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Holocaust mit Soljanka

Eine Ausstellung in Altenburg beweist alle Verschwörungstheorien

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»2000 Jahre – Des deutschen Volkes Leidensweg« heißt eine Ausstellung in Altenburg. Und der Name hält, was er verspricht: Verschwörungstheorien, Geschichtsrevisionismus und deutsche Opfer. Jeden Sonntag um 10.30 Uhr wird eine Führung angeboten. Wir haben sie mitgemacht.

Er wollte nur ein Baugerüst organisieren, um die Fassade seines Eckhauses zu sanieren, erzählt Jürgen Lange. Für einen Privatmann in der DDR ein Ding der Unmöglichkeit, doch der findige ehemalige Angehörige der Handelsmarine wusste sich zu helfen und setzte ein Schreiben nach Bonn auf: Gibt es einen Gerüstbauer in Hessen oder Franken, welcher ihm ein solches zur Verfügung stellen könne? Im Gegenzug würde er nicht nur sein Restaurant »Zur Deutschen Einheit« nennen, sondern auch so lange bei dem Gerüstbauer entgeltfrei arbeiten, bis seine Schuld beglichen sei. Denn die Schuldknechtschaft durch Bankkredite gehe gar nicht. Sein Schreiben fand jedoch keinen positiven Zuspruch. Ganz im Gegenteil – seitdem werde er von US-amerikanischen Behörden überwacht, denn durch sein System der gegenseitigen Leistung statt der Nutzung von Geldgeschäften drohe dem internationalen Finanzkapitalismus der Kollaps.

Mit dieser Anekdote über den Widerstandsgeist, der ihm von seiner sozialdemokratisch geprägten Familie aus Pfarrern und Handwerkern in die Wiege gelegt sei, eröffnet der Erlebnisgastronom Lange die Führung durch die Dauerausstellung »2000 Jahre – Des deutschen Volkes Leidensweg«, die er im Januar im ostthüringischen Altenburg eröffnet hat. Sie ist mit neuesten Sicherheitsstandards ausgestattet: Alle Außenwände und Dächer seien mit Kupferdraht versehen, um die Strahlung von technischen Geräten abzublocken. Dafür habe er Baumaterialien beim Abbruch von Gebäuden »gesichert« und für seine kleine Mittelalterwelt recycelt. Selbstironisch verweist Lange gleich darauf, dass er von jüngeren Menschen der »Aluhutfraktion« zugerechnet werde.

Sein Event-Universum hat viele Facetten: Badegelage, »satirische« Ostalgieabende, eine Mutter-Erde-Kapelle für heidnische Hochzeiten und schamanische Rituale, Knochenkegeln, deftiges Luther-Fressen, »verbotene« Physik … Lange ist ein vielseitig interessierter Mann, der von Arminius bis zum Zinssystem die Welt und den Kosmos im Ganzen verstanden hat. Ein Wissen, das er auch konsequent im eigenen Leben zur Anwendung bringt, obwohl dies unter heutigen Umständen schwierig sei. Auch er habe leider keine andere Wahl, als einen Dieselmotor und damit einen Kraftstoff zu nutzen, der dem Schoß unseres Heimatplaneten entrissen wurde. Dabei gäbe es alternative Energien, die Implosion statt Explosion nutzen, und die lästigen Hauptsätze der Thermodynamik könnten überwunden werden, wie er mit Magnetmotoren und sich ewig drehende Räder belegen könne. Die Exponate seien zwar leider nicht funktionsfähig, das Prinzip aber mittlerweile unumstritten – das könne man auf Youtube nachschauen. Mit brennendem Wasser würden auch die U-Booten angetrieben, die die Bundesregierung Israel »schenke«. Dass man dieses Antriebssystem allerdings vor dem eigenen Volk um der Profitgier der Öl- und Energiekonzerne Willen verberge, sei zutiefst undemokratisch.

Glanzpunkt der Ausstellung sind aber nicht Amethyst-Vulva und Bergkristallpenis, sondern ein langgestreckter Raum, der nun wirklich den Leidensweg des deutschen Volkes seit der Fremdherrschaft durch die Römer exemplarisch dokumentiert. Ein buntes Sammelsurium aus historischen Stichen, Faksimiles und Kopien, Modellen, Büchern und Originalen ist in und um professionell ausgeleuchtete Vitrinen gruppiert. Hierbei geht es – so betont es Lange immer wieder – ausschließlich um den Leidensweg der Deutschen, schließlich heiße die Ausstellung nun mal so. Und obwohl sich dieser Leidensweg auf gut 30 Quadratmetern nachzeichnen lässt, habe kaum ein Volk mehr gelitten als das deutsche. Dabei hätte bereits Jesus ganz andere Pläne mit den stolzen Germanen gehabt, denn sie seien das »fruchtbringende« Volk, wie man in einem verheimlichten Bibelfragment nachlesen könne. Diesen Gedanken griff niemand Geringeres als Goethe wieder auf, als er den Spruch »Am deutschen Wesen soll die Welt genesen« prägte. Dass das nicht Goethe, sondern Emanuel Geibel war, der auch »mag« und nicht »soll« schrieb, ist dabei ebenso kleingeistige Krümelkackerei wie die Opferzahlen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust jenseits der deutschen Bevölkerung. Man müsse nämlich wissen, dass Hitler ein zionistischer Schläfer in britischen Diensten gewesen sei, welcher als Agent Provocateur den Krieg für Großbritannien begonnen habe – so wie auch Angela Merkel eine Schläferin sei, die im letzten Jahr aktiviert wurde, um die ehrliche deutsche Bevölkerung erneut in den Untergang zu führen. Jeder, der sich ein bisschen mit Psychologie auskenne, könne das sehen.

Tausendsassa Lange ist in der Ausstellung nicht nur Führer, sondern selbst Betroffener und Opfer, was ihn auratisch auflädt und zum wichtigsten Exponat macht. Seine mit Zwillingen schwangere Mutter wurde, erzählt er, wie fast alle Deutschen, nach dem Zweiten Weltkrieg einer alliierten Psychomanipulation unterzogen und trieb in diesem fremdgesteuerten Selbstvernichtungswahn seine Zwillingsschwester ab. Damit sei er auch ein Holocaustüberlebender, denn nichts Geringeres als ein Holocaust sei diese gezielte Auslöschung des deutschen Volkes gewesen, die bereits in den Gebärmüttern gehirngewaschener deutscher Frauen ansetzte. Dies versichert Lange auch auf Nachfrage als unbestreitbaren historischen Fakt.

Gefangen im faradayschen Käfig seiner Kupferdrähte und einer dualistischen Weltordnung aus Gut und Böse, Mann und Frau, Wahr und Falsch, lebt der Wirt des »Wettiner Hofs« gut geschützt vor den Blitzschlägen intellektueller Einsicht durch Quellenvielfalt oder gar Skepsis. Es sei schließlich alles überprüfbar und nachzulesen – bei Youtube, Google, den (mit Emphase: nicht verbotenen!) Büchern aus den Verlagen Kopp und Co. Nicht zuletzt würden ihn auch die eigenen Erfahrungen und der gesunde Menschenverstand in allem bestätigen. Es könne schließlich kein Zufall sein, dass bereits die amerikanischen Ureinwohner Chemtrails als Zeichen des Weltendes voraussagten. Und wenn im 15. Jahrhundert Luther und die Bundschuhbewegung die Juden als Wurzel allen Übels identifizierten, müsse es sich dabei um eine alte Weisheit handeln, an die man heute anknüpfen sollte. Wenn Himmler und Neonazis das Zeichen der »Schwarzen Sonne« verwenden, so sei es noch lange kein Nazisymbol, sondern ein machtvolles und uraltes Zeichen, das für die Göttlichkeit des Menschen stehe (oder so ähnlich; der Verfasser dieses Berichts suchte während der weitschweifigen Ausführungen immer mal wieder das innere Asyl auf).

Bei alldem und noch vielen Kuriositäten mehr ist es nicht weiter überraschend, sondern nur konsequent, dass sich Lange auch zum Reichsbürgertum bekennt (Memo an die Zukunft: Friedensverträge immer auch »Friedensvertrag« nennen) und an eine innere Alchemie glaubt, die verspannte eiserne Gedanken in Gold zu verwandeln in der Lage ist.

Die Ausstellung ist ganz im klassischen Sinne des Wortes eine Wunderkammer der Verschwörungstheorien, Esoterik und des Geschichtsrevisionismus, ein Paralleluniversum im Zeichen des Gaga. Die Schulen im Landkreis sind bereits angeschrieben, dass auch die Schülerinnen und Schüler statt der verordneten Gehirnwäsche zur Wahrheit und Eigentlichkeit finden könnten. Selbstverständlich könne man nach dem geistigen Erwachen auch noch eine Schüssel Soljanka im angeschlossenen Restaurant genießen.

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