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Die Bären sind los

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

suffragette Größeres Bild

Ein Bär geht durch Berlin. Zum ersten Mal seit Jahren verabschiedet sich die Berlinale vom kunstvoll verquasten Leitmotiv, bei dem man sich Jahr für Jahr aufs Neue fragt, was es eigentlich darstellen soll. Stattdessen setzt man auf den Plakaten, die bereits das Bild der Hauptstadt prägen, ganz auf das pelzige Maskottchen. Ob das mit dem Geburtstag des Teddy zusammenhängt, ist wohl eher unwahrscheinlich. Dabei ist die Preisverleihung des queeren Filmpreises im 30. Jahr nach wie vor der Paradiesvogel im Nadelstreifenzirkus der Internationalen Filmfestspiele.

Das Schaulaufen der Hollywood-Stars steht auch in diesem Jahr im Mittelpunkt des Blitzlichtinteresses. Da hat die Berlinale allein mit der Hollywood-Satire »Hail Caesar!«, dem neuen Werk der Coen-Brüder, das die Filmfestspiele eröffnen wird, schon gute Karten. Josh Brolin, George Clooney, Ralph Fiennes, Jonah Hill, Scarlett Johansson, Frances McDormand, Tilda Swinton und Channing Tatum könnten am 11. Februar über den roten Teppich wandeln und gerade von der allgemeinen Clooney-Hysterie alle paar Jahre weiß man ja, dass er Berlin treu ist. »Midnight Special« von Jeff Nichols (»Take Shelter«) mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver und Sam Shepard verspricht darüber hinaus auch ein extrem spannender Film zu werden. Auch »Genius« mit Jude Law, Nicole Kidman und Colin Firth, der Max Perkins verkörpert, den Verleger literarischer Genies wie Thomas Wolfe, Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald, bringt neben Star-Power auch einen interessanten Wettbewerbsfilm in die Hauptstadt.

Auf der künstlerischen Seite locken neue Werke von Denis Côté, Rebecca Miller (»Maggie’s Plan« mit Ethan Hawke und Julianne Moore) und »The Guard«-Regisseur John Michael McDonagh. Die Retrospektive befasst sich mit »Deutschland 1966 – Filmische Perspektiven in Ost und West« und zeigt ausgehend vom Oberhausener Manifest rund zwanzig Spiel- und Dokumentarfilme aus Kino und Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Welche politischen Impulse die Berlinale in ihrem 66. Jahr setzen kann, bleibt abzuwarten. Das Thema Flucht wird sicher auch hier ein beherrschendes sein. Wer das Rennen um die begehrten Bären machen wird, könnt ihr neben Interviews und Rezensionen live auf kreuzer-leipzig.de verfolgen. Das Programm ist ab sofort online, die Festivalplanung kann beginnen! Aber schon jetzt ist eines sicher: Ausnahmslos alle werden sich auf ein Wiedersehen mit der diesjährigen Jury-Präsidentin Meryl Streep freuen, die zuletzt vor vier Jahren den Ehrenbären entgegennahm.

66. Berlinale, 11.–21.2., www.berlinale.de

Film der Woche: Das Recht zu wählen und selbstbestimmt zu leben – eine Errungenschaft, deren Wert einem erst bewusst wird, wenn man sich vor Augen führt, dass ein gleichberechtigtes Leben vor nicht einmal einhundert Jahren keine Selbstverständlichkeit war. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren Frauen etwa in Großbritannien noch vollends abhängig von ihren Männern, schufteten schwerer und länger für einen wesentlich kargeren Lohn. Auch Maud Watts (oscarreif: Carey Mulligan) kennt es nicht anders. Seit sie sieben Jahre alt ist, steht sie in der Wäscherei und arbeitet unter unmenschlichen Bedingungen. Sie hat gelernt, sich zu ducken und die Strapazen zu ertragen. Bis ihr Boss, der schmierige Taylor (Geoff Bell), zu weit geht, und sie Violet (Anne-Marie Duff) begegnet, einer Aufrechten, die für das Wahlrecht der Frauen kämpft. Maud begreift, dass sich ihr Leben nicht ändern wird, wenn sie es nicht selbst in die Hände nimmt. 1903 scharte Emmeline Pankhurst (in einem kurzen Auftritt verkörpert von Meryl Streep) eine Gruppe kämpferischer Frauen, die Suffragetten, um sich. Ihr entbehrungsreicher Kampf um das Wahlrecht sollte viele Jahrzehnte dauern. Sarah Gavron (»Brick Lane«) legt den Fokus ihres Films abseits der Galionsfigur hin zu den Fußsoldatinnen der Bewegung. In tristen, grau-braunen Bildern und mit einem exzellenten Cast lässt sie die Zeit auferstehen, als Geschichte geschrieben wurde. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Suffragette«: ab 4.2., Passage Kinos

Das Private kann ein Raum des Widerstandes sein. Dabei entlarvt sich ein Familiengeflecht oft als sonderbar eigensinniger Mikrokosmos, der zum Gefängnis mutieren kann, in dessen Räumen seltsame Gesetze herrschen. So auch in Nikias Chryssos abgründigem Kammerspiel »Der Bunker«: Eben dort, in einer gemeinschaftlichen, unterirdischen Idylle wohnt eine dreiköpfige Familie. Ein Student zieht als Untermieter ein, um sich seiner wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. Da er die Miete nicht voll bezahlen kann, soll er den kleinen Klaus unterrichten, der körperlich zwar schon erwachsen ist, sich aber als Sohn wie ein Achtjähriger gebärdet. Er wird von seinen Eltern, vor allem von der dominanten Mutter, einfach nicht aus seiner Rolle als Sohn entlassen, mehr noch: Sie wollen ihn mit ihrem Lernprogramm aus Disziplin, Strenge und Züchtigung zum Präsidenten erziehen. Mit Humor und gut getimten Spiel pervertiert die Geschichte eine neurotische Spießbürgermoral, die im Zweifel auch vor Gewalt als Mittel zum Erfolg nicht zurückschreckt. Dabei muss nicht immer alles zu Ende erklärt werden. Der Film bleibt in seiner eigenen Abgeschiedenheit nur seiner immanenten Logik verpflichtet, bis hin zum Exzess. Angenehm verstörend. Wunderbar. Ausführliche Kritik von Stephan Langer im aktuellen kreuzer.

»Der Bunker«: 5., 8./9.2., UT Connewitz, ab 9.2., Schaubühne Lindenfels

Ein Pullover oder eine Hose für weniger als zehn Euro, ein Hemd für fünf – oft geht man in Kleidungsgeschäfte und ist begeistert, wie billig die neueste Mode bei uns zu haben ist. Doch wie kann es sein, dass Kleidung bei uns so wenig kostet? Der Dokumentarfilm macht sich auf die Suche und verfolgt eindrucksvoll den Weg, den die Kleidung macht, bevor sie zu uns ins Geschäft kommt. Die bedrückende Antwort auf die Frage ist: Es darf nicht sein! Es gibt kaum einen Markt, bei dem Schein und Realität so weit auseinanderliegen wie bei der Bekleidungsindustrie. Auf der einen Seite gibt es Modenschauen mit Starmodels und rotem Teppich, auf der anderen Seite wird die Kleidung zumeist unter sklavenähnlichen Bedingungen in sogenannten Dritteweltländern produziert. Die Ausbeutungskette, die hinter jedem einzelnen Kleidungsstück steckt, wird unsichtbar hinter der Glamourwelt der Modeindustrie. Der Film zeigt diese Kette auf: Wo wird die Kleidung hergestellt, welche Arbeitsbedingungen herrschen dort, was passiert in den Ländern, in denen riesige Wassermengen für die Baumwolle benötigt werden, während die Menschen verdursten? Die Ausbeutung von Mensch und Natur, die hinter den niedrigen Preisen steckt, ist erschreckend. Ebenso erschreckend ist die Verdrängung dieser Tatsache in der westlichen Welt. Wer würde schon eine Hose kaufen, wenn er wüsste, dass dafür ein Kind verdursten musste oder die Näherin der Hose in den Trümmern einer eingestürzten Fabrik gestorben ist? »True Cost« zeigt die erschütternde Wahrheit: Die Kosten für unsere Kleidung müssen andere bezahlen.

»The True Cost – Der Preis der Mode«: ab 4.2., Cineding

Der Dokumentarfilm taucht ein in die vielschichtige Welt der Anarchisten und bricht mit den gängigen Klischees über Steinewerfer und Chaoten. Er eröffnet viel mehr den Blick auf eine Bewegung, die das Unmögliche fordert, an den Grundfesten unserer Gesellschaft rüttelt und gerade deshalb das Augenmerk auf zentrale ungelöste Fragen unserer Zeit lenkt. Der Film handelt von einer politischen Bewegung, ihrer Theorie und den Menschen, die sich für deren Verwirklichung einsetzen. Hanna, Mariano, Didac, Margarita und Makis sind Anarchisten. Sie träumen von einer freien Gesellschaft. Sie entwerfen konkrete Visionen einer anderen Welt und versuchen diese in ihrem Leben umzusetzen. Sie glauben daran, dass Menschen herrschaftsfrei leben können, ohne Staat, ohne Polizei, ohne Gesetze und Justiz – aus heutiger Sicht eine absurde Vorstellung. Ihr Leben ist ein Ringen mit Obrigkeiten, Konventionen und Vorurteilen. Egal ob in Spanien, Griechenland oder Deutschland, überall treten sie für ihre Ideale ein und bleiben trotz aller Rückschläge und auch Repressionen durch den Staat kämpferisch. Anarchie ist ein radikaler Ansatz und die Protagonisten des Films stellen die Grundprinzipien der kapitalistischen Weltordnung in Frage. Und damit sind sie nicht mehr alleine. Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus stellen weite Teile der Gesellschaft ebenso den Kapitalismus als zukunftsfähiges Gesellschaftsmodell in Frage. Welche Alternativen bietet der Anarchismus? Der Film geht dieser alten und zugleich neuen Idee nach und nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise zu anarchistischen Projekten.

»Projekt A – Eine Reise zu anarchistischen Projekten in Europa«: ab 4.2., Luru Kino in der Spinnerei, 12.2., UT Connewitz in Anwesenheit der Filmemacher

Flimmerzeit_Januar_2016

 

Weitere Filmtermine der Woche

Underground
Der Film erzählt eine Dreiecksgeschichte im London der Zwanziger Jahre. Bill liebt Nell, ein kleines Ladenmädchen, in die sich auch Bert, ein U-Bahn-Schaffner, verguckt. Teilweise in der Londoner U-Bahn gedreht, endet das Liebesdrama in einer spektakulären Verfolgungsjagd durch die imposanten Hafenanlagen. Das Duo Spur der Töne (Anja Kleinmichel, Lutz Eitel) vertont den britischen Stumfilm von 1928 mit Klavier, E-Gitarre und Sampler.
5.2., 20 Uhr, Horns Erben

Wunder der Lebenskraft – Eine Reise zur Heilung der Seele
In der Dokumentation wird aufgezeigt, wie Menschen in unterschiedlichen Regionen der Welt versuchen, mit verschiedenen Methoden jene Lebenskraft zu steigern, um ein glücklicheres Dasein zu führen. Mit Vorfilm.
6.2., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Glaube Liebe Hoffnung
Der vierte Film des Leipzig-Zyklus von Andreas Voigt begleitet eine Gruppe radikaler Jugendlicher.
8.2., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

Der letzte Wolf
1967 wird der junge Student Chen Zhen von Peking aus in die Mongolei geschickt, um einem Stamm nomadischer Hirten Lesen und Schreiben beizubringen. Er interessiert sich besonders für die gefürchteten wie verehrten Wölfen, zu denen die Hirten ein komplexes Verhältnis haben. Chen fängt an, die Tiere zu studieren. Als sie von der chinesischen Regierung als Gefahr eingestuft werden, werden immer mehr Wolfswelpen umgebracht. Chen rettet einen Welpen und zieht ihn auf. Während sich zwischen den beiden eine besondere Freundschaft entwickelt, sind den verbliebenen Wölfen die Taten der Menschen durchaus bewusst und sie setzen zum Angriff auf deren Siedlungen an. Sehenswertes, bildgewaltiges Leinwandabenteuer von Jean-Jacques Annaud (»Der Bär«) mit ökologischer Botschaft.
10.2., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Bowlingtreff
Im Jahr 1987 eröffnet, wurde der Bowlingtreff zu einem Symbol für die Sportstadt Leipzig. – Matinee in Anwesenheit der Regisseure – mit Kaffee und Kuchen
11.2., 21 Uhr, UT Connewitz

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