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Wenns am schönsten ist …

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Am 26.2. feiert die memento Programmvideothek am Dorotheenplatz ihren 5. Geburtstag und es wird ihr letzter sein. Am Freitagabend heißt es »And the Oscar Goes To…« mit einem Vortrag der Filmwissenschaftlerin Claudia Cornelius über die Geschichte der Oscars. Am Samstag fällt dann der letzte Vorhang für das memento. Andrea Cornelius hatte den Laden, der neben zahlreichen Filmperlen auch einen beliebten Späti beherbergt, gemeinsam mit ihrer Schwester Claudia mit viel Leidenschaft aus der Asche des ehemaligen Filmgarten aufgebaut. Wie die Filmgalerie Alpha60, mit der das memento zuletzt kooperierte, haben auch die Cornlius Schwestern im Laufe der Zeit die Konkurrenz durch das Internet zu spüren bekommen. Für sie beginnt nun ein neuer Akt. Dem Kiez, der sich in den letzten Jahren mit Cafés und Läden wie dem mzin gut entwickelt hat, geht ein zentraler Anlaufpunkt verloren.

»And the Oscar Goes To…«, 26.2., 20 Uhr, memento, memento-leipzig.de

Film der Woche: Ein Relikt aus einer Zeit, die gerade mal fünfzehn Jahre her ist und doch wirkt es als wären die Zeiten des investigativen Journalismus‘ lange vorbei. Zu Beginn des letzten Jahrzehnts war das noch anders. Selbst ein vergleichsweise kleines Blatt wie der Boston Globe gönnte sich eine separate Redaktion, die losgelöst vom Rest der Schreibenden recherchierte. Meist wussten die Kollegen nicht einmal, woran sie gerade arbeiteten, oft dauerte die Recherchearbeit Monate und ob am Ende ein Artikel dabei herauskam, war ungewiss. Wenn die Crew allerdings den richtigen Riecher bewies, jagte ihre Arbeit eine Schockwelle durch die Gesellschaft und steigerte nebenbei die verkaufte Auflage der Zeitung. Als die Spotlight-Redaktion des Globe auf einzelne Fälle von Missbrauch in den katholischen Kirchengemeinden ihrer Heimatstadt stieß, konnten die Redakteure noch nicht ahnen, dass daraus ein Skandal erwachsen würde, der die Grundfesten der Institution überall in der Welt erschüttern würde. Autor und Regisseur Tom McCarthy („The Station Agent“) würdigt ihre Arbeit mit einem hochspannenden Politthriller, garniert mit einem großartigen Ensemble. Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams glänzen als Teil des Investigativteams, das die unfassbaren Fälle ans Licht brachte. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Spotlight«: ab 25.2., Cinestar

Sommer, jung und frei – in den ersten Bildern von Deniz Gamze Ergüvens »Mustang« tobt eine Gruppe Jugendlicher unbeschwert im Meer. Es ist das Paradies der Jugend und doch droht die Vertreibung bereits im Hintergrund. Schließlich leben sie in der Türkei, einem Land, hin- und hergerissen zwischen Tradition und Moderne. Es kommt, wie es kommen muss: die Nachbarn reden, die Großmutter und der Onkel, die nach dem Tod der Eltern für Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay verantwortlich sind, handeln radikal. Sie sperren die fünf Schwestern ein, verriegeln die Fenster und errichten höhere Mauern um das Haus. Doch gegen die Natur der Heranwachsenden kommen sie nicht an und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der Konflikt zwischen den Generationen entlädt.
Die junge türkische Regisseurin ist in ihrem zweiten Film ganz nah bei ihren Protagonistinnen. Ihr Film hat etwas Schwereloses, ganz ähnlich dem thematisch verwandten »Virgin Suicides«. Allerdings fehlt hier die Distanz der historischen Betrachtung. Während Sofia Coppola das Heranwachsen in den Siebzigern schilderte, spielt sich die Geschichte von Ergüven und ihrer Co-Autorin Alice Winocour in einer türkischen Gemeinde in der Gegenwart ab. Die traditionellen Vorstellungen der Alten von einem keuschen Leben bis zur arrangierten Heirat treffen auf die Welt der Kinder, die geprägt ist von den Bildern eines westlichen, freiheitlichen Lebensstils. Ein genau beobachtetes, berauschend fotografiertes Werk, das für Frankreich ins Oscarrennen geht – als erster nicht-französischsprachiger Film. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Mustang«: ab 25.2., Passage Kinos

Der US-Amerikaner Michael Moore war in den 26 Jahren seit seinem Erstling »Roger and me« immer wieder der Stachel in den übergroßen Füßen der Politik und Großkonzerne. Mit Witz und Verve prangerte er Missstände an und legte den Finger tief in offene Wunden. Dabei etablierte er seinen eigenen Stil, der sowohl beim Publikum als auch bei Kritikern für Kontroversen sorgte. Die einen schätzen seinen Mut, die anderen werfen ihm eine einseitige Sichtweise vor. Fest steht, dass Moore immer für die richtigen Dinge eintrat. So auch bei seinem aktuellen Werk, das ihn die vergangenen sechs Jahre begleitete.
Am Anfang steht ein Konzept: als Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika marschiert Moore in Europa ein. Von dort will er gute Ideen zurück bringen, die seine Heimat endlich zurück an die Weltspitze führen sollen. So reist er nach Norwegen, wo ein würdevoller Umgang mit Inhaftierten üblich ist, und nach Portugal, wo Gefängnisstrafen für Drogendelikte abgeschafft wurden. Er zeigt das Schulsystem in Finnland, das zu den besten der Welt gehört, das ausgewogene Menü an Frankreichs Schulen und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Deutschland. Schließlich reist er nach Island und Tunesien, wo die Rechte von Frauen fortschrittlicher sind als in seiner Heimat. Natürlich blendet er die Schattenseiten der italienischen Wirtschaft aus, wenn er die paradiesischen Arbeitsverhältnisse dort einfängt. Aber Moore geht es bei seinem Feldzug um die Blumen, nicht um das Gestrüpp, wie er betont. So ist dem alten Idealisten auch diesmal ein kluger und höchst unterhaltsamer Film gelungen, der manch einem seiner Landsleute die Augen öffnen möge.

»Where to invade next?«: ab 25.2., Passage Kinos

Ein Mensch im Astronautenanzug in einer lebensfeindlichen roten Wüste. Ein Paar in seiner fragilen Bleibe in den dunklen Schächten unter einer bizarren Metropole. Ein Mann mit einem Wohnmobil nahe eines verlassenen Bunkers im kargen Nirgendwo. Hinter diesen Beschreibungen, die zunächst wie Szenarien für drei Science-Fiction-Filme anmuten, verbirgt sich eine außergewöhnliche Doku, die der Schweizer Regisseur Nicolas Steiner in drei Jahren Arbeit als Abschlussfilm seines Studiums an der Filmakademie Baden-Württemberg gedreht hat. Die Bilder, die Steiner für sein ungewöhnliches Projekt findet, könnten auch aus einem fiktionalen Werk stammen. Denn der Nachwuchsregisseur setzt nicht auf genretypische Talking Heads, sondern nutzt ganz gezielt filmische Stilmittel, um Atmosphäre zu erzeugen. Der zweistündige Film nimmt sich manchmal allerdings etwas zu viel Zeit, den Alltag der Aussteiger respektvoll festzuhalten, während die Beweggründe, weshalb sie ein Leben fernab der Norm führen, äußerst vage bleiben. Das mag Absicht sein, damit der Zuschauer unvorbelastet in diese fremden Welten eintauchen kann. Bei allen, insbesondere beim Untergrundduo Cindy und Rick, hätte man sich trotzdem gewünscht, zumindest etwas mehr von ihrer Vorgeschichte zu erfahren. Ausführliche Kritik von Peter Hoch im aktuellen kreuzer.

»Above & Below«: 25.2., 1.–4.3., Cinémathèque in der naTo

»Ihr jungen Menschen, frisch und aufstrebend, seid das erblühende Leben […]. Unsere Hoffnungen ruhen auf euch«, soll Mao 1957 gesagt haben. Im Sommer 1968 ist der jugendliche Thomas Knauf, der später Drehbuchautor und Regisseur werden sollte, in Warschau und bekommt dort die »Bibel« des aus DDR-Perspektive als Renegaten einzustufenden Mao in die Hand. Zu dieser Zeit war es mit den geradezu naiven Hoffnungen in die Jugend im besseren Deutschland nicht mehr ganz so weit her. Davon erzählt nicht nur die Episode des gebürtigen Hallensers Knauf.
Die Aufbruchseuphorie der frühen Jahre nach Zweiten Weltkrieg und Nazizeit war eng mit dem optimistischen Versprechen verbunden, dass dieser Staat es besser machen würde, was gleichzeitig den in diesen jungen Staat Hineingeborenen die Last aufbürdete, es besser zu machen. Als sie ihre Kindheit hinter sich gelassen haben, hatte sich diese Zuversicht in die Zukunft aka Jugend bereits in Misstrauen verwandelt, und mit der Zukunft des Sozialismus konnten die insgesamt sechs Regisseure und die eine Regisseurin, die »Als wir die Zukunft waren« verbindet, denn auch kaum dienen. Alle blicken zurück auf Erinnerungen an Kindheit und Jugend, an Eltern, Neulehrer, Schule, Ruinen, Pionierhalstücher und Geraune vom Westen und von Sibirien – das eine wie das andere ein ferner und unkonkreter Ort, erst recht, wenn der eigene Vater in den Westen gemacht hat.
So ähnlich sich diese Erinnerungen teilweise – auf dem Hintergrund ähnlicher Erfahrungen – sind, so unterschiedlich geraten sie im persönlichen Blick und in der Umsetzung. Da bewegen sich die kindlichen Alter egos durch Spielfilmszenen, ist die Vergangenheit animiert, treffen schwarz-weiße Familienszenen auf leuchtende Farben, künden düstere Bilder von Schneelandschaften von der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit im Kinderheim und eine sich langsam auflösende Zirruswolke davon, wie wilde Fluchtpläne in der Realität ankommen und somit keine Umsetzung finden. Die sieben Episoden erzählen von einem Land, das seinen Traum vom Sozialismus mit dem schwindenden Vertrauen in seine Jugend verlor. FRANZISKA REIF

»Als wir die Zukunft waren«: 25.–28.2., Schaubühne Lindenfels
Am 25.2. in Anwesenheit von Lars Barthel, Andreas Voigt, Barbara Etz, Grete Jentzen

Flimmerzeit_Februar 2016

 

Weitere Filmtermine der Woche

Menschen untereinander
Ein Berliner Mietshaus als Mikrokosmos einer modernen Großstadt; Wand an Wand reihen sich Glück und Trauer aneinander. Der Film zeichnet mit der Fülle der unterschiedlichen Lebensläufe ein gesellschaftskritisches Bild der »Goldenen Zwanziger.« – Stummfilm mit Orgelimprovisation von Maria Wolfsberger
26.2., 20 Uhr, Paul-Gerhardt-Haus Connewitz

Pedal the World – 18.000 km, 22 Länder, 365 Tage
Eine Weltreise mit Rad – Felix Starck begleitete seinen Kraftakt mit der Kamera.
26.2., 20 Uhr, CineStar

Red Sniper – Die Todesschützin
Die junge Ljudmila Pawlitschenko steht 1941 mit der Waffe in der Hand an vorderster Front als die Russische Armee gegen die deutsche Wehrmacht kämpft. Sie wird als Scharfschützin von ihren Leuten verehrt und von den Deutschen gefürchtet. – Russisches Kino
28.2., 17.30 Uhr, Cineplex (OF)

Das Leben ist nichts für Feiglinge
Sehenswertes, gut gespieltes Familiendrama: Nach dem Tod ihrer Mutter ist die 15-jährige Kim nur noch angenervt von ihrem trauernden und überforderten Vater. Sieht flieht mit ihrem Schwarm Alex nach Dänemark, wo ihre Familie früher immer ihren Urlaub verbrachte. Ihr Vater und ihre Großmutter folgen ihr.
29.2., 17 Uhr, CineStar

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