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Sports & Stories

Die Sportkolumne zu bewegten Körpern und dem ganzen Drumherum

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Heute geht es um einige wichtige Dinge, die der Sport auslösen kann und das in die verschiedensten Richtungen. Zuerst einmal schränken wir das Betrachtungsfeld erheblich ein und konzentrieren uns – ganz tendenziös nach dem völlig unvorhersehbaren Gewinn des Handball-Europameistertitels – auf diese Sportart. Und beschäftigen uns schließlich mit der Frage, ob sie eine Alternative für Deutschland sein kann.

Beim Spiel des SC DHfK Leipzig gegen den SC Magdeburg konnte am Mittwoch der Alltagsabgleich der Sportart beobachtet werden, die in den letzten Wochen eine gewisse Euphorie hervorrief. Im Vorfeld waren die DHfK-Verantwortlichen etwas abergläubisch und vorsichtig-optimistisch. Bei der Pressekonferenz vor dem Spiel besetzten sie das Podium wie beim Hinspiel mit Akteuren, die eine Magdeburger Vergangenheit ihr Eigen nennen können. So sollte das Gefühl vom 9. September in Erinnerung gerufen werden, als Marvin Sommer in der letzten Sekunde das Tor zum 26:25 schoss.

Aufsichtsrat Stefan Kretzschmar eröffnete gar den Vergleich zwischen der Mannschaft, die den Europameistertitel gewann, und der Leipziger Männerhandballmannschaft. Beiden gemein sei der Status als Underdog, der für Überraschungen gut sei.

In der Bördelandhalle – jetzt GETEC-Arena – fanden sich beim Aufeinandertreffen 6.712 Zuschauer ein, um eine Revanche für die Niederlage gegen den Leipziger Bundesliga-Aufsteiger zu erleben. Dabei nutzte das Publikum recht ungewöhnliche Stehplätze, um das Geschehen auf der Platte verfolgen zu können. In Zweierreihen beispielsweise standen sie hinter den Biertischen, an denen die Pressevertreter ihre Plätze einnahmen.

In der Halle brauchte es keine Klatschpappen, um die Dezibel zu steigern. Die Laune des heimischen Publikums sollte auch das Magdeburger Lied erhöhen, dessen Text auf dem von der Decke hängenden Videowürfel wie beim Karaoke Zeile für Zeile auftauchte. Die Leipziger Fans überzeugten gleich zu Beginn mit einer grün-weißen Choreo auf den Rängen. Dass das Spiel dann zugunsten der Leipziger mit 28:31 Toren ausging, lag an vielen Einzelteilen, die als Summe fantastisch zusammenpassten, um das Klischee von David gegen Goliath zu bedienen.

Nach diesem positiven Resultat für den Leipziger Handball darf allerdings auch ein Blick auf die derzeit tobende Debatte über Handball nach dem Europameistertitel nicht fehlen. Der Text von Wolfram Eilenberger »Die Alternative für Deutschland« auf Zeit online musste allein aufgrund der Überschrift Reaktionen hervorrufen, die sich bisher auf fast 600 Kommentare und über 300.000 Aufrufe rein nummerisch ablesen lassen.

Eilenberger vermerkt, dass die Geschichten um den Underdog und dem »Wunder von Krakau« darauf zielen, dass »Handball als ehrlicher Sport von ehrlichen Männern für ehrliche Bürger, herzhaft, blutnah, widerständig« erscheint. Die körperbetonte Spielweise Mann gegen Mann stellt so den »neuen Männersport für alle« dar. Bereits vor zwei Jahren mokierte er sich über die Spielphilosophie des FC Bayern München Trainers Pep Guardiola, der nach Eilenberger die Feminisierung des Fußballs herbeiführt. Was das bedeutet?

Die »männlichen« Tugenden (Physis, Kampf, Durchsetzungskraft, Ichbezogenheit) schwinden per Taktik. Stattdessen walten auf dem Feld weibliche Akzente, die nach dem Autor im Kurzpassspiel enden und über »Penetrationsarmut« verfügen.

Außerdem verortet er erfolgreiche Handballmannschaften in kleineren Städten. Viel deutlicher erhebt Eilenberger dann jedoch die Vorwürfe, dass es sich bei der Siegermannschaft um eine Mannschaft ohne Spieler mit Migrationshintergrund handelt – hierfür listet er die Vornamen auf. Das führt seinerseits zu dem Schluss, dass Handball heute aus dem Geiste »der deutschen Reihenhausvergangenheit der achtziger Jahre« stamme – verkürzt auf die Gleichung: »Wenn Fußball Merkel ist, ist Handball Petry.«

Aber ist es wirklich so eine einfache Rechnung? Zuerst einmal sei an die deutschseligen Nationalinszenierungen gedacht, die seit 2006 bei den Männerfußballereignissen jedes Mal zu erleben sind. Sie machen es rechtskonservativen und -radikalen Kreisen sehr leicht, ihr Gedankengut in der Mitte der schwarz-rot-goldenen Public-Viewing-Arena zu verankern, um dort eine Salonfähigkeit zu entwickeln. Dass sich dieses Gedankengut heute vor allem in kleineren Städten angesiedelt hat, ist dem Handballsport nicht vorzuwerfen.

Dass Handball nun im Gegensatz zu Fußball d i e Männersport darstellen soll, folgt wohl eher einer Ironie der Geschichte. Handball wurde 1915 für Mädchen und Frauen vom Berliner Turnwart Max Heiser entwickelt, damit die nicht in die Nähe von Fußbällen gelangten (vgl. kreuzer 11/ 2015). Fußball ist nach wie vor Mannschaftssportart Nummer eins, mit all den Klischees vom gesellschaftlichen Aufstieg etc., der die Wahl für diese Sportart sehr unterstützt. An dieser Stelle sei der Roman »Ruhm und Ruin« von Imran Ayata über einen Berliner Fußballverein mit Migrationshintergrund empfohlen.

Die Debatte nun zeigt vor allem, dass Sport – egal ob Fuß- oder Handball – die gesellschaftliche Realität abbildet und in keiner fernen Wattewolke existiert. Es wäre daher sehr ratsam, wenn dieser Fakt nicht nur bei Titelgewinnen in der Debatte auftauchen würde und ansonsten immer nur ein Schwur auf Politikferne gehalten wird, denn Themen gäbe es genügend.

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