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An Autoren vorbeilaufen

Ein Tag auf der Buchmesse

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Auf der Buchmesse gibt’s wieder alles: Putzlappen mit Bundesadler, Minecraft-Schwerter, imaginäre Stinkbomben und Gutenberg ohne Bart. Ein Besuch in vollen Hallen.

Schon auf dem Weg von der S-Bahn zur Messehalle verschenken Promo-Menschen Bücher an Passanten. Ein Schüler ruft: »Geil, mein erstes Buch.« Traditionell ist der Donnerstag immer der Tag der Schulklassen auf der Buchmesse, was zu pädagogisch wertvollen Szenarien führt: Eine Frau wird von einem Mann umarmt mit den Worten »Herzlichen Glückwunsch zu deinem Buch.« Zwei Teenies tuscheln im Vorbeigehen »Hast du das gehört? Wir sind gerade an einer Autorin vorbeigelaufen.«

Leipziger Buchmesse heißt ja immer auch Publikumsmesse. Da kann jeder kommen. Zum Compact-Stand zum Beispiel. In der Nacht wurden Scheiben auf dem Messegelände eingeschmissen. Laut einem Bekennerscheiben aus Protest gegen das rechtspopulistische Magazin und seiner Teilnahme an der Messe. Nun wird der Stand von mehreren Securitys bewacht. Sonst passiert nicht viel. Graue Herren hinter und vor dem Stand, der etwas zu groß geraten ist für den nicht riesigen Andrang. Man kann hier einzelne Ausgaben bekommen – gegen eine »Spende« von vier Euro. Herausgeber Jürgen Elsässer kommt nicht, ein Krankheitsfall in der Familie. »Auch wir werden nicht vom Schicksal verschont«, sagen sie bei Compact dazu.

Ähnliches Publikum zieht auch der Stand der Jungen Freiheit an. »Wir sind das Volk« steht über einer Barrikade von 1848. Plakate über die Geschichte Deutschlands werden verteilt, auf denen diese schon vor 30.000 Jahren beginnt. Gegenüber der Stand von CH Beck. Ein Mitarbeiter des Verlags erzählt dem Kollegen Prüwer, er würde den Stand am liebsten zukotzen und mit Stinkbomben eindecken.

Auch am Stand der Bundesregierung findet Geschichtsunterricht statt – allerdings etwas konkreter. »Wie lang war die Berliner Mauer?«, lautet die Quizfrage. 155 Kilometer, weiß jemand. Die Mitarbeiterin der Bundesregierung überreicht freudig den Preis. »Ich nehme an, Sie haben noch keinen Putzlappen mit dem Bundesadler?!«

In den verschiedenen Ecken lungern immer wieder komische Gestalten herum. Feen, Gnome, Fantasiewesen. Die Manga-Convention bevölkert die gesamte Halle 1. Neben verkleideten Teenies sieht man hier vor allem Leute, die den verkleideten Teenies was verkaufen wollen. Minecraft-Schwerter zum Beispiel, oder menschengroße Kuschelkissen, auf denen Manga-Heldinnen abgebildet sind, die sich in Strapsen rekeln.

Über ein differenzierteres Frauenbild wird am Stand von Israel geredet. Zu Gast ist Orna Donath, die »Regretting Motherhood – Wenn Mütter bereuen« geschrieben und damit eine riesige Diskussion über die Frage losgetreten hat, ob es okay ist, wenn Mütter im Nachhinein sagen, dass sie lieber keine Kinder bekommen hätten. Donath betont, sie möchte auf keinen Fall einer Frau vorschreiben, ob sie Kinder kriege oder eben nicht. Jemanden vorzuschreiben, wie er zu leben habe wäre nämlich auch patriarchalisch. Und selbstverständlich könnten Frauen Kinder kriegen und glücklich sein oder Frauen, die keine Kinder kriegen, das später bereuen. Es widerspricht keiner. Wir sind hier nicht im Internet.

Ganz zurückbesonnen auf den Ursprung des Buches ist der bärtige Mann am Stand vom Gutenberg-Museum. Er hat sich als Gutenberg verkleidet, erklärt, wie die Druckmaschine funktioniert, und dass Gutenberg eigentlich gar keinen Bart gehabt habe, weil er aus einer Familie kam, in der niemand einen Bart trug. »Aber das kann man heute nicht nachweisen, daher behaupte ich immer, er sah so aus wie ich.«

Heinz Strunk sieht etwas schicker aus als, sagen wir mal, bei Fraktus, aber schließlich ist er auch für den Buchpreis nominiert – mit seinen Roman »Der Goldene Handschuh«, der hauptsächlich in der Hamburger Kiez-Absturzkneipe mit selbigem Namen spielt, in der Frauenmörder Fritz Honka seine Opfer trifft. Er selbst trinke jetzt sein Bier und seine Kümmerling aber erst mal wieder in anderen Etablissements, erzählt Strunk. Auf die Frage nach seiner drastischen Sprache und ob er nicht übertrieben habe bei der Beschreibung der hässlichen Frauen, sagt der Hamburger: »Wenn Sie die Fotos sehen würden, würden Sie sehen, dass ich eher noch untertrieben habe.«

Gewonnen hat den Preis der Buchmesse aber am Ende nicht Strunk, sondern Guntram Vesper für »Frohburg«, das im recht kleinen Schöffling-Verlag erschienen ist. Auf dem Blauen Sofa erzählt Vesper, dass er das Buch eigentlich erst mal nur für sich geschrieben hat. Und erst, als er fertig war mit seinen 2001 Seiten, sie vollständig dem Verleger gegeben habe.

Auf dem Nachhauseweg liegen verschenkte Promo-Bücher am Wegesrand.

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