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Gartenparty from Hell

Festivaltagebuch: Beim In Flammen hatte selbst die Verwandtschaft gute Laune

Foto: TPR Größeres Bild

Als Lame Duck watschelte auch diese In-Flammen-Ausgabe am Torgauer Entenfang nicht daher. Das Smoking Gun aus Schweiß und Staub stellte unter Beweis, dass der Metal-Underground lebendig ist und man keinen Klimbim für ein gelungenes Festival braucht. Fast wie ein Familienfest fühlte sich das verlängerte Wochenende an der Dahlener Heide an. Halb Metal-Leipzig war da, viele Stammgäste auch, weshalb großes Wiedersehen zur fantastischen Stimmung führte.

Fürs leibliche Wohl sorgte unter anderem ein Eismobil – Pistazie war aus! –, Petrus gab seinen Segen … Im Ernst: Ein ziemlich fettes Teil hat hier die ehrenamtliche Crew gestemmt. Dem Vernehmen nach fiel schon der Vorglühdonnerstag entsprechend Nacken beanspruchend aus, das war aber bei den ungleichen Gezüchten Mantar und Wandar auch zu erwarten. Der Autor schaffte es aber erst am Freitagmittag, sein Zelt und selbst aufzuschlagen. Heringe und schon ging’s los. Verwirrung stifteten zwischendurch drei verschiedene Ausgaben der Running-Order. Spielen Fäulnis – nicht schlecht, aber auch leicht überbewertet ihr Black-Metal zum Punk-Drum – jetzt Freitag oder nicht, etc.? Das ist bei einem Festival der kurzen Wege aber auch nicht so dramatisch, wo man zwei Minuten von der Zelt- zur Waldbühne braucht.

Am Freitag groovte es sich etwas langsamer ein. Decembre Noir schickten die Zuhörer auf eine halbverträumte Reise, Gormathon schoben später Death-Thrash hinterher. Zum Glück möbelten Gorilla Monsoon die Stimmung wieder etwas auf, nachdem das Altherrengedeck Venom Inc. – kein Vergleich zum anderen Venom-Rest vor drei Jahren auf dem Party.San – lustlos am Publikum vorbeischrammelte. Und Chronos haben ihnen wohl verboten »Black Metal« zu spielen; jedenfalls wurden die sehnsüchtigen Fanrufe nach dem Song nicht erhört.

»Es umarmt das lahmende Herz gleich sprießenden Wurzeln im modrigen Boden«: Mit schlechter Poesie auf dem T-Shirt eines Sitznachbarn begann der nächste Tag. Welches Es? Das lyrische Es? Um Texte geht es ja beim Metal nur bedingt, aber ein paar inhaltliche Standards wurden schon hochgehalten: So wurde ein »JDN CHM«-Shirt-Träger (»Juden Chemie«) von Besuchern nachdrücklich darauf hingewiesen, sein Nicki zu wechseln. (Warum glauben eigentlich noch immer einige Faschos, auf dem In Flammen zu Hause zu sein?)

Stumpf ist Trumpf hieß es dann zum Samstagauftakt: Cytotoxin rumpelten alles nieder und brachten die Fans und Nichtfans in Bewegung, sie setzten zum buchstäblichen Kreislaufkollaps an, indem sie sich durch den Circlepit rennend in den Orbit schossen. Die anderen kamen, um dem Treiben bei Konfettisalven, Seifenblasenwolken und Schlauchboot-Bodysurfing zuzuschauen. Kann, ja: muss man albern finden. Aber die Stimmung kochte schon mal. Mit solidem Black-Thrash würzten diese dann Atomwinter noch an, Pungent Stench und Lock UP waren meine Ratzbatz-Lieblinge, bevor dann Primordial mit dem obligatorischen »Are you with us« die Bühne erklommen. Auch in diesem fast intimen Rahmen von 1.000 Leuten fielen die wuchtig-melancholischen Hymnen- und Klagefetzen, das Hufgescharre packend as usual aus. Was Frontsau und Kopf Alan über Brexit etc. denkt, hat er den Kollegen von Metal Impetus erzählt. Das Video wird sicher bald online sein, eine Bildergalerie gibt es dort schon jetzt zu sehen.

Die haben sich dieses Mal auch artig verhalten und keine peinlichen Pinkelpannen, ähm, verzapft. Von ihnen stammt auch das hübsche Wort Bandana-Facing, das sie auf die Eier schaukelnde Räuberpistole Brujeria münzten: Mit Halstüchern vorm Mund, natürlich mit reingeschnittenem Loch, um unter der Gangstermaskerade doch noch Töne rauszubringen, probten die Herren die Mexiko-Mafia-Scharade.

Aber klagt nicht, mampft: Insgesamt war das eine pfundiges Paket, das Veranstalter Thomas Richter da schnürte. Logo, dass der kostenlose Kuchenbasar am Samstagnachmittag jetzt fester wie beliebter Bestandteil ist. Schnell war die Tafel gefüllt, die Münder gestopft. Einen grundzufriedenen Organisator konnte man allzeit wie ein Honigkuchenpferd strahlend antreffen. Das In Flammen euphorisierte alle – und selbst die Entenfang-Wirtin hatte nach Jahren der Griesgrämigkeit überraschend gute Laune.

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