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»Europa ist Kurklinik für Konsumenten«

Maler Aris Kalaizis im Gespräch mit kreuzer-Geschäftsführer Stephan Schwardmann

Aris Kalaizis Größeres Bild

Ein nachdenkendes Gespräch mit dem Leipziger Maler Aris Kalaizis über die Vereinfachung, die Erosion der Verständigung sowie das Verschwinden der Empathie im überreizten Blick auf die Krisen Griechenlands, Europas und der arabischen Welt … und Reflexe in der Kunst.

kreuzer: Wir haben vor Jahren schon einmal ein Interview geführt, in dem es eingangs um die Frage des Potentials politischer Interventionen durch die bildende Kunst ging – auch mittelbar in ihrer Fähigkeit, gewohnte Wahrnehmungen und Reflexe zu irritieren, subversiv aufzubrechen. Hat dein Bedürfnis nach praktischer und intellektueller Intervention in diesen Zeiten auch mit deiner Kunst zu tun? Wirkt sie hinein, kommt der Impuls gar daher?

ARIS KALAIZIS: Selbstverständlich bleibe ich nicht unberührt. Die Griechenlandkrise sowie die aktuelle Flüchtlingsproblematik treiben mich beinahe täglich um. Es vergeht praktisch kein Morgen, kein Abend, an dem ich nicht irgendetwas über diese Großkrisen lese. Trotzdem wäre es töricht, als agierender Maler oder als Künstler, wie man allgemein sagt, dem Welttreiben wie ein themensuchender Wettläufer hinterherzurennen. Dieser Wettlauf ist nicht zu gewinnen. Wenn dieser Wettlauf hingegen kein Sprint, sondern ein Marathon ist, kann ich mir schon vorstellen, ihn künstlerisch zu verwerten. Anders ausgedrückt: Ich muss als Maler das Teleobjektiv beiseitelegen und das Weitwinkelobjektiv verwenden. Man vernachlässigt so ein wenig die Tagesaktualität. Nur so ist es zu erklären, warum ich 2009 mit meinem Bild »Europa« malend agiert habe, auch wenn es mir aber lieber gewesen wäre, die darin enthaltene Vision hätte sich nie ereignet.

kreuzer: Du hast als Sohn griechischer Emigranten, die Ende der vierziger Jahre als Kinder und Bürgerkriegsflüchtlinge in die DDR entflohen, natürlich einen sehr speziellen Blick auf das Land deiner Eltern. Hat sich seit der medialen, politischen und mehrheitsgesellschaftlichen Beschimpfung Griechenlands für dich etwas verändert in der von dir als zuverlässig empfundenen Selbstverständlichkeit im Grundverstehen gesellschaftlicher Prozesse?

KALAIZIS: Ich hätte nie gedacht, dass das Bild über eine Nation sich in kurzer Zeit derart ins Negative drehen kann. Das sind bittere Lebensmomente. Immer wenn es dem Deutschen in mir nicht gut geht, kommt der Grieche und hilft. Umgekehrt verhält es sich genauso. Die plumpe Rohheit der Beschimpfungsrhetorik gegenüber Griechenland hat mich in der Tat überrascht. Gleichsam wurde das Griechische in mir bestärkt.

Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass es nicht viel bedarf, um Völker mit abstrusen Vereinfachungen zu stigmatisieren. Die andere nüchterne Erkenntnis ist, dass wir zwar in einer modernen, nicht aber in einer sonderlich aufgeklärten Gesellschaft zu leben scheinen und das besorgt mich zudem und im Übrigen nicht erst seit der Griechenlanddebatte.

kreuzer: Könntest du ein Beispiel geben?

KALAIZIS: Medial ist auf beiden Seiten hochgerüstet worden. Auf der einen Seite war es totaler Quatsch, Madame Merkel in Naziuniform zu zeigen. Andererseits war sich Merkel auch nicht zu schade, ein übles Ressentiment vom faulen Südländer zu stricken. Nun mag man sagen, beide Seiten haben sich nichts geschenkt. Jedoch haben die Griechen ihre Wut auf die Person Merkel und auf die Person Schäuble, nicht aber auf das deutsche Volk projiziert, während Merkels Herabwürdigung das gesamte griechische Volk stigmatisierte.

kreuzer: Ich entnehme dem auch die kritische Einschätzung, dass Massenmedien eine Art Einheitsmeinung verbreiten und Widersprüche häufig ausklammern?

KALAIZIS: Natürlich ist darin ein Stück weit Medienkritik, da Medien, hinter denen ja letztlich Menschen stehen, leider zu oft – so zumindest aus meiner Wahrnehmung – als bloßer Verstärker einzelner Politiker oder politischer Strömungen fungieren. Journalismus darf sich nicht in einer unfiltrierten Wiederkäuermentalität etablieren. Andernfalls kommt der Demokratie allmählich ihrer Fähigkeit zur Selbstkontrolle abhanden. Vermutlich hat es damit zu tun, dass nicht nur im Bundestag eine große Koalition regiert, sondern auch im Medienbereich eine Art Print- und Medienkoalition besteht, die zumeist recht einhellig polemisiert. Die Gefahr besteht aber, dass immer mehr Menschen, und ich fürchte, nicht nur am rechten Rand, sich von dieser Medienkoalition abwenden.

kreuzer: Hast du dich selbst dadurch verändert?

KALAIZIS: Ich glaube schon. Ich mische mich ein, akzeptiere im Alltag immer weniger den Meinungsmainstream, den man im Grunde tagein, tagaus und bei genauerem Zuhören auch durch alle Gesellschaftsschichten um die Ohren geworfen bekommt. Ich darf das sagen, weil ich als Maler den unterschiedlichsten Menschen gegenübertrete. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Gesellschaft in den Köpfen nach rechts driftet, während sie nach außen aber weiterhin links argumentiert.

Früher hätte ich vielleicht geschwiegen und bestimmt wurde so mein Schweigen auf der anderen Seite gar als Zustimmung gewertet. Heute versuche ich durch meine Haltung zumindest einen Verunsicherungszustand, ein kleines Innehalten zu erzeugen, wenngleich es im schlimmsten Fall immer etwas Vergebliches haben kann, einem Idioten etwas plausibel machen zu wollen.

kreuzer: Welche dieser gesellschaftlichen Prozesse sind für dich hauptverantwortlich dafür, dass fast Dreiviertel der erwachsenen Bevölkerung dieses ungeheuer wohlhabenden Landes sich berufen fühlen, nach immer härterer Bestrafung für ein anderes Land zu rufen?

KALAIZIS: Ich glaube, das hat vor allem damit zu tun, dass wir in zunehmend geschichtsloseren Zeiten leben. Hätten wir z. B. in Deutschland ein entsprechendes Bewusstsein, dass die Deutschen im vergangenen Jahrhundert nicht nur der größte Schuldner waren, sondern mit immerhin vier Schuldenschnitten in der Zeit von 1924 bis 1953 auch durch andere Staaten regelrecht auf die Beine gestellt worden sind, glaube ich, dass man die heutige Schuldenproblematik anders diskutieren würde. Hätte man hierzulande also ein anderes Bewusstsein entwickeln können, dass der spätere Wirtschaftsaufschwung des Landes weniger durch die viel zu oft beschworenen Volkstugenden wie des Fleißes und des Willens geschaffen wurde, sondern zudem durch konstruktive Unterstützungen oder Konjunkturprogramme des nahen und fernen Auslands begünstigt worden ist, hätten wir in Deutschland eine weniger gleichgültigere Betrachtung auf andere Wirtschaftskrisen entwickeln können.

Mit anderen Worten: Was wir bei der Beantwortung dieser und anderer Krisen dringend brauchen, ist: Wissen und Empathie. Ohne Empathie werden wir nicht in der Lage sein, die Zuspitzung der Probleme zu lösen. Die Globalisierung hat die Welt in einem Maße vernetzt und in Abhängigkeiten versetzt, dass es nun ein Zeichen politischer Klugheit sein muss, um auf supranationale Lösungen durch Empathie zu setzen. Wir können die heutigen und morgigen Krisen nicht durch simple Schuld & Sühne-Zuweisungen bewältigen.

Damit will ich nicht sagen, dass Griechenland keine Reformen braucht. Dieses Land braucht unbedingt Reformen, aber es braucht zudem ein weniger rasantes Tempo, das den Menschen erlaubt, diesen Weg überhaupt zu gehen. Diktate wurden seit Menschengedenken als nicht besonders konstruktiv empfunden, weil sie die Souveränität des Menschen untergraben. In einer sich forcierenden globalen Verschuldungskrise aber müssen wir letztlich alle verstehen, dass wir uns im Sinne eines guten Krisenmanagements nicht nur ändern können, sondern auch ändern müssen, um die Probleme der Zukunft zu bewältigen.

kreuzer: Du hast gesagt, du seiest immer ein großer Fan von Europa gewesen, jetzt aber würdest du zunehmend zweifeln?

KALAIZIS: Ja, ich bin gegenwärtig angewidert, einer Spezies anzugehören, die sich Europäer nennt. Dieser Kontinent ist im Moment nicht viel mehr als eine Kurklinik für Konsumenten. Die vielbeschworenen Werte Europas, die eine mindestens zweitausendjährige Vorgeschichte haben, scheinen nur in ein paar Büchern zu stehen – gelebt werden sie in den Nationalstaaten jedenfalls nicht. Problembewältigungen werden seit Jahren in die Zukunft verlagert – ganz gleich, ob es sich dabei um die Flüchtlingsproblematik oder die Eurokrise handelt. Der Kern jedoch, an dem Europa heute leidet, ist, dass wir ganz schnell national und ängstlich werden, sobald die Härten der Globalisierung an unsere Komfortzone klopfen.

kreuzer: Was, glaubst du, wird vor allem in Griechenland übrig bleiben vom kurzen Frühling der Hoffnung, dass mit Syriza ein neues Politikmodell gegen die neoliberalen Währungs- und Austeritätshüter durchsetzbar ist? Bleibt das ein griechischer »Sonderweg«?

KALAIZIS: Solange die Situation so ist, wie sie ist, wird Politik in europäischen Krisenländern – vor allem in Griechenland – weiterhin durch den Liquiditätshebel der Europäischen Zentralbank sowie den übrigen Gläubigern und weniger über die jeweiligen Parlamente geregelt werden. Ob diese Rolle der EZB und der Demokratie zusteht und weiterhin zustehen sollte, steht auf einem anderen Blatt. Außer Frage steht auch, dass durch diesen Souveränitätsverlust in Europa ein gefährliches Demokratievakuum entstanden ist, das bei den Menschen zunehmend die Sinnfälligkeit von Volkswahlen hinterfragen lassen wird. Fakt ist aber auch, dass die Griechen ihre Linksregierung wiedergewählt haben und mit dieser Wiederwahl gleichwohl das Ticket für den Verbleib in der gemeinsamen Eurowährung gezogen haben. Dennoch bleibe ich skeptisch, ob ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion nicht die bessere Alternative gewesen wäre. Syriza bleibt eine Modernisierungspartei, die für einen modernen, korruptionsfreien Staat, sozialen Ausgleich und immerhin für die Wahrung von Minderheitsrechten steht. Ich sehe in der griechischen Polithierarchie, auch vor dem Hintergrund einer langen klientelistischen Tradition Griechenlands, keine wirkliche Alternative. Syrizas Manko bleibt allerdings ihr minimaler Handlungsspielraum. Auch wenn es im Moment wenig Anlass zum Optimismus gibt, bleibe ich dennoch zuversichtlich, dass dem Land auf lange Sicht die Wende gelingen wird – auch wenn die meisten Indikatoren in eine andere Richtung zeigen. Der Traum von einem leistungsloseren Leben ist ausgeträumt. Die Griechen werden gerade wach und in ihrer Wachwerdung soll allmählich ein Bewusstsein mitschwingen, dass sie einst unserem Kontinent, den sie Europa nannten, Kultur geschenkt haben. Und: Griechenland hat uns auch gezeigt, wie man durch schwere Krisen gehen kann, ohne dass die Demokratie geschwächt wird. Das ist schon ein Pfund. Wir wollen uns nicht vorstellen, was in Deutschland passiert wäre, wenn den Menschen vergleichbare Einschnitte aufgebürdet wären. Insofern bleibe ich für Griechenland gelassen.

kreuzer: Bei den »vielbeschworenen Werten« Europas, die auch du mit gewissem Pathos bemühst, müssen wir meines Erachtens präzisieren. Müssen wir nicht eher über die Werte selbst sprechen, sie deutlich benennen, die wir verteidigen wollen, in offener Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit anderen Kulturen – unter den Stichworten Menschenrechte/-würde, Solidarität, Aufklärung, Universalismus?

KALAIZIS: Klar, denn jede noch so gute Staatsverfassung existiert nicht, weil sie geschrieben wurde, sondern weil sie auf Werten basiert, die zuvor von anderen Menschen und nicht selten blutig erkämpft wurden. Das oft angeführte europäische Wertebarometer mit seinen einzelnen Pfeilern aus Demokratie, Solidarität, Rechtsstaatlichkeit usw. bleibt letztlich phrasenhaft, wenn die einzelnen Pfeiler nicht mit weiteren Erzählungen, weiteren Geschichten verknüpft werden. Solange dieser Zusammenhang nicht hergestellt wird, können wir unsere Werte nicht leben, weil wir sozusagen den Boden, aus dem diese Werte hervorgegangen sind, nicht mehr sehen. Insofern laufen wir heute Gefahr, dass das Amalgam, aus dem die Gesellschaft ihren Konsens zu bilden versucht, brüchig wird.

kreuzer: Als Lösungsansatz für Nah- und Fernkonflikte bzw. ihrer Vermeidung appellierst du an die Empathie, sicher keine anerkannte Schlüsselkompetenz politischer Machtlogik. Auch die Marktlogik, geradezu das Gegenmodell kooperativen, emphatischen Handelns, bestimmt aber mehr als jede Politik das globale Geschehen.

KALAIZIS: Ich sage lediglich, dass es aufgrund der weltweiten Abhängigkeitsverhältnisse für alle Beteiligten besser ist, von vornherein auf Empathie, auf Kooperation zu setzen, auch weil im Miteinander weniger Konfliktbereitschaft besteht und uns die Zukunft ohnehin zu Kooperationen zwingen wird. Mit anderen Worten: Wir sitzen alle im gleichen Boot. Früher oder später zwingt uns ohnehin die Realität zur Logik von Kooperationen.

kreuzer: Schon jetzt zeichnet sich ab, dass diese Republik eine Zäsur erlebt, emotional polarisiert, begrifflich verwirrt, im Handeln erbittert. Dennoch, hättest du nach der brutalen Entsolidarisierung im Fall Griechenlands seitens der Politik in trauter Eintracht mit 75% von Volkes Zustimmung als Gegenpol im letzten Herbst die Bereitschaft großer Teile der bürgerlichen Schichten, Flüchtlingen aus den Kriegs- und Verelendungsgebieten des Nahen Ostens und Afrikas Aufnahme zu gewähren, für möglich gehalten?

KALAIZIS: Nicht unwesentliche Teile der deutschen Gesellschaft stehen für eine Willkommenskultur, andere Teile polemisieren und mobilisieren gegen Flüchtlinge. Bei allen lobenswerten Bemühungen und Hilfeleistungen der deutschen Zivilgesellschaft wollen wir nicht verschweigen, dass im Jahr 2015 ca. 1.000 Übergriffe mit rassistischen Tatmotiven zu registrieren waren. Auch das gehört leider zur Realität. Ich bin daher nicht der Meinung, dass Bundespräsident Gauck Recht hat, wenn er das Land in Hell- und Dunkeldeutschland unterteilt, denn am rechten Rand werden immer deutlicher Parolen ausgesprochen, die vom Kern der Gesellschaft offenbar akzeptiert werden. Deutschland ist weder hell, noch dunkel. Deutschland ist Helldunkel. Und es ist seit den Sechziger Jahren Einwanderungsland. Jeder sechste Bewohner Deutschlands besitzt einen Migrationshintergrund. Problemfrei waren Migrationsbewegungen nie, im Übrigen auch nicht bei jenen Reichsdeutschen, die nach dem Ende in ihre Heimat kamen. Problemfrei waren auch die Anwerbemaßnahmen der Gastarbeiter durch die junge Bundesrepublik Mitte der Fünfziger bis Anfang der Siebziger nicht. Trotzdem lässt sich in der Geschichte der Bundesrepublik keine einzige Migrationsbewegung finden, die als gescheitert zu bezeichnen wäre.

kreuzer: Noch mal die Frage: Wie würdest du politisch das auf den ersten Blick entgegengesetzte Reaktionsmuster eines großen Teils der Bevölkerung analysieren: hier Griechenland als Sammlung schuldenmachender Kretins, dort Kriegsflüchtlinge als Subjekte der Solidarität – immer noch, wenn auch bedrängt?

KALAIZIS: Verwundert dich das Reaktionsmuster tatsächlich so sehr? Wenn den Menschen fortwährend von sogenannten Hilfspaketen erzählt wird, mit denen der Verschwendergrieche in der Eurozone gehalten werden soll, wenn ihnen zudem suggeriert wird, dass der Grieche ja angeblich ein 13. Gehalt beziehen, früher als in Deutschland in Rente gehen soll und obendrein auch noch mehr Pensionszahlungen erhält. Vielleicht sind Lügen widerlich. Widerlicher sind aber immer jene Lügen, die geglaubt werden.

kreuzer: Wirkt Empathie, ich muss noch mal auf diesen Begriff zurückkommen, demnach nur als handlungsleitendes Prinzip bei direkter Anschauung? Verblassen moralische Handlungspräferenzen, je mehr Verpflichtung daraus entspringen?

KALAIZIS: Wir wollen nicht nach Sternen greifen. Empathie wird niemals zu einem gesamtgesellschaftlichen Modell taugen. Sie sollte nur ein Modell zur Handlungspraxis von Politik sein. Wie wichtig so ein Modell sein könnte, zeigt sich gerade im Scheitern von Problemlösungen: Hat man in Bezug zu den ersten Flüchtlingswellen im Zentrum Europas nicht über Jahre die Hilferufe aus Italien und Griechenland ignoriert? Nun, wo die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge an unsere Tür klopfen, fragen wir uns erstaunt nach den Ursprüngen von Krieg und Vertreibung. Ignoranz und Gleichgültigkeit funktionieren als Paar immer nur so lange sie von den tatsächlichen Problemen der Menschen isoliert bleiben.

Eine Politik der Ignoranz werden wir uns nicht länger erlauben dürfen. Mit anderen Worten: Es ist nie verkehrt, wenn Politik in ihrem Vermögen, empathisch zu sein, in einen viel größeren interkommunikativen Austausch gelangen könnte, als sie dies in der Vergangenheit gezeigt hat.

kreuzer: Wird die couragierte Zivilgesellschaft nicht auch das von dir beschriebene diskursive Lösungsduo Wissen und Empathie tendenziell zugunsten politischer Machtlogik aufgeben müssen?

KALAIZIS: Eines dürfte klar sein: Wir werden viel verlieren, wenn es uns nicht gelingt, mit Mut und Verve den Kleingeist aller Gesellschaftsschichten in die Schranken zu weisen. Letztlich ist die Weimarer Republik nicht an sich, sondern an dem Umstand gescheitert, dass nicht genügend Demokraten da waren, die für sie einstanden.

kreuzer: Du hast im letzten Jahr mit dem bezeichnenden Titel »2015« ein Bild gemalt, das apokalyptische Züge aufweist. Trotzdem gibt es in diesem Bild das Motiv der Hoffnung. Wie siehst du die weitere Entwicklung?

KALAIZIS: Ich habe keinen Weltplan. Mein Vater hat mich aber zeitlebens mit der schlicht scheinenden Lebensmaxime von Leben & Leben lassen erzogen. Ich glaube, er erwähnte diesen Begriff immer dann, wenn die Ereignisse im Kleinen und Großen zu große Ungleichgewichte offenbarten. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es geht mir nicht um eine gerechte Gesellschaft. An so etwas glaube ich nicht. Leben & Leben lassen meint mehr und in einem ganz und gar vernünftigen und nachhaltigeren Sinne, dass etwa dem Hühnerzüchter in Ghana erlauben könnte, von seiner Arbeit zu leben, wenn wir nicht wollen, dass ihm weiter seine Lebensgrundlagen entzogen werden und er am Ende bei uns sein Glück suchen muss. Denn im Grunde braucht er keine einheimische Agrarsubvention, um mit den subventionierten Hähnchen aus Europa und Nordamerika konkurrieren zu können, er braucht lediglich das simple Verständnis der ebenfalls produzierenden Big Player, dass der westafrikanische Bauer von seiner Arbeit leben will und soll.

kreuzer: Ist für dich die Tatsache, dass wir als deutsche Europäer in den vergangenen Jahren in einem politischen Pampers-Zustand gelebt haben und nun klar wird, dass wir doch inmitten globalisierter, zum Teil durch uns billigend in Kauf genommener Konflikte und blutiger Auseinandersetzungen leben, eher verunsichernd und lähmend oder siehst du in diesem Einbruch brutaler »Welt da draußen« etwas Forderndes und ja auch Bereicherndes?

KALAIZIS: Wir müssen uns ändern und wir sollten keine Angst davor haben. Gleichsam sollten wir, um auf die Maxime von Leben & Leben lassen zurückzukommen, nicht die Augen davor verschließen, dass das gigantische Nachkriegswirtschaftswachstum des vergangenen Jahrhunderts eben auch Opfer verursacht hat. Ich will ein kurzes Bespiel geben: Vor einem knappen Jahr bin ich mit dem Auto durch verschiedene Länder Europas gefahren, um letztlich ins griechische Piliongebirge zu gelangen. Auf dem Weg dorthin machte ich Station in Budapest und Belgrad. Es war überall das gleiche Bild: Die Straßen zu den Städten waren flankiert durch große ausländische Werbetafeln, zumeist Banner deutscher Großunternehmen. In den Städten habe ich dann jeweils einen deutschen Lebensmitteldiscounter und eine deutsche Drogeriemarktkette besucht. Im Discounter fand ich so gut wie keine einheimischen Produkte. Da habe ich mich gefragt, wie soll das Europa von morgen funktionieren? Ich glaube nicht, dass ein Europa, das sich zunehmend als Ausweitung der Konsumzone versteht, auf Dauer überlebensfähig sein wird.

kreuzer: Zum Abschluss noch mal der Bogen zu meiner ersten Frage etwas direkter, nämlich was Malerei oder du als Maler in diesem Klärungsprozess bewirken können?

KALAIZIS: Ich gehe nicht davon aus, dass Malerei den Menschen zu einem besseren Wesen verhelfen kann. Ich glaube aber sehr wohl, dass durch Malereien, Literaturen sowie durch Kultur im Allgemeinen das Bestialische im Menschen gekittet werden kann. Daher wollen wir uns lieber nicht vorstellen, wie die Welt ohne Kunst aussähe.

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