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Kino kann auch Draußen

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Wer sich bisher aus Prinzip dem Sommer verweigerte, obwohl die Temperaturen Anderes behaupteten, kommt nun endgültig nicht mehr an ihm vorbei. Auch wenn die Kinobar Prager Frühling und das Luru Kino in der Spinnerei ihn bereits im Mai ausgerufen hatten, geht es erst jetzt so richtig los mit dem Sommerkino. Neben dem überdachten Kino im Innenhof der Feinkost und der selbsternannten größten Leinwand der Stadt auf dem Spinnereigelände, flimmert nun auch das lauschige 2cl Sommerkino der Cinémathèque im grünen Außenbereich des Conne Island. Ab 14.7. zeigt auch die Pferderennbahn Scheibenholz wieder für zwei Wochen Kino. Eröffnet wird mit der Leipziger Produktion »Being Bruno Banani«, über den ersten und einzigen tongaischen Rennrodler. Im Anschluss wird es dort, ebenso wie im Autokino auf der Alten Messe, vornehmlich Popcornware zu sehen geben.

Die Cinémathèque sorgt derweil eher für Kontrastprogramm. Eröffnet wird das 2cl am 7. Juli mit Romeros Zombi-Urvater »Night of the Living Dead« mit einer Einführung zu Zombies im Film von der Filmwissenschaftlerin Anke Zechner. »Night will fall«, Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen über ein 1945 unvollendet gebliebenes Filmprojekt des Großmeisters des Suspense, wird im Rahmen einer Reihe zu Filmen über den Holocaust gezeigt. Daneben gibt es Klassiker wie Tim Burtons »Sleepy Hollow«, Indiekino mit dem bei uns sträflich missachteten »Me and Earl and the Dying Girl« und aktuelles Unterhaltungskino mit »Deadpool« und »U.N.C.L.E.« – alles im Original mit Untertiteln.

Die Kinobar Prager Frühling bietet im Juli eine Mischung aus Arthouse-Publikumshits wie »Victoria« und »Birnenkuchen mit Lavendel«, aber auch Previews kommender Highlights wie dem charmanten »Maggies Plan« mit Greta Gerwig und Ethan Hawke, oder »Wiener Dog« von Todd Solonz (»Happiness«). Das Luru mischt Unterhaltungskino mit ausgewählten Klassikern. Daneben wird es ein Programm zum 70. Geburtstag der DEFA Studios geben.

Auch das Open Air Kino auf der Moritzbastei spielt DEFA-Highlights wie »Die Legende von Paul und Paula« und »Zwei schräge Vögel«. David Lynchs »Lost Highway« wird es noch einmal auf großer Leinwand zu erleben geben, ebenso Terry Gilliams »Brazil«, »Das Leben des Brian« und »Der Mann ohne Vergangenheit« von Aki Kaurismäki. Das Terrassenkino auf der Moritzbastei hat ein gutes Argument auf seiner Seite: alle Filme laufen bei freiem Eintritt.

Film der Woche: Der Endfünfziger Armando hegt eine gefährliche Leidenschaft. Der allein stehende Zahntechniker macht sich gerne auf den Straßen seiner Heimatstadt Caracas an junge Männer heran, die er mit Geld in seine Wohnung lockt, wo sie sich für ihn ausziehen sollen. Kaum einer von ihnen ist schwul, alle sind nur auf das in Aussicht gestellte Geld aus. Elder denkt nicht daran, sich für die »alte Schwuchtel« auszuziehen. Er kassiert das Geld, gibt dem alten Lüstling einen Hieb auf den Kopf und stiehlt aus der Wohnung, was er mitnehmen kann. Dennoch zieht Elder Armando an, er scheint sogar fasziniert von der Rohheit und Gewaltbereitschaft des jungen Mannes. Er sucht ihn wieder auf, nimmt ihn abermals mit nach Hause, und macht wieder die gleichen schlechten Erfahrungen. Unbeirrt hält er an seiner Leidenschaft für Elder fest, was diesen nach und nach doch zum Umdenken bringt. Der von allen immerzu sträflich vernachlässigte und am Leben bislang gescheiterte Jugendliche ist nun seinerseits fasziniert von der Hartnäckigkeit und Unbelehrbarkeit des Älteren, was die Machtverhältnisse zwischen den beiden Männern ins Gegenteil verkehrt.
Das Langfilmdebüt des venezolanischen Filmemachers Lorenzo Vigas versucht nicht, ein realistisches Bild von der Liebe zweier Männer zueinander zu zeichnen. »Caracas, eine Liebe«, dessen Drehbuch auf einer Vorlage des preisgekrönten Mexikaners Guillermo Arriaga (»Babel«) basiert, ist vielmehr eine Versuchsanordnung, ein in ruhigen Bildern und mit wenigen Dialogen eingefangenes Konstrukt, das Abhängigkeiten durchdekliniert, Schlaglichter auf Personen aus unterschiedlichen sozialen Schichten wirft und vor allem durch seine poetischen Bilder gefällt. Ausführliche Kritik von Frank Brenner im aktuellen kreuzer.

»Caracas, eine Liebe«: ab 30.6., Passage Kinos

Ein naheliegendes Gefühl beschleicht einen nach dem Ritt, den Regisseur Ben Wheatley (»Sightseers«) hier basierend auf der Romanvorlage von J.G. Ballard inszenierte: »High-Rise« macht extrem schwindelig. Erschienen im Jahr 1975 entwirft der Autor von »Crash« eine ätzende Dystopie, die Wheatley originalgetreu im Stil der Siebziger umsetzte. Als soziologisches Experiment angelegt, baute »der Architekt« Royal, dem Jeremy Irons aristokratische Naivität verleiht, einen schwindelerregenden Wolkenkratzer, in dem die gesellschaftlichen Schichten sichtbar werden. Am Boden hausen die kleinen Malocher. Wer es sich leisten kann, wohnt weiter oben. Er selbst residiert im Penthouse. Die Schauspielerin Jane, Dauergast auf der Dachterrasse, trabt meist auf einem weißen Pferd durch seinen absurd üppigen Garten. Weiter unten wohnt Wilder, Vater von zwei Kindern mit dem dritten auf dem Weg, der seine Frau vernachlässigt und dafür lieber dem Exzess auf einer der zahlreichen Parties im Gebäude frönt. Charlotte hat sich von alldem abgesetzt, vernascht nur hin und wieder einen Mann zum Cocktail. In dieses Tollhaus gerät der gut situierte Hirnchirurg Laing, aalglatt verkörpert von Tom Hiddleston. Er will eigentlich seine Ruhe, aber als der Strom ausfällt und im Hochhaus archaische Zustände ausbrechen, ist es mit dieser erstmal vorbei. »High-Rise« versetzt mit dem assoziativen Schnitt und Clint Mansels berauschendem Score die Sehgewohnheiten der Kinogänger in Schwindel. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»High-Rise«: ab 30.6., Regina Palast

Magda (Penélope Cruz), die Mutter eines kleinen Sohnes, verliert nach der Krebsdiagnose zwar eine Brust, doch sie findet dafür etwas anderes: Eine neue Liebe. Sie stürzt sich in ein neues Leben und vermag es dabei, allen, die ihr auf ihrem Weg begegnen, Hoffnung und Freude zu schenken. Eine Geschichte über die Schönheit des Lebens und die unermessliche Liebe für die eigenen Kinder, die über den Tod hinausgeht – sagt der Verleih und ist dann leider auch so schwülstig wie es sich anhört. Penélope Cruz überzeugt und Julio Medem (»Lucía und der Sex«) sucht zumindest hin und wieder einen unkonventionellen Zugang zum Stoff. Aber viel zu oft der Plot zu konstruiert und die Szenen überschreiten alle Kitschgrenzen. Unterm Strich ist »Ma Ma« ausgedehnt auf 1200+ Folgen die perfekte Vorlage für eine Telenovela, als Film taugt er aber nicht.

»Ma Ma«: ab 30.6., Passage Kinos

Flimmerzeit Juni 2016

 

Weitere Filmtermine der Woche

51. Karlovy Vary International Film Festival

Über 200 Filme, darunter frische Preisträger aus Cannes, Berlin und Venedig, eine Retrospektive mit Werken von Otto Preminger, spannendes Kino aus Osteuropa und vieles mehr gibt es ab Freitag  in Karlovy Vary. Für eine Woche werden sie über die Leinwände der schönen Stadt, gut drei Autostunden südlich von Leipzig, flimmern. Wir berichten von unseren Festival-Highlights und den Preisträgern auf kreuzer-online.de

1.–9.7., Karlovy Vary (Cz)

 

Shorts Attack
Filmscreening zur Internationalen Tagung der Münsterberg Gesellschaft
»Making a Living« (1914), »Der Student von Prag« (1913), »The little American« (1917)

1.7., 19.30 Uhr, UT Connewitz

 

Shorts Attack

9 Filme in 90 Minuten zum Thema »Reisefieber«.

2.7., 21 Uhr, UT Connewitz
6.7., 20.30 Uhr, Kinobar Prager Frühling

 

Die Edelstein-Trilogie: Rubinrot/Saphirblau/Smaragdgrün

Triple Feature der Jugendbuchverfilmungen nach Kerstin Gier.

3.7., 11 Uhr, Cineplex

 

Kinokabaret Nr. 2

Die Kinodatsche zeigt Kurzfilme von Filmschaffenden und solchen, die es werden wollen. Alt und Jung, Anfänger und Profi, jeder ist willkommen. Kein Budget, nur das nötigste Equipment, aber umso mehr Motivation.

3.7., 20 Uhr, UT Connewitz

 

Die Mauer

Deutscher Dokumentarfilm aus dem Jahr 1990, in dem der Künstler Jürgen Böttcher seine persönlichen Eindrücke von den letzten Tagen der Berliner Mauer verarbeitet. Der Film wurde vom DEFA-Studio für Dokumentarfilme produziert

4.7., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

 

For Being Alive – Punk From Wroclaw

Kollektivporträt mit animierten Sequenzen, das den Aufstieg der Oderstadt Wroclaw Ende der siebziger Jahre zu einem der Zentren der alternativen Musikszene Polens zeigt und die Altpunks im anders widersprüchlichen Jetzt abholt. Ost-Punkmusik-Kenner Alexander Pehlemann gibt eine Einführung zum Film und zur Punk-Szene in Polen.

6.7., 20 Uhr, Cinémathèque in der naTo

 

Liebe Halal

Der Episodenfilm beschäftigt sich in vier Geschichten mit den Schwierigkeiten von Muslimen, ihr Liebesleben mit den Gesetzen ihrer Religion zu vereinbaren. Am 6.7. Premiere in Anwesenheit des Regisseurs Assad Fouladkar

6.7., 19 Uhr, Passage Kinos

 

Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen

Die französische Schauspielerin Mélanie Laurent sucht mit anderen Verbündeten nach Lösungen, um den Klimaschutz auf dem Planeten Erde besser voranzutreiben. Im Anschluss Filmgespräch in Zusammenarbeit mit Ökolöwe-Umweltbund

6.7., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling

 

Dirty Dancing 

Eine Tochter aus gutem Hause verliebt sich in einem Ferienhotel in den sechziger Jahren in einen Tänzer. Tanz- und Liebesfilm, der als Überraschungshit 87/88 eine Tanzwelle auslöste.

7.7., 21.30 Uhr, Sommerkino auf der Feinkost

 

Night of the Living Dead

Der Urvater der Zombie-Filme: Eine Gruppe von Menschen muss sich im einsamen Haus einer Horde von »Untoten« erwehren. Zugleich erster von vielen weiteren Horrorfilmen des früheren Werbegrafikers George A. Romero, dem hier trotz niedrigstem Budget eine spannende und kraftvolle Inszenierung mit eindeutigen gesellschaftskritischen Untertönen gelingt. Mit einer Einführung zu Zombies im Film von Anke Zechner

7.7., 21 Uhr, 2cl – Sommerkino auf Conne Island

 

Queere Filmnacht zum CSD in LE

Schwulesbisches Kino mit der US-Komödie »Grandma« und François Ozons »Eine neue Freundin«.

7.7., 20 Uhr, Frauenkultur

 

Yes, We Are

»Katholizismus« und »Kaczynski« – das sind häufig die ersten Assoziationen, die das Wort »Polen« weckt. Wird über Homophobie diskutiert, geht es meist um Schwule. Wie aber ergeht es Lesben in Polen? Was hat sich seit der Wende verändert? Welche Widerstandsformen gibt es? »Yes, We Are« ist der erste und bislang einzige Film, der seinen Blick auf lesbische/queere Frauen richtet.

8.7., 20 Uhr, Cineding (OmU)

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