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Konfetti aufm Klo

Festivaltagebuch: Auf dem Immergut gabs alles, nur keinen »sexy Maserati«

White Wine-Sänger Joe Haege, Foto: Immergut Größeres Bild

Die Festivalsaison hat begonnen. Auf dem Immergut in Neustrelitz gabs Konfetti und Kotze, Bio-Klos und Dosenravioli, Planschbecken und Pendelzug zum See. Und Musik von Tocotronic bis Schnipo Schranke. Und von einer »Zivilbullenband«.

Mein Schlafsack macht mir Angst. Er hat Arme und Beine zum Reinkriechen und ich weiß nicht, wie man in so etwas schlafen soll. Wohl den falschen im WG-Regal gegriffen. Das Problem des überdimensionalen Outdoor-Strampelanzugs wird verschoben auf später, also auf dann, wenn es dunkel und eh alles egal ist.

Noch ist es hell und Isolation Berlin betreten als Erste die große Bühne des Immergut Festivals. Vier Jungs, blutjung und schön, stetig unglücklich verliebt und wütend auf den Rest der Welt. Und mit Liedern, die man inbrünstig mitsingen kann, wenn man ähnlich fühlt (oder schon mal ähnlich gefühlt hat, als man blutjung und schön war). »Der Wahnsinn hält mich warm, der Teufel kommt und nimmt mich in den Arm.« Und dabei dann gutgelaunt in der Abendsonne tanzen.

Wir laufen an Jochen Distelmeyer vorbei. Der redet gerade über weibliche und männliche Masturbation und spielt dann auf seiner Gitarre Cover-Versionen. Ein junger Mensch fragt uns: »Ey, bei welcher Band hat der noch mal gespielt?« Wir helfen gerne weiter und wir gehen gerne weiter.

An unserem Zelt ist alles voller Konfetti. Die häufig gestellte Frage des Wochenendes: »Wer macht das eigentlich wieder weg?«

Joe Haege von White Wine hat sein Hemd passend zu Logo des Immergut gewählt: hellgrün. Allerdings sieht man den Wahl-Leipziger selten, weil er gefühlt das ganze Konzert über in der Zuschauermenge rumspringt. »Rampensau«, kommentiert jemand. Frage zum mal drüber Nachdenken: Ist es nicht genau das Gegenteil?

Bei Get Well Soon haben sich zwei Musiker einen Schnurrbart wachsen lassen. »Um hip auszusehen fürs Festival«, erklärt Konstantin Gropper. »Wir sehen ja alle eher aus wie Zivilbullen.« Und dann rockt er los vor den LOVE-Lettern. It’s love (seitdem sie 2008 hier zum ersten Mal aufgetreten sind). Gropper freut sich derweil »wie ein Kind auf Tocotronic«.

Nicht nur er. Irgendwo ganz vorn beim Konzert der immer guten Band steht der Sänger von Isolation Berlin in seiner Lederjacke, auf der hinten »Isolation Berlin» draufgeschmiert wurde, direkt neben uns und lässt sich von den pogenden Menschen anrempeln. Mein reichlich betrunkener und noch blutjüngerer Begleiter ist begeistert, redet auf ihn ein und »gratuliert« zum Auftritt. Ich sage immerhin, ich würde ihm gerne ein Bier ausgeben, aber ich habe leider keins. Der Sänger sagt nichts. Kurz darauf ist er verschwunden.

Bei Erobique ist mitten in der Nacht alles easy popeasy. Er erzählt oder singt sehr viele lustige Sachen, die wir alle zitieren wollten wegen ihrer Genialität oder ihres Witzes, aber alle vergessen haben und stattdessen einfach getanzt.

Der Schlafsack ist immer noch da und er ist kalt.

Dafür brennt am nächsten Morgen die Luft, der Kopf und die Sonne erbarmungslos. Kein Schatten nirgends. Die Zeltnachbarin kommt vom Dixie zurück: »Ich glaube, ich habe Konfetti geschissen. Das ganze Klo war voll.«

Es gibt auch Bio-Klos, in denen die Kacke mit Sägespänen bedeckt wird und weniger stinkt. Kostet 50 Cent. Außer nachts zwischen drei und sieben Uhr, da sitzt keiner da, um das Geld einzukassieren, daher sind die ökologischen Toiletten dann umsonst. Jemand erzählt, dass er nachts extra aufgestanden ist, um sich ins Bio-Klo zu übergeben. Kotzen mit Stil.

Wir fahren an den See. Da ist es schöner. Als wir zurückkommen, haben wir Stefanie Sargnagel verpasst (die aber am Sonntag in der naTo liest, zum Beispiel auch darüber, dass ihr mal eine Zigarette ins Klo gefallen ist und sie sich am nächsten Morgen fragte, was mit ihrem Stuhlgang nicht stimmt). Unsere Zeltnachbarn (die Neustrelitz-Gang) haben inzwischen ein riesiges Planschbecken aufgestellt. Die Feuerwehr hat das Wasser mit dem Schlauch hierher gepumpt. Weil der Feuerwehrmann der Cousin von einer Freundin ist. Oder so. Neustrelitz-Connection halt.

Schnipo Schranke spielen auf der kleinsten Bühne des Festivals (Warum, liebe Veranstalter?). Es ist knüppelvoll. Die Mädels in den ersten Reihen singen jedes Lied mit, in dem es meistens um dreckigen Sex und komplizierte Beziehungen geht. Ein Typ findet neben der Bühne ein Schild, das irgendwer vergessen haben muss und auf dem »Sexy Maserati« steht. Er reckt es in die Höhe. »Häh, versteh’ ich nicht», sagt Sängerin Fritzi Ernst. »Aber mach das irgendwo anders.« Alle jubeln. »Ich merk schon, ihr seid hier meine Freunde.« Stimmt. Sie dürfen sogar noch eine Zugabe geben. Auf die Melodie von »Du trägst keine Liebe in dir« von Echt singen sie: »Ich riech deine Kotze nicht mehr.«

Das Konzert von Drangsal direkt danach ist so ziemlich das Gegenteil: Junge Männer in Unterhemden und Gitarren machen Sounds wie in den Achtzigern und sagen: »Bitte keine Bälle auf die Bühne werfen!« In einem Interview im Begleitheft sagt der Sänger, dass er sich besonders aufs Immergut freue, weil hier die meisten tatsächlich wegen der Musik hinkommen und nicht einfach nur, um sich zu betrinken oder Drogen einzuwerfen.

Er sollte mal bei meinen Zeltnachbarn vorbeigehen. Da wird jemandem gerade der gesamte Konfetti-Beutel, der größer ist als der Mensch selbst, über den Kopf gekippt.

Peter, Björn & John machen das, was sie vor zehn Jahren auch schon gemacht haben. Wir pfeifen drauf.

Bei Fat White Family ist dann mal so richtig Rock’n’Roll. Angeblich holt der Sänger zwischendrin auch seinen Penis heraus, um ihn am Mikrofon zu reiben. Ich habs nicht gesehen und weiß nicht, ob das nun Pech oder Glück ist.

Maximo Park gibts übrigens auch noch. Genauso wie Indie-Disko. Fazit: Der Schlafsack ist wirklich nicht gemütlich.

Beim Sonntagsfrühstück, bei dem die letzten 5-Minuten-Terrinen und Ravioli-Dosen verspeist werden, erklärt sich jemand bereit, jedes einzelne Konfetti aufzuheben und nach Farben zu sortieren. Vielleicht ist er bis zum nächsten Immergut fertig.

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