbie (Franz Rogowski) führt sie aus dem Domizil im Wald durch die triste Großstadt. Hier treffen sie auf Ablehnung und Gewalt. Das Langfilmdebüt des gebürtigen Hallensers Henri Steinmetz, der bei Michael Haneke und Christian Berger in Wien Regie und Kamera studierte, ist ein durch und durch seltsamer Film. Ein Tanz zwischen strikter Bildkomposition und improvisierter Szenen, deren Sinn sich nur schwer erschließt. Steinmetz‘ Mut, sich abseits der Konventionen deutschen Kinos zu bewegen, ist bewundernswert und erinnert in Ansätzen an den ukranischen »The Tribe«. Aber auf Dauer überwiegt die Anstrengung. Nach und nach gibt man als Betrachter des Treibens entweder auf oder versucht nicht mehr einer Handlung zu folgen. Dann bleiben einige eindrückliche Szenen und eine eigenartige Atmosphäre zurück im Kinosaal.

»Uns geht es gut«: ab 28.1., Kinobar Prager Frühling
Am 29.1. in Anwesenheit von Regisseur Henri Steinmetz und Darstellern

Flimmerzeit_Januar_2016

 

Weitere Filmtermine der Woche

Tarantino-Triple
Der Cineplex hat gefragt und das Publikum hat entschieden: zum Start seines achten Streichs gibt’s noch einmal seine letzten beiden Streiche »Inglourious Basterds« und »Django Unchained« auf der Leinwand zu bewundern, im Triple mit »The Hateful 8«
30.1., 22 Uhr, Cineplex

Und die Zeit, die der Teig zum Gehen braucht …
Eine Retrospektive von Margaret Raspés Super-8-Filmen mit dem Kamerahelm. Die Kamerahelmfilme der Malerin und Performancekünstlerin Margaret Raspé entstanden in den 1970er und 1980er Jahren mit einer Vorrichtung, die es ihr ermöglichte, zu arbeiten und dies gleichzeitig aus Perspektive ihrer Augen zu filmen.
30.1., 20 Uhr, UT Connewitz

Werden Sie Deutscher
Monatelang hat die Regisseurin Britt Beyer einen der Berliner Integrationskurse begleitet. In ihrem Film zeigt sie die Schicksale und den Alltag der Teilnehmer. Filmvorführung und Podiumsgespräch mit der Regisseurin Britt Beyer, Moderation: Luc-Carolin Ziemann
2.2., 10 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

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