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Vom Hitlergruß zu Äcker und Flüssen

Die Ausstellung »Anselm Kiefer. Die Welt – ein Buch« im Bildermuseum

»Vitrinenpark«, Foto: BSC Größeres Bild

Von kopflosen Frauen, Pin-Up-Girls, öden Landschaften zu bunten Aquarellen: Die Künstlerbücher von Anselm Kiefer im Museum der bildenden Künste offerieren das jugendliche Selbstbild des Künstlers in Naziuniform bis zum »deutschen Überwältigungskünstler«, der »heroische Sinnbilder« mit seinen Freunden – den Gedichten – produziert. Die Ausstellung »Anselm Kiefer. Die Welt – ein Buch« zeigt, wie Geschichten produziert werden. Bei alledem spielt Leipzig sogar noch eine Rolle.

Wenn es um Mythen und Deutschland geht, dann bedarf es nicht nur Blei, vieler Grautöne und Geschichten aus Zeiten, in denen das Buch noch nicht in der Maschine entstand, sondern alles zusammen sollte durch ein gehöriges Maß an Aura miteinander verknüpft sein. Anselm Kiefer kombiniert dies sehr erfolgreich miteinander. Daher gilt er gemeinhin »als Erneuerer der Historienmalerei und großer Illustrator geschichtlicher Katastrophen«, was er bereits in seiner Abschlussarbeit an der Karlsruher Kunsthochschule unter Beweis stellte. Denn Ende der sechziger Jahre Fotos auszustellen, die den Künstler mit Hitlergruß und in Vatis Frontuniform im Ausland zeigten, und die Serie dann noch mit »Besetzungen« zu betiteln, wirkte auf einige Betrachter doch als eine zu schwere Kost. Das war 1969 und er wollte für sich herausfinden, ob er »faschistisch« sei. Die Professoren empfanden dies eher als Provokation. Joseph Beuys, bei dem Kiefer im Anschluss studierte, sah das anders: »Wie du da stehst, hat nichts von einem Nazis«, um dann einen »ordentlichen« Gruß vorzuführen, wie sich Kiefer in einem Gespräch erinnert.

Fotografien dienen dem Künstler nach wie vor zur Erkundung seiner Selbst und der ihm umgebenden Räume und bilden oftmals den Hintergrund für seine Künstlerbücher. Eine Auswahl ist bis Mitte Mai im Museum der bildenden Künste zu sehen, was nicht nur durch die Familie Bastian, sondern auch durch Leipzigs Ruf als Buchstadt ermöglicht wurde. Dem Sohn von Céline und Heiner Bastian – Aeneas Bastian – blieb es hier vorbehalten, die vom Studio Kiefer gestalteten Vitrinen zu bestücken und als Eröffnungsredner dem Publikum drei Gedichte von Ingeborg Bachmann vorzutragen, die als Kulisse der Kieferschen Arbeiten zu gelten hatten. Die Gedichtzeilen dienen einerseits den bedeutungsvollen Titeln des Künstlers. Andererseits versteht Kiefer Gedichte als Bojen, die ihn im Schaffensprozess voranbringen.

Aber natürlich können die Bücher, die im Zeitraum von 1954 bis 2015 entstanden, nicht einfach so gezeigt werden. Für die Präsentation bedurfte es laut Museumsdirektor Schmidt eines »besonders auratischen Ortes« und über den verfügt das Museum nach Selbstaussage. In der Halle des ersten Stockwerkes zwischen den Räumen von Klingers »Beethoven« und »Christus im Olymp« finden sich bereits seit drei Jahren Arbeiten des Künstlers, die aus der Galerie Bastian-Sammlung stammen. Nun wurde der Raum um einen »Vitrinenpark« – so Museumsdirektor Schmidt – erweitert.

Sie bewahren Bücher aus Kinderzeiten auf, denn Kiefer konnte sich lange Zeit nicht zwischen Schriftstellerei und Malerei entscheiden. Heute steht für ihn fest: »Ich kann beides machen.« Die Arbeiten, die Ende der sechziger Jahre entstanden, weisen neben dem Hitlergruß in die Kieferschen Motivlandschaften bis in die Gegenwart. Äcker und Flüsse finden sich zigfach im Werk. Der Künstler selbst scheint sich nicht nur einmal um die eigene Achse zu drehen – wie das Heft »Du bist Maler« zu Tage fördert. Aber nicht nur die verfremdeten Alltagsaufnahmen bilden die Basis für die über die Jahre immer materialreicher erscheinenden Bücher, um die dunkle Erdigkeit und andere Naturgewalten mit historischen Ereignissen mit starker Last zu verbinden. Ob Blei, Haare, Sperma – alles scheint nur allzu gut und bedeutungsschwanger in die robusten Vitrinen zu passen.

Der Kurator Aeneas Bastian wurde nicht müde zu betonen, dass der Künstler mit diesen Kunstobjekten dem digitalen Schein der Welt entgegentritt und auf die Zeit vor den Druckmaschinen und automatisierter Buchproduktion verweist. Authentizität liefern daher nicht nur die gestalteten Buchobjekte selbst, sondern auch die naiv anmutende Handschrift, die eines Drittklässlers ähnelt. Damit bricht die Schrift angeblich mit den metapherschweren Darstellungen. Für Hans-Werner Schmidt verdeutlichen die naiv wirkenden Schriftzüge einen »unsicheren Duktus«, der sich seiner Meinung nach »angenehm« von Propaganda absetzt. Allerdings können die Schriftzüge ebenso als »Marke« für Kiefer verstanden werden, die alles andere als unsicher auf dem Kunstmarkt auftritt und so den eigenen Mythos vorantreibt.

Wo aber bleibt nun Leipzig? Die Idee für eine Kiefer-Ausstellung kam 2008 anlässlich der Lovis Corinth-Ausstellung im Bildermuseum auf. Aber es finden sich noch viel frühere Anknüpfungspunkte. Was wäre eine Ausstellung im Leipziger Museum, wenn der auszustellende Künstler keine Bezüge zum lokalen Kunstgenie Max Klinger hätte schon mal anklingen lassen? Nun, Kiefer gehört dazu. 1984 stellt er in der Düsseldorfer Kunsthalle aus und verwies im Katalog auf Klinger. Beide Künstler trafen 1992 in Frankfurt/ Main auch räumlich aufeinander.

Im Städelschen Kunstinstitut wurden damals eine umfangreiche Max-Klinger-Ausstellung aus den Beständen des Leipziger Museums und eine Kiefer-Schau gezeigt. Gestern wie heute liegt das Pathos von Klinger – wie beispielsweise die Beethovenskulptur sehr gut verdeutlicht – nicht weit von dem Kiefers als »Künstler-Mythos des ausgehenden 20. Jahrhunderts« entfernt. Der »auratische« Ort heute lädt daher zum doppelten Studium zu Pathos und Mythos ein. Schon längst fand der »suchende Mythenkundler« seine eigenen Legenden, die immer wieder gern erzählt werden und damit auch etwas auf den Erzähler abfärben.

http://www.mdbk.de

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