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Stumm und draußen

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

pettingzoo Größeres Bild

Ein lauschiges Plätzchen zwischen Bäumen auf dem Hügel im Clara-Zetkin-Park trägt schon seit vielen Jahren die sanften Abdrücke der Reifen des feuerroten Spielmobils der langjährigen Musikerfreunde Tobias Rank und Gunthard Stephan, die auch in diesem Jahr wieder ihre Leinwand aufspannen, um Filme aus den Kindertagen des Kinos musikalisch zu begleiten. Zu sehen gibt es drei Programme mit Kurzfilmen: The Liberty (1929), Der Graf (1916), Sherlock, junior (1924) (21./22., 27./28., 31.5.), Die Vogelscheuche (1920), Miniaturen (1895-1927), Das verrückte Haus (1928), Easy Street (1917) (23./24., 29./30.5.), Die Kur (1917), Schachfieber (1923), Rhythmus 21 (1921), Balance (1989), Der Ballonfahrer (1923) (25./26.5.).

Stummfilmtage auf der Warze, Clara-Zetkin-Park, 21.-31.5., 21.30 Uhr, wanderkino.de

Film der Woche: Mit einem Moment ändert sich ein ganzes Leben: Layla steht kurz vor dem Abschluss der Schule und dem Sprung auf die Uni. Abends hängt sie ab und kifft mit den Kumpels ihres Freundes Danny. Aber morgens schleicht sie durch die schnarchenden Slacker zur Schule. Sie erhält ein Stipendium, der erhoffte Ausweg aus der Vorstadtlangeweile. Doch dann wird ihr in der Schule schlecht und die Diagnose ist niederschmetternd: Layla ist schwanger. Ihre Träume zerplatzen, die Erwartungen der Eltern werden enttäuscht und mit Danny ist schon mal garnicht nicht zu rechnen. Layla steht alleine da, die Einzige, die zu ihr hält, ist ihre Großmutter. Jetzt muss sie auf eigenen Beinen stehen und erwachsen werden. Die Entwicklung, die sie dabei durchmacht wird von der jungen Entdeckung Devon Keller, die mit »Petting Zoo« ihr Schauspieldebüt gibt, eindrucksvoll verkörpert. Layla ist in jeder Szene präsent und erträgt ihr Schicksal gefasst, aber nicht passiv. Am Ende ist sie innerlich und äußerliche gereift und bereit für das, was die Zukunft für sie bereithält. Für die Regisseurin Micah Magee, die auch das Drehbuch verantwortet, ist es ebenfalls ein erstes Mal. »Petting Zoo« ist ihr Abschlussfilm, ko-produziert unter anderem von der dffb und der griechischen Regisseurin Athina Rachel Tsangari (»Chevalier«) und gedreht in ihrer Heimatstadt, einem Vorort von San Antonio, Texas – der Stadt mit der zweithöchsten Rate von Teenagerschwangerschaften in den USA. Dresen-Produzent Cooky Ziesche (»Als wir träumten«) wirkte am Drehbuch mit, das einen authentischen Blick in das Leben eines Teenagers wirft, um sie am Ende wieder sich selbst zu überlassen. Ein bemerkenswertes Debüt, das sich selbstbewusste einige Geheimnisse bewahrt. Ein berührender, leiser Film, der gekonnt Klischees umschifft und seine Protagonistin auf einen steinigen Weg schickt, der von überraschenden Wendungen geprägt ist.

»Petting Zoo«: ab 19.5., Schaubühne Lindenfels

2007 kaufte der chinesische Großinvestor Jonathan Pang einen ehemaligen Militärflughafen im beschaulichen Nest Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Die großspurigen Pläne: den Flughafen zur wichtigen Achse im Frachtverkehr zwischen Europa und China auszubauen. Täglich sollen hier zahlreiche Maschinen abheben und landen, für die Flugreisenden soll ein gigantischer Terminal entstehen, prachtvolle Hotels und ein Tempel auf einem nahegelegenen Berg errichtet werden – und wenn es keinen Berg gibt, dann schüttet man eben einen auf. Die Mitarbeiter vor Ort sind euphorisch, schließlich liegt der Flughafen seit 17 Jahren brach, die Arbeitslosenquote ist hoch. Doch ersteinmal geschieht jahrelang nichts. Die Landebahn bröckelt vor sich hin, nach einer behördlichen Verfügung wird das Flughafengelände umgegraben, um sicherzustellen, dass sich keine früheren Sprengsätze unter dem Gelände befinden und der Lotse friert weiterhin in der provisorischen Baracke vor sich hin. Irgendwann wird ein Tower errichtet, doch dauert es noch lange bevor er bezogen werden kann. Wie ein unerreichbares Mahnmal steht er in Blickweite des unterbeschäftigten Angestellten, als Sinnbild der Träume von einer goldenen Zukunft, die immer mehr der Realität weichen. Währenddessen buhlt Mr. Pang in der Heimat um Investoren und die Fassade des mächtigen Moguls bröckelt zunehmen in der filmischen Langzeitbeobachtung, die der Regisseur Stefan Eberlein mit seinem Partner Manuel Fenn nun in die Kinos bringt. Ihr Dokumentarfilm, der auf dem letztjährigen DOK Leipzig seine Premiere feierte, zeigt die absurden Blüten des globalen Kapitalismus‘ auf. Eine bitter-komische Bestandsaufnahme von Traum und Realität und dem aufeinanderprallen zweier grundverschiedener Kulturen. Am Ende sind die deutschen Arbeiter und der chinesische Geschäftsmann durch die Kamera betrachtet, Opfer einer gescheiterten Vision und einander dann doch irgendwie näher gekommen als man denkt.

»Parchim International«: ab 19.5., Passage Kinos

Vier Sexarbeiterinnen in Marrakesch – wer da an Elias Canetti denkt, lernt nun eine andere Seite dieser Stadt kennen. Handlungsorte sind Partys, die Mädchen WG und der Raum dazwischen. Während am Arbeitsort harte Clubmusik dominiert, sind die Transfers zwischen Zuhause und Geschäft vom Rhythmus eines Herzschlags begleitet. Diese Fahrten der Edelprostituierten mit Chauffeur und Limousine durch die fleischfarbene Stadt – gezeigt als ein Oszillieren zwischen brutaler Armut und brutaler Kaufkraft – sind wiederkehrende Höhepunkte des Films, ein eindrückliches Sinnbild für das aufreibende Durchdringen der Grenze zwischen den hermetischen Welten, einer Grenze die nur durchlässig ist für die Körper junger Frauen. Der Film zeigt die Auswirkungen eines ökonomischen Stillstands, bei dem die Last, ganze Familien zu ernähren, ausschließlich auf den Leibern der Frauen verhandelt wird. Der Film zeigt Frauen mit unschuldigen Träumen und Männer mit kindischen Visionen. Von den zahlreichen Männern im Film sind dann auch nur zwei ohne Tadel. Alle anderen brillieren in Dummheit, Selbstüberschätzung, Gewalttätigkeit, Trägheit und Inkonsequenz. Die Charakterisierung der Figuren gerät damit ein wenig zu eindimensional. Ist es um den Umgang zwischen Mann und Frau in Marokko tatsächlich derart düster bestellt? Für Regisseurin Nabil Ayouch scheint die Antwort ein eindeutiges Ja zu sein, und so ist Europa, die Idee der »westlichen Welt« ein konstanter Bezugspunkt im Film sowie die Triebkraft des Gedankens, als Frau, als Waise, als Homosexueller ginge es einem dort besser. Dass der Film in Marokko selbst auf enormen Widerstand traf, beweist, dass er trotz der Untiefen der Charaktere und der Konventionalität seiner Bilder eine Frage aufgeworfen hat, die die Lebensrealität der Marokkaner unmittelbar betrifft. Wenn Kino öffentliche Aufgabe ist, dann hat der Film seinen Dienst also vollumfänglich erfüllt. KRISTIN VARDI

Much Loved: ab 19.5., Cineding

Im unheimlichen Genre sind die hochwertigen Filme leider selten, während die Trashproduktionen zuhauf an die Kinoleinwände (oder direkt in die DVD-Abteilung) splattern. Umso erfreulicher, wenn es mal wieder eine dieser dunklen Perlen zu entdecken gibt: Dass ein Horrorfilm beim Sundance Festival den Preis für die beste Regie abräumt, ist ungewöhnlich, im Fall dieses Regiedebüts von Robert Eggers aber absolut nachvollziehbar. 1630. Eine einsam gelegene Farm irgendwo in Neuengland. Nichts will auf dem gottverlassenen Land gedeihen, egal, was der strenggläubige Siedler William und seine Familie auch anstellen. Als die älteste Tochter Thomasin eines Tages nahe dem Waldrand auf den kleinen Samuel aufpasst, ist der Säugling plötzlich nicht mehr da. Hat ihn der Wolf geholt? Oder gar eine Hexe, die im Wald haust? Bald häufen sich auf der Farm die mysteriösen Vorfälle: Erst spielen die Tiere verrückt, dann verschwindet ein zweites Kind. Hier muss schwarze Magie im Spiel sein – da sind sich die Eltern sicher. Es dauert nicht lange, bis man die rebellische Thomasin verdächtigt. Grimmiger Hexenhaushorror im Stil von Klassikern wie H. P. Lovecraft trifft auf die kluge Moral von Michael Hanekes »Das weiße Band«: Wohin es führen kann, wenn religiöse Dogmen gesunden Menschenverstand und sozialen Zusammenhalt verblenden, wird hier einmal mehr erschreckend deutlich – was mit Blick auf die Siedlungsgeschichte der USA auch eine durchaus politische Komponente hat. Eine profane Auflösung des Grauens erfolgt dabei nicht, was die symbolgeladene Glaubensstudie umso aufregender und außergewöhnlicher macht. Setting und Soundtrack schaffen von Anfang an ein Unbehagen, dem man sich kaum entziehen kann und das – auch dank der schauspielerischen Leistungen – mit jeder Minute wächst. Und wem bei diesem Finale nicht die Nackenhaare zu Berge stehen, dem hat wohl auch »Rosemary’s Baby« nur ein Gähnen entlockt. KARIN JIRSAK

»The Witch«: ab 19.5., CineStar, Regina Palast

Flimmerzeit_Mai 2016

 

Weitere Filmtermine der Woche

The Internet’s Own Boy – Die Geschichte des Aaron Swartz
Porträt des amerikanischen Programmierers, Schriftstellers und Aktivisten Aaron Swartz. Der Film erzählt seine Geschichte bis zu seinem Selbstmord nach einem Rechtsstreit und erforscht die Fragen des Zugangs zu Informationen und Freiheiten, die seine Arbeit antrieben. Im Rahmen der CryptoCon16.
20. 5., 19 Uhr, Cineding

Total Eclipse of the Heart
Animationsfilme von Schwarwel in Anwesenheit des Regisseurs mit der Premiere von »Leipzig von oben« und vielem mehr. Im Anschluss kann man den “ schwarzen Nazi“ auf der Open Air Leinwand erleben.
20.5., 20 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Wer rettet wen?
Kein weiterer Banken- oder Eurorettungsfilm. Er deckt auf, was bei allen „Rettungen“ bis zum heutigen Griechenlanddrama weitgehend verborgen blieb: Die radikale Veränderung der Gesellschaften in Europa. Film und Diskussion im Rahmen des Kollektiv-Festival (Open-Air)
20. 5., 20 Uhr, Campus Augustusplatz

Zeitkino zum Tag der Städtebauförderung
21.5., 14 Uhr, Cineplex

Home
Regisseur Rafat Alzakout begleitet im nördlichen Syrien verschiedene Künstler bei ihren Versuchen, die Revolution von 2011 am Leben zu erhalten und gegen die sich abzeichnende Verhärtung der Fronten menschliche und künstlerische Werte zu verteidigen. Eine Mischung aus poetischem Tagebuch, inszeniertem Selbstversuch und Befragung in den Jahren 2012 und 2014. In Anwesenheit des Regisseurs.
22.5., 18 Uhr, Grassi-Museum Leipzig

Kontribucija – Kontribution
Die Weiße Garde unter Führung des jungen Generals Anatoly Pepeljaev erobert 1918 die russische Stadt Perm, doch die Soldaten sind am Ende ihrer Kräfte. Daher bittert Pepeljaev die einheimischen Kaufleute um einen Beitrag zur Unterstützung. Von einer reichen Witwe bekommt er einen wertvollen Diamanten, aber der teure Edelstein verschwindet auf geheimnisvolle Weise.
22.5., 17.30 Uhr, Cineplex (OF)

Voices of Violence
Film über die verschiedenen Facetten von Gewalt gegen Frauen, den persönlichen Kampf der Betroffenen gegen die Gewalt und ihre traumatischen Folgen. Im Anschluss Gespräch über Ursachen und Auswirkungen sexualisierter Kriegsgewalt mit Heide Serra vom Verein AMICA (Freiburg).
23.5., 19 Uhr, Cinémathèque in der naTo

Wagner im Film: Frauen um Richard Wagner
Aufwändiges Biopic von William Dieterle, der das Leben des Komponisten Richard Wagner, das in erster Linie durch Frauen geprägt wurde, präsentiert.
23.5., 19 Uhr, Passage Kinos

Horror-Doppel mit Donis
US-Slasher-Film-Doppel mit »Day of the Woman (Ich spuck auf dein Grab, 1978) und »Don’t Answer the Phone« (1980). Beide in der englischen Originalversion und auf 35mm.
25.5., 20 Uhr, LURU-Kino in der Spinnerei

Rain Clouds over Wushan
Mai Qiang lebt zurückgezogen in einer Signalstation am Yangtse, bis er der Vergewaltigung einer Hotelbediensteten verdächtigt wird.
25.5., 19 Uhr, Konfuzius-Institut Leipzig

Unbedingter Gehorsam
Ein vielschichtiger Film über den Missbrauch in der katholischen Kirche in Mexiko. – Queerblick
25.5., 19.30 Uhr, Passage Kinos

Narration Thomas Taube
Thomas Taube, Preisträger der Leipziger Jahresausstellung 2015 für »Dark Matters«, hat sein jüngstes Projekt »Narration« den Aspekten des Erzählens gewidmet. Als 6-Kanal-Installation zur Premiere gezeigt, wird der Film jetzt erstmals als lineare Projektion einspurig präsentiert – mit einem großartigen Erzähler: Ulrich Matthes, am Orginaldrehort UT Connewitz. Filmvorführung und Podiumsgespräch mit Thomas Taube (Künstler), Ulrich Matthes (Schauspieler), Hans Aichinger (Künstler)
26.5., 19.30 Uhr, UT Connewitz

In meinem Kopf ein Universum
Das polnische Drama um einen Mann, der in seinem eigenen Körper gefangen ist, ist ein mitreißender Triumph für das Recht zu leben. Insbesondere die Leistung des gesunden Hauptdarstellers ist überwältigend und wurde vielfach ausgezeichnet auf zahlreichen Festivals. Mit Einführung.
26.5., 16.30 Uhr, Schauburg

Willkommen auf Deutsch
Die stetig wachsenden Flüchtlingszahlen sind ein Thema, mit dem man täglich in den Nachrichten konfrontiert wird. Doch wie sieht es aus, wenn man in der direkten Nachbarschaft eines Asylantenheims leben soll? Im Landkreis Harburg soll eine Heimat für traumatisierte Flüchtlinge entstehen und die Dorfbewohner reagieren ganz unterschiedlich auf diese angekündigte Veränderung ihrer Lebensumwelt. Reihe Willkommenskultur und Integration in Deutschland.
26.5., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling

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