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Konzertabend im Untergrund

Neue Reihe in der MB: Zum 1. »Klassik goes underground« kam Leif Ove Andsnes

Leif Ove Andsnes, Foto: MB Größeres Bild

Nachdem Starpianist Leif Ove Andsnes eben zuvor im Gewandhaus Schumanns Klavierkonzert gespielt hat, war er am Donnerstagabend um halb elf noch einmal Stargast beim ersten »Klassik goes Underground«, der neuen nächtlichen Konzertreihe für Clubgänger in der Moritzbastei. Spielort, Etikette und Kleidung werden von den Klassikern gegen die einer anderen Welt eingetauscht, aber die Musik bleibt die gleiche.

Wer den phänomenalen Winterreise-Liederabend mit Matthias Goerne und dem Pianisten Leif Ove Andsnes Mitte Februar erlebt hatte, konnte gespannt sein auf Donnerstag, denn gleich zwei Mal spielte der norwegische Pianist an diesem Abend in Leipzig. Seine Interpretation des Schumann-Klavierkonzerts im Gewandhaus war dann jedoch etwas ernüchternd: Glasklar, in großen Bögen hingegossen, makellos und leicht geht der Pianist durch Schumanns Musik. Auffällig entindividualisiert, versachlicht spielt er andererseits, uninteressiert daran, auch nur einen Hauch vom emotionalen Gehalt dieses Werks zu transportieren. Für die Detailverliebtheit, den Überschwang und die Wärme, die Darstellung des extrem Subjektiven in dieser Musik, dafür bräuchte es vor allem einen freieren Umgang mit dem Tempo und auch einfach den Mut, zur Not eben mit dem Orchester auseinanderzufallen. Was will uns der Künstler mit seiner substanzraubenden Lesart sagen?

Über diese Frage nachsinnend, landet man nach dem Großen Concert und kurzer Durchlüftung auf den 100 Metern Fußweg in der Kälte tief unten in den Kellern der Moritzbastei. »Klassik goes underground« – die Initiative für dieses Konzertformat geht auf die Gewandhausbratschistin Tahlia Petrosian zurück, die an diesem Abend mit Leif Ove Andsnes und ihren zwei Kollegen aus dem Gewandhausorchester Yun Jin Cho (Violine) und Axel von Huene (Cello) den Startschuss für eine alternative Konzertreihe gibt. Diese soll sich insbesondere an ein jüngeres Publikum richten, das sich im Gewandhaus oder anderen Musentempeln nicht selbstverständlich heimisch fühlt. Klassik in Clubs ist natürlich keine Leipziger Erfindung. In Großstädten wie Berlin laufen solche Formate mit einfallsreicheren Programmen erfolgreich bereits seit 20 Jahren.

Es sind Semesterferien und vom eigentlichen Zielpublikum (vermutlich Partygänger bis 35) ist im dicht gefüllten Oberkeller niemand zu sehen. Der schmale Raum, der wie ein schlauchartiger Ausschnitt aus einem Amphitheater mit ferner Bühne wirkt, ist heute vor allem von Gewandhausmusikern bevölkert, die eben noch im Großen Concert nebenan gespielt haben, von diversen Profimusikern und VIPs. Die etwas andere Aftershow-Session mit Leif Ove Andsnes und das Treiben der Kollegen unter der Erde möchten sich Insider eben nicht entgehen lassen. Und so hat sich, der eigentlichen Idee entgegen, die ganze Klassikwelt einfach nur vom Gewandhaus in die Moritzbastei umgetopft. Tahlia Petrosian engagiert sich als Showmasterin und gibt ihr Bestes, um die nicht vorhandenen jungfräulichen Klassikhörer daran zu erinnern, ihren Spaß zu haben in dieser wunderbar entspannten Atmosphäre. Ob sie selbst nicht bemerkt haben sollte, dass es eigentlich doch beklemmend eng und überfüllt in diesem Raum ist und die Stimmung alles andere als entspannt? Im ersten Set gibt es das Presto aus Beethovens Streichtrio G-Dur op. 9 Nr.1, bei dem sich die Musiker in einem äußerst schnellen Tempo verrennen. Nach fünf Minuten bereits Konzertpause, die Bar hat geöffnet.

Wo eben im Gewandhaus noch strengste Umgangsetikette angesagt war und die Kleiderordnung den schwarzen Anzug auf der Bühne verlangte, betritt nun ein leger gekleideter Leif Ove die Bühne. Beim netten Bühnen-Smalltalk mit dem Stargast duzt man sich und auch das Publikum, Tahlia Petrosian wünscht allseits wieder angenehme Entspannung. Ausgewählt haben die Klassikdealer zum Chillen und Anfixen für ihr Publikum das Brahms g-moll Klavierquartett. Der Dreiviertelstunden-Brocken ist dramaturgisch eine seltsame Entscheidung – äußerst dichte Musik, bei der sich Eines aus dem Anderen entwickelt, vieles unter der Oberfläche passiert, Musik für konzentriertes Zuhören, eher anstrengend als entspannend, abgesehen vielleicht vom Finale im Stil der Zigeunerfolklore, das man zur Not als Unterhaltungsmusik durchwinken könnte.

Für den norwegischen Pianisten ist es ein langer Abend. Vom Steinway muss er nun auf ein Trabi-Instrument umsteigen, da reißt zwischendurch auch mal eine Saite, aber das macht ja nichts, denn man sieht hier alles ganz relaxt. Die Musiker kämpfen mit der staubtrockenen Akustik, in der sich kein Klang mischt, was die intonatorischen Probleme eines zusammengewürfelten Ensembles bloßlegt, egal wie defensiv es agiert. Leif Ove merkt nun, dass die Sache an ihm ist. Wenn nicht er, wird hier niemand die musikalische Initiative ergreifen, und so versucht er, Impulse zu geben, den anderen zuzuspielen, und verabschiedet sich streckenweise sogar von seiner nüchternen Attitüde.

Am Ende wird gejubelt, und alle scheinen sich zu freuen. Aber man ist ja auch unter sich. Als kritischer Betrachter fragt man sich also, ob in dem Augenblick, da die Klassik ihre geheiligten Hallen verlassen möchte, Orte, Atmosphäre, Programmwahl und die Bedeutung der Spielqualität nicht ganz anders zu bedenken wären – denn hier gibt es gewöhnlich keinen nickenden Kontext, sondern nur die Gegenwart, in der Musik eine ansteckend begeisternde Kraft entfalten könnte.

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