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»Saugt doch mal am Bier, ihr Nüsse!«

Die skala bleibt doch erstmal offen! Kneipier Jens Nitzschner im Interview

Jens Nitzschner, Foto: Felix Adler Größeres Bild

Im März-Interview erklärte Skala-Wirt Jens Nitzschner, dass Ende Juli Schluss sei mit Trinken und Rauchen in der Gottschedstraße 16. Der auslaufende Mietvertrag hätte so der Kneipe ein Ende bereitet. Doch heute sieht es wesentlich besser aus. Der Verkauf des Hauses seitens der Stadt verläuft langsamer als angenommen. Auf kreuzer-Anfrage gibt der persönliche Referent des Wirtschaftsbürgermeisters Robert Staacke zu Protokoll, dass die mehr als zwei Angebote für die Immobilie geprüft werden. Mit einer Entscheidung ist daher erst nach der Sommerpause zu rechnen. Und das wäre dann auch nur eine Empfehlung, denn letztlich entscheidet der Stadtrat, ob das Angebot auch mit einem kulturellen Nutzungskonzept überzeugen kann. Bis dahin bleibt also noch etwas Zeit, um der Skala einen Besuch abzustatten. Daher veröffentlichen wir an dieser Stelle noch mal das Interview über das Leben in der Kneipe.

Um mit Jens Nitzschner einen Termin auszumachen, geht man am besten direkt in die Skala. Sie ist eine der wenigen Kneipen der Stadt – vor allem in Innenstadtnähe –, in denen man noch rauchen und versacken kann. Eine E-Mailadresse hat der Kneipier nicht und anrufen sollte man ihn auf jeden Fall erst nach 15 Uhr, vorher schläft er noch. In der Skala trifft man ihn dann hinter dem Tresen. Wenn man nicht zum ersten Mal da ist, weiß Nitzschner auch direkt, was man trinken will. Ein Profi eben. Meist hat er dann noch einen nicht immer höflichen Spruch auf den Lippen und einen fast immer witzigen auf dem T-Shirt.

kreuzer: Wo haben Sie Ihre T-Shirts mit den Sprüchen her?

NITZSCHNER: Als ich 42 wurde – 42 ist ja bekanntermaßen der Sinn des Universums und des Lebens (laut Douglas Adams »Per Anhalter durch die Galaxis«, d. Red.) –, hatte ich ein T-Shirt: »Ich bin die Antwort auf alle Fragen der Menschheit.« Vorher hatte ich mir im Copy-Shop schon T-Shirts machen lassen mit »Noch soundsoviele Tage bis zur Antwort auf alle Fragen.« Das war eins der schönsten T-Shirts. Der Spruch war von meiner besten Freundin. Die meisten Sprüche auf meinen T-Shirts stammen nicht von mir. »Kannst Du nicht woanders blöd sein?« habe ich vom Spongebob-Gucken mit meinem Jüngsten. Mein Lieblingskellner Thaddäus Tentakel entgegnet dem debilen Seestern Patrick, der schon bei der Auswahl von zwei Burgern »Äh?« macht: »Kannst Du nicht woanders blöd sein?« Und der antwortet auch noch: »Nö, nur dienstags.« Das ist doch geil.

kreuzer: Sie hören lustige Sprüche und daraus entstehen die T-Shirts?

NITZSCHNER: Ja, so über die Jahre. Ich bekomme auch welche zu Geburtstagen geschenkt. Manche sind wirklich doof, die ziehe ich nicht an, aber zum Beispiel »Irgendwas ist immer« ist ein kluger, richtiger, situativ gerichteter Satz für die Gastro.

kreuzer: Was sind die doofen Sprüche, die Sie nicht anziehen?

NITZSCHNER: »Ich bin der Beste.« Da haben sie bestimmt lange am Bleistift gelutscht: »Ach, das ist ein guter Spruch für ihn.« Die Menschen haben eine Selbstwahrnehmung, die logischerweise oft nicht kongruent ist mit der Draufsicht der anderen.

kreuzer: Wann ist denn der Moment gekommen, an dem man seine Gäste rausschmeißen sollte?

NITZSCHNER: Alte Kneiperregel: Der Gast bekommt dann nichts mehr, wenn die Besoffenheit offensichtlich wird, er also nicht mehr sprechen kann. Das stiftet nämlich nur Unfrieden, da die meisten ja nicht einfach einschlafen, sondern ihr Wohlgefühl zur Depression wird, die sich zur Aggressivität steigert. Und dann fallen sie erst ins Koma. Das Ziel sollte doch aber ein Wohlfühleffekt sein. Leicht-beschwipst-Sein ist schließlich ein wunderbares Gefühl. Das kann man nur leider nicht lange halten. Das versuche ich seit Jahrzehnten.

kreuzer: Und wie haben Sie es geschafft, im Laufe der Jahre nicht selbst ein Alkoholproblem zu entwickeln?

NITZSCHNER: Ich habe nur ein Problem mit Alkohol, wenn ich keinen habe.

kreuzer: Aber Sie sind nicht selbst Ihr bester Gast?

NITZSCHNER: Ich trinke zwar deutlich mehr als die meisten, aber ich bewege mich die ganze Zeit. Wenn ich das im Sitzen trinken würde, dann wäre ich sternhagelvoll. Aber ich muss nach dem Abend noch die Abrechnung machen. Da liegt ein Geldstapel, und du musst zählen, was du eingenommen hast, wie viel Wechselgeld und so weiter. Wenn du fünf Mal zählst und davon sechs Mal auf ein anderes Ergebnis kommst, brauchst du statt einer halben Stunde zweieinhalb Stunden – und da muss ich sagen, da bin ich zu faul. Das ist bei mir keine bewusste Selbstdisziplinierung, sondern einfach eine Frage der Effizienz. Trinkste jetzt noch einen und machst danach die Abrechnung oder machst gleich die Abrechnung, weil es dann schneller geht. Außerdem gibt es feste Zeiten. Um 6.30 Uhr muss der Kaffee für meine Frau gekocht sein.

kreuzer: Haben Sie eigentlich ein gutes Rezept gegen Kater?

NITZSCHNER: Nur, um ihn im Vorhinein zu vermeiden: Nie die Sorte ändern! Wenn du Wein getrunken hast, möglichst bei einer Sorte bleiben. Und – das habe ich von meiner Frau gelernt, die drei Jahre in Moskau gelebt hat: Bei den Prozenten immer nach oben: erst ein Bier, dann Wein, dann Martini oder Wermut und dann Wodka. Da bist du am nächsten Tag platt, aber nicht verkatert. Aber verkatert – also so richtig mit »Aua«  –, das habe ich ganz, ganz selten.

kreuzer: Welches Produkt würden Sie nie über ihre Theke lassen?

NITZSCHNER: Red Bull. Nicht, weil ich das Produkt ablehne. Auch das mit unseren Fußballheinis ist mir scheißegal. Die sind bestimmt liebe Jungs und gute Sportler. Aber die Leute, die Red Bull trinken, gerade am Wochenende, die kommen mit Papas fettem BMW, haben dicke Oberarme und hauen raus: »Ey, machste mal vier Red Bull Wodka.« Ich habe denen wirklich mal geantwortet: »Guck dich mal um. Das ist ein Erwachsenenladen. Hier wird gekokst.« Red Bull ist für die wirklich so ein Koksersatz. Bei mir gibts auch keine Ahoi-Brause mit Wodka oder diese ganze Flatrate-Scheiße. Du kannst mit der Auswahl der Getränke das Publikum steuern.

kreuzer: In der Skala gibt es Tische, an denen gefühlt immer die Gleichen sitzen.

NITZSCHNER: Achtzig Prozent der Gäste sind korrespondierende Stammgäste und kommen mindestens einmal pro Woche. Manche sind auch täglich da. Die haben aber ihre fast festgelegten Zeiten. Der Kneipenbesuch wird durch deren Arbeitszeiten oder Lebensrhythmen bestimmt. Und wenn du einen ähnlichen Rhythmus hast, siehst du da immer die Gleichen. Freunde von mir, die nur am Wochenende kommen, sagen zum Beispiel, ich sei nie da. Ich arbeite seit Jahren nur drei oder vier Tage die Woche und so gut wie nie am Wochenende. Freitag und Samstag ist Family-Time. Andere wiederum, die unter der Woche vorbeikommen, sagen dagegen: »Sag mal, bist du immer hier?«

kreuzer: Und Sie wissen oft, wer was trinkt.

NITZSCHNER: Na ja, wenn die jeden Tag da sind, merkst du dir, dass die Janina ihre Schorle mit einem Eiswürfel trinkt, Anke mit zwei Eiswürfeln, Maxi ihre Weißweinschorle mit dem Thurgau, Uwe anderthalb Müller-Thurgau, weil er mit Auto fährt, und Ulli will halt seinen Eiswein. Ganz normaler Wein aber mit richtig viel Eis drin. Verstehe ich im Sommer nicht ganz so. Meine Kühlung ist eigentlich ganz okay. Und ich achte schon darauf, dass trotz des Ambientes die Produkte ordentlich sind. Nicht unbedingt hervorragend, aber solide. Sieben Rotweine und sechs Weißweine halte ich für deutlich ausreichend. Wenn man den speziellen für die Diva nicht hat, ist dann auch egal.

kreuzer: Wie sind Sie zu diesem Job gekommen?

NITZSCHNER: Ich habe Zahntechniker gelernt, nachdem ich von der EOS (Erweiterte Oberschule – in der DDR so etwas ähnliches wie heute die Abiturstufe, d. Red.) geflogen bin, weil ich nicht tragbar war für den »künftigen Kader der Gesellschaft«. Ich dachte daher, ich habe eine riesige Stasi-Akte, aber als ich die einsehen wollte, war da nur eine Karteikarte mit meinem Namen drauf und ein Doppelpunkt. Ich war echt schon immer der Lolli. Aber ich war ein typischer Mitläufer, war in der FDJ und alles. Als ich mit 21 auf dem zweiten Bildungsweg tatsächlich einen Studienplatz hatte, kamen ähnliche Säcke wieder an und sagten: »Ihnen ist schon klar, dass Sie für ein Studium drei Jahre zur Armee müssen?« Das war dann meine erste wirklich freie Entscheidung, unter dieser Auflage nicht Zahnmedizin zu studieren. Stattdessen habe ich dann Musik studiert, obwohl ich vorher nie Musikschule oder so gemacht habe.

kreuzer: Das ging einfach?

NITZSCHNER: Ja, ich bin begabt. (Schweigen im Raum, dann Lachen) Bei der Aufnahmeprüfung fragten sie mich, ob ich noch andere künstlerische Interessen habe. »Na, ich male recht gerne.« »Vielleicht probieren Sie es lieber damit!«, sagten die. Aber ich habe mich dann durchgebissen.

kreuzer: Mit welchem Instrument?

NITZSCHNER: Klassische Gitarre. Und erst mit der Beschäftigung mit der Musik merkte ich, wie unverschämt ich bei der Aufnahmeprüfung war. Nach dem erfolgreichen Einser-Abschluss hat das aber alles nicht so richtig funktioniert. Und dann dachte ich: Saufen kannste, quatschen kannste – und so bin ich erst mal in die Gastronomie gegangen, bis die Bühnen der Welt mich rufen. Da warte ich heute noch drauf. Vielleicht höre ich sie auch einfach nicht mehr, man wird ja auch immer schwerhöriger.

kreuzer: Und welche Kneipe hat Sie gerufen?

NITZSCHNER: Mein erstes Bier habe ich im legendären Tuvalu gezapft. Das Doofe war, dass ich selbstständig war und da musst du ja Krankenversicherung und alles selbst zahlen. Aber der Lohn wird ja jeden Abend ausgezahlt. Du hast halt immer Geld – aber nie für die Krankenversicherung. Ich habe dann monatelang in drei verschiedenen Läden gearbeitet, um Schulden zu bezahlen. Da musste ich immer überlegen, wo ich gerade war und wie teuer jetzt in dem Laden der Bierpreis ist. Eines Tages rief dann Wolfgang Engel (von 1995 bis 2008 Intendant des Schauspielhauses, d. Red.) an. Der dachte, ich such ne Kneipe. Aber ich hatte weder Geld, noch wollte ich das auf Dauer machen. Er meinte, er hat einen Raum. Und in anderthalb Jahren hatte der schon drei Betreiber. Er zeigte mir den Raum (in der Gottschedstraße 16, damals Spielort der Neuen Szene und von 2008 bis 2012 der Skala, d. Red.). Und ich fragte meinen damaligen Chef und heutigen Kompagnon Tom (Thomas Weickert, d. Red.), der meinte: »Das sag ich dir nur einmal: Mit dir werde ich keine Kneipe aufmachen.« Zwei Wochen später haben wir den Mietvertrag unterschrieben. Ohne Tom hätte ich das nie geschafft. Und er ohne mich auch nicht. Wir sind vom Naturell völlig unterschiedlich. Wir sind wie ein altes Ehepaar, wir mögen uns nicht, aber wir leben gut miteinander.

kreuzer: Wer macht da was?

NITZSCHNER: Ich bin der Verkaufsmann, Tom macht die administrativen Aufgaben, wie Rechnungen. Er muss auch oft zum Amt gehen, denn wenn ich gegen 15, 16 Uhr aufstehe, haben die meistens schon zu. Daher sieht man Chefs selten hinterm Tresen arbeiten, weil die andere Aufgaben haben. So haben wir zwar schmales Geld für beide, aber ein bequemes Leben. Viele Läden sind ja deswegen eingegangen, weil es keine Identifikationsfiguren gibt. Du kannst hübsche Frauen hinter den Tresen stellen, dann kommt eine Zeitlang die schmachtende Männerwelt. Bis die alle begriffen haben: Wir sind es wohl doch nicht. Wenn die Leute alle ein schönes, intaktes Familienleben hätten, wären sie nicht so oft in der Kneipe. Wir partizipieren an der Verschlimmerung der Gesellschaft bzw. an den schlechteren Sozialkontakten.

kreuzer: Sind die schlechter geworden?

NITZSCHNER: Oberflächlicher. Alle haben Bindungsängste. 80 Prozent der 25- bis 35-Jährigen bevölkern Kneipen. Damit verdienen wir Geld. Ich bin kein Psychologe, aber die Kneipe ist ein Mikrokosmos, in dem ein Querschnitt der Gesellschaft auf kleinstem Raum zusammenhockt und miteinander agiert. Mein Eindruck ist: Leute meines Alters ziehen sich bunte Hosen an und rosa Polohemden, wo sie den Kragen hochschlagen, und malen sich mit Kajal die Augenbrauen nach. Männer! Kann man nicht in Würde altern? Die denken, weil sie ein Haus gebaut haben, mit der Sekretärin rumgemacht haben und aus dem Haus rausgeflogen sind, sind sie jung geblieben. Die fahren mit dem Longboard rum und fallen auf die Fresse.

kreuzer: Lief Ihr Laden von Anfang an gut?

NITZSCHNER: Ich hatte damit gerechnet, dass ich aus dem Theatersaal hinten, der 100 Leute fasst, 30 oder 40 abgreife plus die Leute, die von außen kommen. Die Bar ist aber so geschnitten, dass die Leute an der Tür vorbeigehen und ihren Rücken strecken, weil sie den ganzen Abend auf Klappstühlen saßen. Und dann sind die schon draußen und gehen irgendwo anders hin, was trinken. Ich war also zu nah dran. Eine halbe Stunde später kamen dann die Schauspieler. Seitdem weiß ich, was Frustsaufen ist. Da habe ich mir oft überlegt, ob »wundervoll« nun die Steigerung oder Vorstufe von »sternhagelvoll« ist. Wie die immer lallten: »Das ist so wundervoll.« Und ich dachte: »Nee, du bist sternhagelvoll.«

kreuzer: Stimmt es, dass unter Hartmann hart gesoffen wurde und unter Lübbe jetzt alle nur noch ein kleines Bier trinken?

NITZSCHNER: Es gibt auch in diesem Ensemble Treue, die einmal die Woche kommen. Das sind dann aber meistens die Raucher. Die meisten Schauspieler rauchen und trinken nicht mehr. Die Hardcoreleute waren aber nicht unter Hartmann, die waren unter Engel. Das war auch für mich grenzwertig. Innerhalb einer halben Stunde drei Schnäpse, da bin ich etwas beschwipst.

kreuzer: Trinken die Leute heute generell weniger?

NITZSCHNER: Ja, deutlich weniger. Das, was früher 30 Leute getrunken haben, trinken heute 100. Jetzt sitzen oft vier Leute an einem Tisch und reden nicht miteinander, sondern wischen auf ihrem Telefon.

kreuzer: Auch in der Skala?

NITZSCHNER: Ja, meistens solche mit einer Erdbeere auf dem Kopf, den sie Dutt nennen. Und dann zeigen sie sich Katzenvideos und sagen: »Das musst du dir mal aus der Cloud saugen.« Da sag ich dann: »Saugt doch mal am Bier, ihr Nüsse!« Da sitzen die vor einem leeren Glas und wollen kein neues. Wenn sie kein Geld hätten und nur Sozialkontakt suchen würden, würde ich es ja verstehen. Aber die suchen keinen Sozialkontakt.

kreuzer: Man hört immer mal wieder, es gäbe eine Mafia in Leipzig. Müssen Sie Schutzgeld zahlen?

NITZSCHNER: Ich kenne keinen Kneiper, der Schutzgeld bezahlt hat. Das ist so eine Mär. Ich habe mal gehört – natürlich wieder über drei Ecken – dass die Asialeute so eine Connection haben. Da gibt es so einen Paten, der das organisiert. Aber seit meiner Zeit im Café Westen, wo bei einer Saalschlacht wie im Film Stühle flogen, habe ich eine Security, die innerhalb von vier Minuten da ist. Die haben den wunderbar sympathieeinflößenden Namen Black Rainbow. Die habe ich bisher drei Mal gebraucht – meistens kläre ich das selbst. Es ist ja oft nur der falsche Austausch von Informationen, weswegen sich ein paar Affen in die Haare bekommen haben. Und da bezahle ich im Monat für die Bereitstellung des Services 89,73 Euro auf Rechnung. Für den Fall, dass ich nicht da bin, damit sich meine Studenten nicht zwischen zwei Affen werfen sollen. So ein Einsatz kostet allerdings dann wieder hundert Euro.

kreuzer: Wenn Sie sich um die meisten Dinge selbst kümmern: Welche Vermeidungsstrategien existieren da?

NITZSCHNER: Ich habe 1979 meinen ersten Dan, den schwarzen Gürtel, im Judo gemacht. Ich weiß mich zu verteidigen und ich weiß vor allem – da Judo eine Angriffssportart ist –, dass man klare Fronten schaffen muss. Die schafft man unblutig und relativ schnell mit Finger- oder Handhebel, so dass der andere weiß – bis hierhin und nicht weiter. Wenn ich nein sage, meine ich nein. Grenzen setzen, das ist alles.

kreuzer: Schmeißen Sie manchmal auch Leute raus?

NITZSCHNER: Ja.

kreuzer: Wenn die was machen?

NITZSCHNER: Wenn sie die Sozialhygiene stören. Wenn sie rumpöbeln und dann nicht von sich aus gehen wollen. Oder Taschendiebe. Da dann stand auch mal einer mit dem Messer vor mir. Und das ist scheiße, dass der Migrationshintergrund hatte und daher keinen Job bekam. Der pöbelte rum und wollte Bier. Ich sagte: »Bekommste aber nicht«, weil ich ihn nicht kannte und nicht einschätzen konnte. Sagt der: »Du bist ein Nazi.« Aber beim Kampfsport habe ich böse gucken gelernt. Das kann ich wirklich. Wenn ich sauer bin, bekommst du Angst.

kreuzer: Wie geht es jetzt weiter mit der Skala? Macht sie tatsächlich zu?

NITZSCHNER: Ja, die macht zu – Ende Juli. Ab 31.7. ist definitiv Schluss, aber es wird schon eher zu sein, weil die Übergabe besenrein erfolgt, so dass alles rausgebaut werden muss. Ich denke mal, Anfang Juli wird der letzte Tag sein. (Ist er jetzt doch nicht nicht, Anm. d. Red.) Und eine Feier oder so wird es geben – obwohl es keinen Grund zum Feiern gibt. Das werden wir dann rechtzeitig per Mund- und Ohrenpropanda bekannt geben. Sicherlich wird eine Lücke bleiben, aber da weiß man wenigstens, dass man etwas bewegt hat. Gestern erzählte eine, die ich gar nicht kannte, dass in Regensburg die Leute von der Skala reden. Und in Weimar haben sie die Leipzig-Szene im »Faust« in Auerbachs Keller komplett gestrichen und das Ensemble skandiert: »Leipzig, Leipzig, Skala, Skala, Saufen, Saufen« – damit ist Leipzig abgehakt. Geil, wenn man es auf die Bühnen dieser Welt geschafft hat – als Kneipe! Das bin ja nicht nur ich, sondern das ganze Konstrukt. Wir sind nur die Bereitsteller von Räumlichkeiten, in denen was Kreatives passiert.

kreuzer: Weil viele der Gäste zu den Kreativen gehören?

NITZSCHNER: Ja, andere fühlen sich in anderen Bars wohl. Im Barcelona ist eher diese Buzzy-Fraktion, da sind auch wunderbare Künstler dort, aber da gehen eher die Optiker und Anwälte hin und da kommen dann auch die schickeren Frauen, um sich bewundern zu lassen. Bei mir ist es eher die Künstlerschaft, in der Vodkaria eher die Sportler und so findet zum Glück jede Klientel auch die passende Unterstellmöglichkeit.

kreuzer: Und was macht die Skala-Klientel nach der Schließung?

NITZSCHNER: Na, ich hoffe, heulen.

kreuzer: Davon wird aber das Bierglas nicht voll!

NITZSCHNER: Man soll das alles nicht überbewerten. Wenn die anderen Gastronomen klug sind, werden sie diese Nische besetzen.

Jens Nitzschner wird in diesem Jahr 55 Jahre alt, flog von der EOS, weil er eine flapsige Antwort auf die Frage nach dem Dienst an der Waffe gab, lernte dann Zahntechniker, da ein Zahnmedizinstudium ebenfalls Armeedienst bedeutete, studierte Klassische Gitarre und Musikpädagogik, danach arbeitete er in der MB, im Café Westen und im Tuvalu, ist ausgebildeter Barkeeper, verfügt über Judokenntnisse und ist seit 17 Jahren Wirt in der Gottschedstraße 16.

Das Interview erschien bereits in der März-Ausgabe des kreuzer.

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