Startseite / Kultur / Mineralwasserwerbung und Prostitution

Mineralwasserwerbung und Prostitution

Wie Werbung vor einem Bordell eine ganz andere Wirkung erzielt

bodell5 Größeres Bild

Wenn man Werbung vor einen Puff stellt, zeigt sich viel deutlicher, wie sexualisiert sie ist. Die Leipziger Theatermacherin Solveig Hoffmann fährt regelmäßig am »FKK Saunaclub« in der Torgauer Straße vorbei und hat die dort platzierte Werbung fotografiert. Im Interview erzählt sie von ihrer Idee, den witzigsten Sprüchen und der trostlosen Umgebung.

 

kreuzer: Wann ist Ihnen die Werbetafel und das dahinterliegende Bordell aufgefallen, beziehungsweise dass die Kombination von beiden oft sehr lustig ist?

SOLVEIG HOFFMANN: Als da gerade ein Bild von einem kleinen Mädchen in einem pinken Prinzessinnenkleid hing, dessen Farbe sich ganz fürchterlich mit dem roten Anstrich des Laufhauses biss. Doch gleichzeitig passte es irgendwie, so ein herausgeputztes Prinzessinnenkind und die Ästhetik des Puffs dahinter. Ab da passte ich jede Woche auf. Als Nächstes kam eine jubelnde Frau im Fußballtrikot mit dem Slogan »Chancen verwirklichen«. Dann Kanzlerin Merkel mit »Gemeinsam für Europa«. Und immer so weiter. Als dann das Plakat mit der sprudelnden Flasche und dem Spruch »Dein Schluck Freiheit« hing, habe ich es endlich geschafft, rechtzeitig loszufahren und Bilder zu machen. Und siehe da: Alle Freunde, denen ich die Bilder zeigte, wollten schnell mehr. Insgesamt hat das dazu geführt, dass ich auch pünktlicher bei meinen Terminen ankam.

 

 

kreuzer: Was war die beste Werbung?

HOFFMANN: Da sind die Geschmäcker verschieden. Für mich stehen auf Platz eins die Slogans »Steffen Lukas zahlt Ihre Rechnung« und »Frauen haben jetzt Besseres zu tun«. Aber vom Bild her finde ich den kleinen Jungen, der sich den Orangensaft von den Lippen leckt, wirklich am krassesten. Das hätte echt nicht sein müssen.

kreuzer: Ist eigentlich jede Werbung in diesem Zusammenhang lustig?

HOFFMANN: Natürlich ist nicht alles gleich lustig. Aber ich würde schon sagen, dass neun von zehn Plakaten in einen Kontext mit dem Laufhaus zu bringen sind. Ich sehe jetzt auch Plakate, die ganz woanders hängen, oft mit anderen Augen und stelle sie mir vor dem Puff vor. Da fällt mir dann auch auf, wie sexualisiert die Werbung ist. Ich habe früher gar nicht wahrgenommen, dass Mineralwasser und Zigaretten und Baumärkte ganz selbstverständlich mit Sex verbunden werden. Diese Werbung funktioniert vielleicht ganz gut in der Innenstadt, aber an manchen Orten geht das Konzept dann eben nicht auf, beziehungsweise verändert sich der Kontext. Vermutlich würde kaum ein Werbemensch Mineralwasser in Verbindung mit Prostitution anpreisen wollen – mit nackten Frauenkörpern aber schon. Deshalb macht es mir Spaß, wenn die Umgebung das Konzept sozusagen ein Stückchen weiterführt.

Andererseits stellt die Werbung einfach einen sehr starken Kontrast zur gesamten Umgebung dar und bietet mit dem Laufhaus eine krasse Fläche, die auch jeder versteht – man muss keine Informationen über diesen Ort haben, der erklärt sich von selbst.

kreuzer: Warum kommen Sie da so oft vorbei?

HOFFMANN: Als freiberufliche Theatermacherin hatte ich eine ganze Weile regelmäßig in Eilenburg zu tun. Außerdem engagiere ich mich seit 2013 im Asylbewerberheim in der Torgauer Straße. Wenn man dahin will, muss man gefühlt erst aus der Stadt raus, dann kommt das Laufhaus, die Schienen, dann das Heim und dann Amazon. Insgesamt finde ich, dass die Torgauer Straße eine ziemlich deprimierende Route ist. Ewig lang, und irgendwo sind dann hunderte Menschen geparkt. Ein klassischer Durchgangsort. Und ich glaube, die meisten Bewohner der Torgauer Straße finden die Existenz des Laufhauses ziemlich unangenehm.

Kommentieren

Dein Kommentar

Ein Kommentar