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Jung und schön

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Ein Baseballfilm ohne Baseball, ein Roadtrip mit 20 km/h, unökonomische Lösungen für die Wirtschaftkrise, ein Kriegsfilm als Komödie und Präsident Bush als Militärdienstdrücker: Diese Woche werden in den Kinostarts jede Menge großartige Seltsamkeiten erzählt.

Film der Woche: Ein Baseballfilm ohne Baseball – zumindest über weite Teile von Richard Linklaters »Everybody wants some« hinweg wird kein Ball geschlagen oder geworfen. Die College-Spieler sind viel zu beschäftigt damit, Frauen aufzureißen, Bier zu trinken und zu reden. Es sind die Achtziger und Jake und seine neuen Freunde befinden sich auf dem Weg in die Welt der Erwachsenen. Unbeaufsichtigt lassen sie aber erstmal ihren Trieben und schrägen Ideen – wie einem Whirlpool im Wohnheim – freien Lauf. Linklater beschreibt seinen Film als eine Art Fortsetzung von »Boyhood«, in dem »Adulthood«, das Erwachsenwerden, im Mittelpunkt steht. »Everybody wants some« könnte aber genauso gut als Fortführung seiner frühen Filme »Confusion – Sommer der Ausgeflippten« oder »SubUrbia« sein. Auch hier ist der Ton entspannt, die Weisheiten, die zwischen Dosenbier und Joint in die Welt geblasen werden, angenehm tiefgründig. Linklater ist sich absolut treu geblieben und schafft es über zwei tiefenentspannte Stunden hinweg, in denen eigentlich nicht viel passiert, einen ganz eigentümlichen Flow zu erschaffen. Seine Figuren wachsen einem unmittelbar ans Herz, mit all ihren schrägen Eigenheiten und Fehlern. Warmherziger Witz und unverbrauchte Gesichter wie »Glee«-Darsteller Blake Jenner oder »Step Up«-Tänzer Ryan Guzman machen auch Linklaters 18. Film zu einem leichtfüßigen Independentfilm, frisch und innovativ und sich in keiner Minute allzu ernst nehmend.

»Everybody Wants Some«: ab 2.6., Schauburg (auch OmU)

Obwohl Daniel den Schulalltag sonst eher über sich ergehen lässt und seine Nase tief in seinen Hefter steckt, um in seinen Zeichnungen zu versinken, blickt er auf, als Théo in der Tür steht. Théo ist der Neue in der Klasse und irgendwie anders. Es scheint ihn nicht zu interessieren, was die anderen von ihm denken. Jeden Tag kommt er ölverschmiert zur Schule mit irgendetwas, was er gerade wieder ausgetüftelt hat. Die beiden Außenseiter tun sich zusammen und beschließen, die Stadt zu verlassen. Dazu bauen sie in den Sommerferien an einem eigenen Auto. Zur Tarnung setzen sie eine Hütte drauf. Wenn die Polizei kommt, reicht ein Handgriff und die Räder sind verdeckt. Ein abenteuerlicher Roadtrip beginnt, mit 20 km/h über die französischen Landstraßen. Sie lernen neue Freunde kennen, liefern sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei und vor allem machen sie das, was sie schon immer tun wollten: die Freiheit genießen, einen wundervollen Sommer lang.
Der neue Film des Lieblingstüftlers des kontemporären Kinos, Michel Gondry, sucht seine Geschichte im Kleinen. Es ist die Freundschaft der beiden Jungs, die im Mittelpunkt steht und Gondry erzählt sie hier relativ geradeaus, erwachsener, als bei seinen bisherigen, überbordenden Werken. Dennoch glänzt auch sein siebter Spielfilm mit viel Einfallsreichtum und visuellen Ideen. Eine warmherzige Hymne an das Jung(s)sein.

»Mikro & Sprit«: ab 2.6., Passage Kinos

»Wenn wir unsere Gewohnheiten nicht ändern, werden wir zwischen 2040 und 2100 höchstwahrscheinlich Zeuge eines Zusammenbruchs der Ökosysteme«, sind sich die Wissenschaftler der Stanford University Anthony Barnosky und Elizabeth Hadly sicher. Das wollten die Schauspielerin Mélanie Laurent und der befreundete Aktivist Cyril Dion nicht auf sich sitzen lassen. Sie scharten eine Gruppe von Filmemachern um sich und machten sich auf, Wege aus der Krise zu finden. Neugierig reisten sie in zehn Länder, rund um die Welt, auf der Suche nach neuen Formen der Ernährung, der Wirtschaft und Energiegewinnung. In San Francisco wird Kompost aus Abfällen produziert und als Dünger an die Agrarindustrie verkauft. Kopenhagen produziert Energie durch die Kraft der Natur, das voll auf die Bedürfnisse der Fahrradfahrer ausgelegte Straßensystem ist wegweisend. Auf der Farm Bec Hellouin In Frankreich betreibt eine Gruppe nachhaltige Landwirtschaft, in Detroit bauen Menschen ihre Lebensmittel aus der Not heraus selbst an. In der Region um Bristol bringt Urban Gardening die Gemeinschaft zusammen bei der Pflege der überall in der Stadt verteilten öffentlichen Gärten. Dion und seine Freunde wollen der apokalyptischen Meldung Hoffnung entgegensetzen. Sie zeigen unterschiedliche Wege aus der Misere auf, die zum Nachahmen anregen. Filmisch aufbereitet mit hübschen Naturaufnahmen und eingängiger Popmusik werden sie hoffentlich bei einer breiten Schar von Kinogängern Gehör finden. Zumindest in Frankreich hat das schon geklappt, wo sie mehr als 800.000 Zuschauer erreichen konnten.

»Tomorrow«: ab 2.6., Passage Kinos

Basierend auf dem Buch der »Chicago Tribune«-Reporterin Kim Barker liefert das Regieduo Glenn Ficarra und John Requa einen Einblick hinter die Kulissen der Kriegsberichterstattung aus der Perspektive einer Frau. Diese Frau ist die gelangweilte Lokalreporterin Kim (Tina Fey), die sich unversehens in Afghanistan wiederfindet. Dort soll sie von einem Konflikt zu berichten, der 2003 mit dem Beginn des Irakkriegs, an Aufmerksamkeit verliert. Kim lässt ihr geregeltes Leben hinter sich und einige Stunden später findet sie sich im Kugelhagel zwischen Machos mit und ohne Uniform und Kolleginnen wieder, die für eine Story alles tun würden. Was als derbe Komödie beginnt, entwickelt sich zu einer recht offensichtlichen, aber durchaus sehenswerten Analyse der »Droge Krieg«.

»Whiskey Tango Foxtrott«: voraussichtlich ab 2.6., CineStar

2004: der Wahlkampf zwischen George W. Bush und John Kerry ist auf dem Höhepunkt. Gerade haben die Journalistin Mary Mapes (Cate Blanchett) und ihr Team für den Sender CBS die Foltermethoden der amerikanischen Truppen in Abu Ghraib aufgedeckt und viel Anerkennung geerntet. Nun sind sie an einer Story dran, die aufdecken soll, dass Bush sich vor dem Militärdienst gedrückt hat. Die Indizien scheinen wasserdicht und werden der Öffentlichkeit präsentiert. Doch plötzlich stehen Mapes und ihr Moderator Dan Rather (Robert Redford) im Kreuzfeuer. Den Medienskandal dokumentierte Mapes in ihrem Buch »Truth and Duty«. James Vanderbilt (Autor von »Zodiac«) machte daraus einen hochspannenden und zutiefst schockierenden Politthriller.

»Der Moment der Wahrheit«: ab 2.6., Pasage Kinos

 

Flimmerzeit_Mai 2016

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