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Über allen strahlt die Sonne

Die Ausbeutung des Menschen und das große Phlegma: Es war mal wieder Spinnerei-Rundgang

In Halle 14 zu sehen: Werk aus »Capitalist Melancholia« von Álvaro Martínez Alonso, Javier, 2011 Größeres Bild

Nicht nur das Wetter spielte mit: 12.000 Besucher waren es laut Spinnerei-Geschäftsführung, die sich beim Frühlingsrundgang die Trends im hiesigen Kunstfeld anschauten. Sie konnten viele Leinwände und eine schleichende Musealisierung betrachten.

Und um gleich bei den Leinwänden zu bleiben: Sie zeigen sich in erster Linie von sehr vielen Absolventen der hiesigen Kunsthochschule in gewohnter Manier mit Figuren bestückt. Die Themenfelder variieren allerdings sehr stark. Miriam Vlaming stellt uns unter dem Titel »Eden« in der Galerie Dukan gespenstisch anmutende Gestalten auf dunklem Hintergrund bis zu großformatigen Darstellungen vor, auf denen sich koloniale Vergangenheitsbilder aus einer Naturornamentik herausschälen. Man könnte die Frage nach dem Ursprung aller Mythen stellen oder sich einfach nur freuen, weil sich noch eine Erzählebene öffnet.

Bewegen sollte man sich auf jeden Fall vor den Arbeiten von Tino Geiss bei The Grass is Greener. Seine Klebebandcollagen würfeln die Perspektive durcheinander und machen so die Täuschung darüber perfekt, was uns aus welchem Teil des Bilderplans wie entgegenleuchtet und zu einem Ganzen führt. Etwas Tempo nehmen die Arbeiten von Jörg Enert – ebenfalls bei The Grass is Greener – heraus. Er interpretiert visuelle Klassiker von Piranesi, Turner oder Spitzweg und dabei ergeben sich teilweise sehr meditative Farbzusammenhänge. Dass der Teufel im Detail stecken soll, behauptet der Ausstellungstitel der Maerz-Galerie, die Arbeiten von Hans Aichinger präsentiert. Die naturalistischen Darstellungen junger Menschen vor dunklem Hintergrund wirken allesamt detailreich. Aber selbst die lebensgroßen Abbildungen versprühen ein seltsames und nicht zu vertreibendes Phlegma.

Weibliche Doppelfiguren sind traditionellerweise in den Arbeiten von Rosa Loy zu finden. Sie führt dies in ihrer Ausstellung »Maifeier« bei Kleindienst konsequent fort. Vom Püppchen bis zur Latzhosenroderin springen, liegen, gehen sie dahin und kämpfen sich nicht nur durch eine Welt aus Märchenkulissen, sondern vor allem gegen die Schlingen am Boden und in der Luft, die sich als eine nicht zu unterschätzende Widerstandsmasse erweisen.

Abstrahiert aus einem Dialog entstanden die neuen Arbeiten von Katharina Immekus bei b2. Sie wirken einerseits seltsam entrückt vom Abgebildeten selbst. Andererseits lassen sich mit ihnen schnell neue Geschichten finden.

Jochen Hempel zeigt mit Leif Trenkler eine auswärtige Malposition, die uns in einem vielfachen Rosa die Welt nahebringt. Dabei treten vor allem Stadt- und Strandlandschaften auf, die mit ihrem bunten Pointillismus eher einen Gegenpart zur Realität vermuten lassen.

Auch das Kunstkraftwerk gleich neben der Spinnerei zeigt Malerei. Es wirbt damit, dass es sich um die erste Ausstellung dieser Art mit Positionen aus Berlin und Leipzig an diesem Ort handelt. Beim Anblick des Raumes und der Arbeiten wünscht man sich keine Folgeschau. Dass hier Anordnung und Auswahl einem »Lustprinzip« folgen, dass sich auf »ein hingebungsvolles wie hoffendes Wagnis« stützen soll, wirkt nicht nur auf dem Papier mehr als herbeikonstruiert und lässt die hoffnungsvollen, guten Arbeiten selbst traurig aussehend zurück.

Keine Leinwände sind bei Aspn zu sehen. Stephanie Stein – Meisterschülerin von Rosemarie Trockl – bevorzugt eher die minimale Geste im Raum. Im der Galerie heben sich nun rote Elemente in den Raum hinein, die an die reale Situation sehr gut anschließen und doch noch genügend Platz zur Irritation bewahren.

Den Wohnraum von Michelangelo Antonioni interpretiert Maix Mayer bei Eigen + Art in der Installation »barosphere 1«. Hierbei werden nicht nur Verbindungen zwischen Schiff- und Wohnarchitektur hergestellt, sondern kann zwischen weiblicher und männlicher Erzählstimme aus dem Kopfhörer gewählt werden. Ausgangspunkt dieses gegenderten Ansatzes bilden die DEFA-Synchronstimmen von Dieter Bellmann und Jutta Hoffmann aus Antonionis Film »L’eclisse«.

Zwei Gruppenausstellungen bewegen sich zudem um zwei wesentliche Themen der Gegenwart: Melancholie und Menschlichkeit. Letztere steht im Fokus der Schau »Seht, da ist der Mensch«, die anlässlich des Katholikentages in der Werkschauhalle zu sehen ist. Die Halle selbst wurde dafür besonders herausgeputzt. Noch mehr weiße Stellwände lassen nur noch wenige Blicke auf die vormals verlebte Architektur zu. So dem Museumsraum nicht unähnlich, werden nun Fragen zu Tod, Jugendlichkeit, Erinnerung oder Flucht sehr unterschiedlich in der Qualität vorgeführt. Die Schwankung lässt sich am besten mit dem didaktischen Ausstellungsansatz erklären.

Auch die Halle 14 hat aufgerüstet. Ein zweiter Kubus hilft nun, die Kunstwerke im großen Ausstellungsraum noch konzentrierter zu zeigen. Heuer geht es um »Capitalist Melancholia« – eine Eigenschaft, vor der selbst der Glaube nicht schützt. Die Ausbeutung des Menschen und der Natur führt zu einer – das mag zuerst ambivalent klingen – hochkonzentrierten Leere in fast allen Lebensgebieten. Dafür finden sich sehr schöne Bilder, die weniger Angstzustände schüren denn zur Meditation einladen. Etwa wenn Guido van der Werve in seinem Video »Nummer 8: Everything is going to be alright« auf dem Eis vor einem Eisbrecherschiff entlangläuft.

Melancholie und Übermüdung – das greift nicht nur den menschlichen Körper samt Seele an, auch der Kunstmarkt bleibt davon nicht verschont. In der Residenz des Schauspielhauses auf der Spinnerei entwarf Philipp Preuss zum Rundgang mit »The Fair Play« eine Rauminszenierung, die einer Kunstmesse gleicht. Ob eine Musikbox alles zum Thema Geld abspielt, Neonröhren zwischen Beleuchtungs- oder Kunstwerkobjektstatus schwanken, an fast alle zeitgenössischen Kunsterscheinungen wurde dabei gedacht. Sei es auch ironische Überzeichnung der turbokapitalistischen Verwertungsketten – prinzipiell sollte der Hinterkopf nie vergessen, dass es sich bei Galerien um Verkaufsorte für Kunst handelt.

Trotzdem erfreuten sich die Besucher am Wochenende an der Kunst und dem ganzen Gebotenen. Verärgerte Gesichter waren nicht zu sehen. Für all diejenigen, die es nicht zum Rundgang schafften – die meisten Ausstellungen sind bis Mitte Juni zu sehen. Danach rüstet sich die Spinnerei bereits zum nächsten Event. Ab dem 25. Juni ist das Fotofestival f/stop hier zu sehen. Einen Vorgeschmack darauf gibt schon einmal die Arbeit von Erik van der Weijden, die auf dem Display an der Galerie Jochen Hempel zu sehen ist.

http://www.spinnerei.de

Am Sonnabend, 28. Mai, lädt die Halle 14 ab 13 Uhr zur Veranstaltung »A Government of Times« u. a. mit Benjamin Noys und Maurizio Lazzarato ein.

Und im Mai-kreuzer findet sich ein Beitrag zum Label Neue Leipziger Schule.

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