Startseite / Stadtleben / Editorial 03/2016

Editorial 03/2016

Das neue Heft ist da!

1603_U1 Größeres Bild

An dieser Stelle veröffentlichen wir das Editorial der März-Ausgabe des kreuzer. Chefredakteur Andreas Raabe berichtet, was es im neuen Heft zu lesen gibt.

Eigentlich tut er mir ja leid. Ja, ich weiß, das ist im Grunde das Schlimmste, was man über jemanden sagen kann, einen Repräsentanten der Stadt, einen stolzen Bürgermeister, dass er einem leid tut. Aber trotzdem, ich spüre so einen Druck auf dem Herzen, wenn ich an Michael Faber denke. Das ist gar nicht böse gemeint. Letztens, ein Donnerstag kurz vor 9 Uhr, hielt ich mit dem Auto (mein Fahrrad ist nämlich kaputt gewesen), also, ich hielt an der Ampel neben dem Neuen Rathaus und vor der Windschutzscheibe über den Fußgängerweg schlurfte Michi Faber von links nach rechts hin zu seinem Amtssitz. Da schlappte er lang, mit seinem schicken Mantel, unten guckten die teuren Cordhosen raus, alles in Brauntönen, und hinten am Hacken seiner Schuhe schliffen die Hosenbeine über den nassen Asphalt. Faber sah nicht glücklich aus und seine geliebten Hosen waren ein wenig zu lang. Er tat mir leid. Sehr sogar. Kulturbürgermeister Faber musste in seiner nun fast siebenjährigen Amtszeit derart viele Demütigungen über sich ergehen lassen wie kaum ein anderer Stadtpolitiker vor ihm. Erst tuschelten sie, dann wendeten sie sich offen gegen ihn, schrieben Protestbriefe, sie entmachteten ihn, nannten ihn eine »Katastrophe«, schnitten, blockierten, ignorierten ihn, Journalisten bohrten wieder und wieder in den Wunden.

Michael Faber hat es immer gut gemeint und er ist wahrlich kein Dummkopf, auch keiner dieser unerträglich stumpfen Menschen, die es in der Politik gibt, nein, er ist gebildet, charmant, sehr nett, kulturverliebt, er pafft Zigaretten, kennt sich mit Weinen aus und ist ein großer Bücherfreund – eigentlich ein ganz okayer Typ. Ein Problem ist sicherlich, dass sein Kulturbegriff im Jahr 1918 endet, aber irgendwie kann auch das ja ganz süß sein.

Doch um es mal so einfach zu sagen, wie es ist: Michael Faber war für den Job des Kulturbürgermeisters immer der Falsche. Dafür kann er ja nichts. Er ist eben, wie er ist. Er hätte nur nicht werden dürfen, was er wurde. Daran tragen andere die Schuld, vornehmlich wohl Oberbürgermeister Burkhard Jung, der erst die Kulturbürgermeister-Wahl 2008 verbockte, dann Faber durchdrückte, um ihn schließlich nach wenig mehr als einem Jahr fast komplett zu entmachten – und mit dem Ansinnen scheiterte, Faber per Stadtratsbeschluss rauszuschmeißen. So saß dieser in hübschen Cordhosen fortan als lame duck in seinem Büro, umgeben von exotischen Holzstatuen, saugte an seinen Zigaretten und es wurde ganz ruhig um ihn.

Man soll ja nicht auf Leuten rumtrampeln, die schon am Boden liegen. Aber hey, Kulturbürgermeister Faber hätte schon vor langer Zeit selbst die Reißleine ziehen können. Denn niemandem kann verborgen geblieben sein, dass kaum ein Kulturmensch in der Stadt ihn als Bürgermeister haben wollte. Das zeigte sich schon kurz vor seiner Wahl. Damals nämlich unterzeichnete so ziemlich jeder Kulturgrande Leipzigs – von naTo-Chef Falk Elstermann über Gewandhaus-Boss Andreas Schulz, Bildermuseumschef Schmidt, Kapellmeister Chailly hin zu Thomaskantor Biller und wie sie alle heißen – einen Protestbrief, der die Kandidaten Faber und Koelsch ablehnte und eine neue Kandidatensuche forderte.

Spätestens aber nach seiner Entmachtung durch OBM Jung im Herbst 2010, einem beispiellosen Tiefschlag, getragen von einer breiten Mehrheit der Kulturschaffenden, hätte Faber einfach sein Hütchen nehmen können. Denn eins war da, vor fünf Jahren schon, klar: Voranbringen kann er die Leipziger Kultur nicht mehr. Und genau das trat dann auch ein: Stillstand.

Doch noch im Dezember 2015 fragte Faber sich selbst im Interview mit der LVZ, »wo die fachliche Kritik ist« – und stellt dann fest: »Es gab keine fachliche Kritik.« Das würden so einige Kulturmacher in Leipzig anders sehen, doch es ist nun ja auch egal. Im April, vielleicht schon Ende März (man kann es offenbar kaum erwarten), soll ein neuer Kulturbürgermeister gewählt werden – oder eine Bürgermeisterin. Stutzig macht das temporeiche Auswahlprozedere zur bevorstehenden Wahl – mit einer öffentlichen Ausschreibung, aus der innerhalb von nur knapp zwei Monaten ein geeigneter Kandidat gekürt und im Rat der Stadt gewählt werden soll. Na, wenn das mal gut geht.

In diesem Sinne, seien wir gespannt!

ANDREAS RAABE

chefredaktion@kreuzer-leipzig.de

Was sonst noch im Heft steht:  Inhaltsverzeichnis, Monatstipps und Einblicke zeigt die Leseprobe unseres ePapers.

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.