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»Verbindung, Neuordnung, Vernetzung«

Neues Tanzfestival P-Bodies: Mitorganisator David Eckelmann erklärt die Hintergründe

Lyllie Rouvièrre mit »Un peu de romantisme« Größeres Bild

Mit P-Bodies bekommt Leipzig ein neues Tanzfestival. David Eckelmann vom Orga-Team spricht mit dem kreuzer über die Inspiration aus der organischen Chemie, den künstlerischen Ansatz und mögliche Konkurrenzwahrnehmung.

kreuzer: Was sind P-Bodies und warum widmen Sie ihnen ein Festival?

DAVID ECKELMANN: P-Bodies sind Teile des Stoffwechselapparates der eukaryotischen Zelle. Diese Processing-Bodies dienen hauptsächlich dem Abbau von mRNA. Im Zuge dieses Prozesses stoßen sie sich voneinander und ihrer Umgebung ab, verbinden sich zu neuen Strukturen oder vertilgen einander. Inspiriert von der Vielschichtigkeit dieser Körper möchten wir mit dem Festival einen zeitgemäßen und internationalen Ort schaffen, an dem ein Treffen von Besuchern und Künstlern zur Diskussion aktueller Impulse, zum Sammeln von Erfahrungen von- und miteinander und zur gemeinsam gelebten Utopie einlädt.

kreuzer: Das Festival soll »zur facettenreichen Alternative für Tanz und Performance in Leipzig« werden. Wieso braucht die Stadt diese Alternative? Reichen Off Europa, Euro-Scene, Lofft-Reihen etc. nicht aus?

ECKELMANN: Eine interessante Frage, die einen indirekten Affront gegenüber anderen, bereits etablierten Kunstinstanzen impliziert und die Wertschätzung, Qualität, Fokussierungen des bereits Bestehenden in Frage stellt. In dem Sinne versteckt sich hinter ihr möglicherweise viel mehr ein latentes Verständnis davon, wie Neues oder Veränderndes sich in einem begrenzten Raum zu Existentem beziehungsweise Manifestem verortet. Wir haben gegenüber unserer Kunstszene ein organisches Selbstverständnis. Nicht umsonst ist der Name des Festivals der organischen Chemie entnommen, in der es ständig um neue Verbindungen, Neuordnungen und Vernetzung geht. Genau diese (evolutionären) Prozesse stehen bei uns im Fokus. Bestehende Ressourcen zusammenführen, kreativen Austausch zwischen den Partnern, Künstlern und Zuschauern fördern. So entstehen neue Strukturen, die eine facettenreiche Alternative bieten.

kreuzer: Welchen Background hat das künstlerische Team?

ECKELMANN: Das Kernteam setzt sich aus ehemaligen Theaterwissenschaftlern sowie bildenden und darstellenden Künstlern zusammen. Wir haben alle in Leipzig studiert und sind nach Ausflügen in der nationalen und internationalen Performance-Szene wieder hier angekommen. Wir möchten aus unseren Erfahrungen der Leipziger Kunstlandschaft eine weitere Farbe hinzuzufügen.

kreuzer: Gibt es einen inhaltlichen roten Faden?

ECKELMANN: Das diesjährige Motto von P-Bodies ist »unstable states«. Was die ausgewählten Produktionen verbindet, ist eine facettenreiche Beschäftigung mit derartigen Grenzgängen in den Bereichen Gender, Cyborg, Identität, Herkunft und Popkultur. Die eingeladenen Künstler arbeiten mit unterschiedlichen Ästhetiken und gründen ihre Auseinandersetzungen auf verschiedene Konzepte von Körper und Tanz. In der Kuration war es uns wichtig, eben dieses Spannungsfeld herauszuarbeiten und damit Produktionen auszuwählen, die sich gegenseitig bestärken und hinterfragen.

kreuzer: An welches Publikum richten Sie sich? Sollte man Tanz-Seherfahrung mitbringen?

ECKELMANN: Wir haben den Wunsch, mit P-Bodies interessierte Menschen zu erreichen, ganz gleich ob mit Tanz-Seherfahrung oder nicht. In erster Linie möchten wir mit den Produktionen neue Blickrichtungen auf Tanz und Performance ermöglichen, die sich nicht nur an bereits gemachte Erfahrungen anschließen, sondern diese auch hinterfragen und herausfordern wollen. Wir freuen uns auf ein mutiges Publikum, welches das Risiko eingeht, nach Unbekanntem im Vertrauten und nach Vertrautem im Unbekannten zu suchen.

kreuzer: Auf was können sich Interessierte freuen? Welche Formate, Ästhetiken sind zu sehen?

ECKELMANN: Das Rahmenprogramm zum Festival begann bereits am Mittwochabend mit einem Filmscreening im Cineding. Neben den 18 Bühnenperformances am Festivalwochenende selbst zeigen wir sechs Interventionen, die in ihrer partizipatorischen Ausrichtung zwischen Performance- und Festivalraum vermitteln. Außerdem wird es mit interdisziplinären Workshops ein Experimentierfeld geben. Neben all dem Input möchten wir den Besuchern aber auch Grund und Raum zum Feiern geben. Am Freitagabend laden wir nach den Shows zum Konzert von Frau Eva.Kabinett, Hansen_Windisch und dem Täubling ein. Natürlich darf die große Festivalparty nicht fehlen: Am Samstag lassen wir im XX Supercronik mit Naroma, Mika Dutsch und Sapphic Faggot die Puppen tanzen.

kreuzer: Wohin soll sich das Festival entwickeln?

ECKELMANN: Wir planen P-Bodies als jährliches Event. Neben dem Bühnenprogramm möchten wir das Festival als Plattform des Austausches und der gemeinsamen Erfahrung ausbauen. Perspektivisch soll der ganze Kulturstandort Leipziger Westen integriert werden. Für dieses Jahr bestehen bereits Kooperationen mit dem Cineding, der Schaubühne Lindenfels, dem Neuen Schauspiel, dem Westpol A.I.R. space und diversen Partnern, die uns Unterkünfte und Catering kostenreduziert oder kostenfrei zur Verfügung stellen – nicht zuletzt das Kunstkraftwerk in der Saalfelder Straße als Spielort und Hauptpartner. Ohne jahrelang gewachsene Netzwerke wäre das Festival in dieser Form nicht möglich.

P-Bodies: 10.–12.6., Kunstkraftwerk, http://www.p-bodies.com

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