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Krieg und Freaks

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

awar Größeres Bild

Von Auslandseinsätzen dänischer Soldaten erzählt unser Film der Woche »A War«. Von Leuten, die sich nackt malen lassen, der Dokumentarfilm »Akt«. Avantgarde-Künstler, Rabbis und Egoshooter tauchen in den anderen starken Neustarts dieser Woche auf.

Film der Woche: Die Stimmung ist angespannt unter den jungen dänischen Rekruten in Afghanistan. Gerade ist ein Gefreiter nach dem Kontakt mit einer Mine blutig verendet. Kommandant Claus Pedersen sieht es als seine Pflicht an, seinen Soldaten beizustehen und begibt sich mit ihnen auf Patrouille. Als sie in einen Hinterhalt geraten, muss er eine folgenschwere moralische Entscheidung fällen, die auch seine Familie betrifft, die daheim in Dänemark auf ihn wartet. Tobias Lindholm, der für Thomas Vinterberg unter anderem »Die Jagd« schrieb, stellt in seinem packenden, oscarnominierten Drama die Rolle seiner Heimat im Auslandseinsatz in Frage. Er öffnet eine komplexe Diskussion um Moral und Verantwortung, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.
»A War«: ab 14.4., Kinobar Prager Frühling

Mario Schneider ist spätestens mit seiner Mansfeld-Trilogie »Heinz und Fred«, »Helbra« und »MansFeld« zu einer gewissen Bekanntheit außerhalb der Dokumentarfilmerszene gelangt. Einige seiner Filme erhielten Preise, »MansFeld« etwa den DEFA-Förderpreis beim Leipziger Dokfilmfest 2012. Beim diesjährigen Dokfilmfest hatte der Film »Akt« des Regisseurs, Autors und Filmkomponisten Weltpremiere, er erscheint nächstes Frühjahr. In »Akt« begleitet die Kamera, grob zusammengefasst, Aktmodelle, also Leute, die in der Kunsthochschule Akt sitzen oder stehen. Die Bilder setzen durchaus bei dieser eigentlichen Tätigkeit an: Als wären sie Statuen, umfährt die Kamera diejenigen, die sich nackt einer Gruppe Staffeleien aussetzen und für eine lange Weile still halten.
Skulpturen bilden den Anfang: Ihre festgehaltenen Bewegungen gehen von Körpern aus, die – auch wenn sie im Laufe der Jahre vielleicht einen Arm verloren haben – makellos erscheinen und Vollkommenheit repräsentieren. Dieses antike Vorbild kann man sich kaum in den Zeichensaal einladen, ein genaues Abbilden der dort sitzenden Körper findet trotzdem erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts statt. Wenn sich Schneiders Kamera den Modellen langsam und aus verschiedenen Perspektiven nähert, während diese so sind, wie sie sind – also ungeschönt und eben nicht idealisiert –, werden ihre Leiber auf verblüffend unvoyeuristische Weise abgetastet.
Allerdings geht es in »Akt« gar nicht um Nacktheit im Sinne einer Fleischbeschau. Schneider hat sich von Zeichnungen aus einem Kurs zur Frage inspirieren lassen, wer die Menschen hinter diesen Modellen sind. Mit dem Fotoapparat hat er den Kurs besucht und war beeindruckt davon, wie natürlich die Modelle mit der Kamera umgehen: »Ich habe sehr viele Dokumentarfilme gesehen, in denen es den Filmemachern nicht gelingt, ihre Protagonisten im Portrait, also stumm und ohne dass sie einer Handlung nachgehen, natürlich einzufangen«, sagt Schneider über Protagonisten, die sich offensichtlich nicht wohl genug fühlen, um in einer solchen Pose nicht gestellt zu wirken. »Damit ist es für den Dokfilm schwer, überhaupt ein stummes Portrait eines Menschen einzufangen.« Somit stand für Schneider nicht nur fest, dass er die Situation des Modellstehens für solche stummen Portraits nutzen, sondern dass er auch die Situation einfangen kann, in der Modelle für Menschen hinter der Kamera posieren: »So wird die Kamera im besten Sinne selbst zum künstlerischen Medium.«
Am Ende eines langwierigen Auswahlprozesses inklusive langer Gesprächen mit etwa 85 Aktmodellen in Halle und Leipzig standen drei Modelle und eine Kunststudentin, die als Modell wie als Zeichnerin beide Seiten kennt. Die Auswahl ist unter anderem wegen der Altersmischung und wegen Korrespondenzen in den Lebensgeschichten der Protagonisten gefallen. Außerdem wollten nicht alle Modelle beim Film mitmachen, weil sie ihr Privatleben nicht zur Schau stellen wollten. Mit der öffentlichen Nacktheit hätten übrigens die wenigsten ein Problem gehabt. Die Korrespondenzen zwischen den Protagonisten sind freilich nicht allzu offensichtlich: Die eine lebt mit einem Taubstummen zusammen, die andere singt in der Fußgängerzone zum Akkordeon, der Dritte containert sein Essen.
So ist das Aktstehen nicht nur die zufällig vorhandene Klammer zwischen den Protagonisten. Zur Ebene des stummen Portraitstehens tritt die Ebene des gar nicht stummen Einblicks in das Leben der Protagonisten. Es entsteht automatisch ein Kontrast, wenn sie nicht mehr mit Musik unterlegt in purer Nacktheit betrachtet werden, sondern zu Personen werden, die in ihrem heimischen Umfeld erzählen oder mit der Kamera durch das städtische Treiben Leipzigs mit seiner Geräuschkulisse gehen. Dieser Kontrast wird dann ebenfalls deutlich, wenn sie berichten, dass sie das Modellstehen als Pause von der Welt betrachten, als eine meditative Übung, bei der sie gezwungen sind, mal ruhig zu sitzen.
Dadurch erhält auch das Motto des Filmes »Auf dass man tausend Jahr, nachdem wir starben, sehe, wie schön ihr wart« mindestens zwei Bedeutungsebenen. Auf der einen wird die Schönheit eingefangen und konserviert, auf der anderen geht es um Vorgänge des Einfangens und Konservierens. Man mag einwenden, dass durch die teilweise sehr persönlichen Geschichten der Protagonisten Körper und Aktstehen etwas aus dem Blick geraten. Tatsächlich entstehen Portraits ohne Statik: »Ich forme den Menschen nicht aus Marmor, sondern mit meiner Kamera, dem Ton und der Musik«, formuliert es Schneider. Und das fällt intimer aus als der Anblick nackter Haut. FRANZISKA REIF

»Akt«: ab 14.4., Passage Kinos

Guy Maddin ist ein Paradiesvogel unter den Filmemachern. Immer wieder frönte er in Werken wie »The Saddest Music in the World« dem Kino der Vergangenheit, mit Mitteln des Expressionismus und Elementen des Stummfilms. Auch sein neues Werk ist ein eklektischer Stilmix, reich an Zitaten und Symbolen, kryptisch und berauschend. Maddin erzählt Geschichten in Geschichten und schon bald ist der Faden verloren und man geht völlig auf in dem assoziativ-narrativen Fluss des Films. Bekannte Gesichter wie Udo Kier, Matthieu Amalric oder Geraldine Chaplin kommen und gehen, es gibt eine Gesangseinlage der Avantgarde-Crooner Sparks und das Bild morpht und wabert von einem Ort zum nächsten. Es ist beeindruckend, wie viel Phantasie und Leidenschaft Maddin in die Postproduktion gesteckt hat, um etwas absolut Einzigartiges zu schaffen. Seltsam, urkomisch und auf Dauer sehr, sehr anstrengend. Wer den zweistündigen Trip des Kanadiers bis zum Schluss durchhält, wird mit einem außergewöhnlichen Kinoerlebnis belohnt. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»The Forbidden Room«: ab 14.4., Schaubühne Lindenfels (OmU)

»Ich versuche, mein Leben so weit wie möglich zu genießen und zu sehen, dass es Spaß macht. Und wenn es irgendwann keinen Spaß mehr macht, dann wechsel ich einfach.« William Wolf macht sein Leben sichtlich Spaß. Der Brite ist Rabbiner der jüdischen Gemeinden Rostock, Schwerin und Wismar, pendelt zwischen seinem urigen Anwesen »Little Paddock« in der Nähe von London und seinem Amtssitz im Norden Deutschlands, zwischen Tel Aviv, Berlin und Brooklyn. Das Unglaubliche: Willy Wolf ist 88, aber weit entfernt von Ruhestand und Altersheim. Stattdessen sucht er die Nähe der Menschen und die Menschen suchen seine Nähe. Viele von ihnen stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Deshalb lernt Rabbi Wolf nun Russisch. Die stete Neugier hat ihn nie verlassen, ebensowenig wie sein Humor. Dabei hat er es im Leben oft nicht leicht gehabt. Vor den Nazis floh er mit der Familie zunächst nach Amsterdam, später nach London. Schon als Kind fasst er den Entschluss, Rabbiner zu werden, entschied sich jedoch notgedrungen zunächst für eine Laufbahn als Journalist. So reist er mehr als drei Jahrzehnte als Korrespondent rund um den Globus. Bis er mit 53 Jahren seine Ausbildung beginnt. Aus Willy Wolf wird Rabbi Wolf. Britta Wauer lernte ihn bei der Arbeit an ihrem Dokumentarfilm »Im Himmel, unter der Erde« über den jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee kennen. Seine Stimme eröffnet uns einen Einblick in das jüdische Leben und den Umgang mit dem Tod. Sein Charme und sein Humor nahm auch die Filmemacherin gleich gefangen und so begleitete sie ihn über drei Jahre lang mit der Kamera bei seinen unermüdlichen Reisen, den Menschen das Judentum mit einem Lächeln näherzubringen. Dieses Lächeln begleitet einen jeden für den Rest seines Lebens, lernt man Rabbi Wolf einmal kennen. Schön, dass auch wir ihn nun dank dieses wundervollen Films kennenlernen dürfen.

»Rabbi Wolf«: ab 14.4., Passage Kinos

Ilya Naishuller macht eigentlich keine Filme, sondern Punk-Rock. Vor seinem Debüt als Kinoregisseur inszenierte er ein Musikvideo seiner Moskauer Band Biting Elbows, eine einzige Sequenz in der subjektiven Perspektive der Hauptfigur, gespickt mit Sex und Gewalt. Eine Szene wie aus einem Egoshooter, die 2013 in Kombination mit dem Song »Bad Motherfucker« zum Internet-Hit avancierte. Jetzt hat Naishuller daraus einen Film gemacht, volle 90 Minuten. Doch dafür reicht ein einziges filmisches Stilmittel nicht aus. Die ersten 70 Minuten von »Hardcore« sind quälend repetitiv: Actionszene, kurzer Dialog, Actionszene. Immer. Wieder. Das. Gleiche. Es geht um einen Mann, Henry, der schwer verletzt aus dem Koma erwacht und schnell erfährt, dass er nur Dank kybernetischer Implantate überlebt hat – gerettet von seiner liebenden Ehefrau, die nicht nur wahnsinnig attraktiv, sondern offenbar auch eine geniale Wissenschaftlerin ist. Sie wird in der Exposition entführt, er ballert sich daraufhin durch ein futuristisches Moskau, um sie zu retten. Mehr Handlung gibt es nicht, dafür reichlich Blut und abgetrennte Körperteile. Was Naishuller wirklich gut macht, ist der Einsatz von Musik. Und mit Sharlto Copley (»Chappie«) und Haley Bennett (»The Equalizer«) hat er auch zwei gute Schauspieler vor der Kamera. Der groß angekündigte Auftritt von Tim Roth (»Pulp Fiction«) fällt dagegen enttäuschend kurz aus, und auch der Vergleich mit Actionfilmen wie »Crank« hinkt. Denn »Crank« hat einen Jason Statham in der Hauptrolle – in »Hardcore« aber gibt es keinen Protagonisten, keine Identifikationsfigur, weil der gesamte Film aus der Subjektiven erzählt wird. So ist Naishullers Regiedebüt immerhin aus einer Game-Studies-Perspektive interessant: Er macht deutlich, dass ein Film anders funktioniert als ein Videospiel, wo Leerstellen in der Handlung durch Interaktivität gefüllt werden und der Blick des Spielers in den Monitor mit dem subjektiven Blick der Spielfigur verschmelzen kann. ALEXANDER PRAXL
»Hardcore«: ab 14.4., Cinestar

Flimmerzeit_März 2016

 

Weitere Filmtermine der Woche

Spotlight
Das Autokino auf der Alten Messe läutet die Open Air-Kinosaison ein, mit Tom McCarthys Oscargewinner »Spotlight«. Ende April/Anfang Mai folgen Feinkost und Luru und im Juli das 2cl Sommerkino.
15., 17. und 19.4., je 20.15 Uhr, Autokino auf der Alten Messe

Die Jagd nach der Goldenen Gans
Inklusives Spielfilmprojekt der Pädagogischen Tagesbetreuung (PäT)
16.4., 19 Uhr, Laden auf Zeit

Land of Oblivion – Verwundete Erde
In dem Drama (D/F/PL 2011) spielt Olga Kurylenko eine junge Frau, die erfahren muss, wie die Atomkatastrophe von Tschernobyl den Alltag der Bevölkerung in einen tödlichen Albtraum verwandelte. Sonderveranstaltung zum 30. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl.
18.4., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Filmriss Filmquiz
… denn sie quizzen nicht, was sie tun! Die Rateshow rund ums Thema Film geht in eine neue Runde mit Fragen, Clips und Spielen und natürlich reichlich Preisen zu aktuellen Kinoproduktionen. André Thätz und Lars Tunçay servieren euch kurzweilige Clips und witzige Facts aus der Filmgeschichte.
19.4., 20 Uhr, Conne Island-Café

Horror-Doppel mit Donis
Mit La Bête (F 1075) und Driller Killer (GB 1979)
20.4., 20 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Richtig autistisch
Die Crimmanns sind eine facettenreiche Familie. Hier leben sechs Menschen zusammen, von denen vier die Diagnose aus dem Autismus-Spektrum haben. Im Film geht es um das Erleben dieser besonderen Konstellation und deren Familienleben. In den Interviews sprechen Tina und ihr Mann über Autismus, von Förder- und Unterstützungsmaßnahmen für ihre autistischen Kinder sowie die Hürden in Gesellschaft und Schule.
(D 2015, Dok) – in Anwesenheit des Regisseurs Sebastian Bergfeldt, Tina Crimmann und Katja Kötz von LunA
20.4., 19 Uhr, Passage Kinos

Die Gewählten
2009 übernehmen sie ihr Abgeordnetenmandat im Deutschen Bundestag: Fünf junge Menschen in fünf verschiedenen Parteien. Eine Physikerin aus Leipzig (SPD), eine Pianistin aus Ingolstadt (B90/Die Grünen), ein Architekt aus Forchheim (FDP), ein Rechtsanwalt aus Ludwigsburg (CDU) und ein Jurist aus Oberhausen (Die Linke). Eine Langzeitbeobachtung über fünf absolut unterschiedliche junge Menschen auf ihrem Weg in die große Politik. In Anwesenheit der Hallenser Regisseurin Nancy Brandt und von Daniela Kolbe – Moderation: Annegret Richter
R: Nancy Brandt, D 2015, Dok, 102 min
21.4., 18.30 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Tangerine
Heiligabend in Los Angeles: Die transsexuelle Prostituierte Sin-Dee trifft sich nach einer 28-tägigen Haftstrafe mit ihrer Freundin Alexandra, die ebenfalls als Prostituierte arbeitet. Als sie erfährt, dass ihr Zuhälter, der gleichzeitig auch ihr Geliebter ist, sie mit einer anderen Frau betrügt, beschließt sie, den untreuen Freund und seine neue Gespielin aufzusuchen und es ihnen heimzuzahlen. Schon auf dem Weg dorthin geht es tumultartig zu zwischen den Freundinnen, doch Sin-Dee lässt sich durch nichts von ihrem Vorhaben abbringen. Eröffnungsfilm des GEGENkino 2016. R: Sean Baker; D: Kitana Kiki Rodriguez, Mya Taylor, Mickey O’Hagan, USA 2015, 96 min
21.4., 20 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

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