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»Die HJ scheiße finden«

Sascha Lange über die Jugendopposition unterm Hakenkreuz

Monchi und Sascha Lange, Foto: Dennis Burmeister Größeres Bild

Der Historiker Sascha Lange hat sich mit ehemaligen Mitgliedern von Jugendgruppen der dreißiger und vierziger Jahre unterhalten, die sich bewusst von der Hitlerjugend unterscheiden wollten. Gemeinsam mit Monchi, dem Sänger der Punk-Band Feine Sahne Fischfilet, geht er jetzt auf Tour, bei der sie zusammen aus Original-Akten vorlesen, die damaligen Jugendkulturen anhand von Fotos erklären und die Thematik vorstellen werden. Worum es genau geht, erklärt der Leipziger Autor im Interview.

kreuzer: Was waren das für Cliquen, die keinen Bock auf Hitlerjugend (HJ) hatten?

SASCHA LANGE: Es gab Cliquen, die an irgendwelchen Ecken herumlungerten – nicht nur in den Großstädten. Zu denen kam man als Arbeiterjugendlicher fast zwangsläufig. Für Tanz und Kino fehlte das Geld. Am Wochenende ging es dann zum Zelten in die Natur. Um sich von anderen abzugrenzen, nutzte man bestimmte Kleidung: kurze Hosen, Schillerkragen, sportliche Bergsteigerklamotten …

kreuzer: Wie der heutige Antifa-Outdoor-Style?

LANGE: Ja, das war die erste Generation der Northface-Jacken-Träger. Abzeichen wie Totenköpfe oder rote Halstücher kamen dazu. Man hob sich klar von der HJ ab, was zu Konflikten mit dieser führte.

kreuzer: Dann gabs noch die Swings?

LANGE: Auch in der bürgerlichen Jugend stellte man sich die Frage: Was mache ich jenseits der HJ? Jazz und Swing sprachen sie als US-Exportgut an. Jugendliche wollen sich ja abheben und HJ bedeutete Masse. Für sie war das gepflegte Kleiden attraktiv. Meuten und Edelweißpiraten waren eher proletarisch-punkermäßig orientiert und prügelten sich schnell mal mit der HJ, während sich die Swings in Tanzlokalen trafen.

kreuzer: Wie sahen Opposition und Widerstand aus?

LANGE: Widerstand ist in der Geschichtswissenschaft eng gefasst. Er ist politisch bewussten Aktionen vorbehalten. Man braucht für Deutschland abgeschwächtere Begriffe wie Opposition und Nonkonformität, weil es einen breiten Widerstand nicht gegeben hat. Unter diese fallen die Jugendcliquen. Dort hat es teilweise fließende Übergänge gegeben zu Konspiration, Sabotage, Flugblätterabwerfen. Leipziger Meuten zerstörten zum Beispiel HJ-Schaukästen. Das waren dann Dinge, wo es den Jugendlichen nicht mehr nur darum ging, in Ruhe gelassen zu werden. Schikanieren, Vorladen, zwangsweises Haareabschneiden führten zur Politisierung. Das gab ihnen noch mehr Grund, die HJ scheiße zu finden.

kreuzer: Warum fühlte sich der NS-Staat so herausgefordert?

LANGE: Weil es dem Konzept widersprach, dass die ganze Jugend in der HJ zu sein hat. Man nutzte alle Mittel, auch die Einweisung in Arbeits- und Konzentrationslager. Es wurden Prozesse gegen zwei Leipziger Meuten vor dem Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat abgehalten. Nach dem NS-Verständnis helfen ja einzig harte Strafen, was natürlich Schwachsinn war. Keiner dieser Jugendlichen ist überzeugter Nazi geworden. Man hat ihre Einstellung nicht ändern können, sie aber für einige Zeit eingeschüchtert. Das machen Nazis ja bis heute. Ihnen geht es nicht ums bessere Argument, sondern um Einschüchterung.

Sascha Lange und Monchi auf Lesetour:
16.3., Werk 2, Halle D
17.3., Schaubühne Lindenfels Grüner Salon (Buchmesse – fast ausverkauft)

Sascha Lange: Meuten, Swings & Edelweißpiraten. Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus. Ventil-Verlag, Mainz 2015, 224 Seiten, 17 Euro

Das Interview erschien in bereits in der Juni-Ausgabe des kreuzer.

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