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»Auseinandersetzung mit Gewalt ist wichtig«

Videospielforscher Martin Roth über die »Killerspiele«-Debatte

Martin Roth, Foto: Christian Hüller Größeres Bild

Nach dem Amoklauf in München wird wieder darüber geredet, welchen Einfluss Computerspiele, in denen geballert wird, auf um sich schießende Amokläufer haben. Der Junior-Professor Martin Roth von der Uni Leipzig, der im Mai-kreuzer über Computerspielforschung in Leipzig erzählte, über die Reaktion des Innenministers.

kreuzer: Thomas de Maizière sagte, dass das »unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung von Jugendlichen hat. Das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten«. Sie sind ein vernünftiger Mensch (nehmen wir jetzt mal an). Können Sie es bestreiten?

MARTIN ROTH: Unter dieser Annahme also: Diese Aussage für sich allein hat ja drei Bestandteile.

Erstens wird von einem unerträglichen Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet gesprochen. Warum das Internet hier genannt ist, ist mir nicht ganz klar, aber dass in vielen Spielen Gewalt vorkommt, ist sicher richtig. Von Gewaltverherrlichung würde ich allerdings in der Mehrzahl dieser Fälle nicht sprechen. Ob es dennoch ein unerträgliches Maß ist, ist zunächst einmal sehr subjektiv. Insgesamt betrachtet, würde ich das persönlich anders sehen – gerade in letzter Zeit sind viele sehr interessante und kreative Spiele entstanden, in denen Gewalt keine zentrale oder gar keine Rolle spielt, oder die damit kritisch umgehen. Es gibt aber auch Spiele, in denen Gewalt positiv dargestellt wird.

Zweitens wird eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung Jugendlicher konstatiert. Eine solche Wirkung lässt sich – wie bei allen Medien- und Lebenserfahrungen – nach dem derzeitigen Kenntnisstand nicht ausschließen, einer pauschalen Aussage wie der zitierten würde ich aber dennoch nicht zustimmen, weil sie eine direkte und direkt messbare Wirkung auf die Entwicklung suggeriert, die so meines Wissens weder widerspruchsfrei belegt noch messbar ist. Wichtiger ist aber, dass hier zwei Dinge vermischt und sehr vereinfacht dargestellt werden. Auch wenn sich der Begriff »gewaltverherrlichende Spiele« aus dem ersten Teil der Aussage auf Spiele mit Gewaltanteilen allgemein beziehen sollte (was wie gesagt nicht zusammengeworfen werden sollte), so richten sich diese Spiele vornehmlich an ältere Jugendliche und Erwachsene. Die Alterseinstufung der USK funktioniert dabei sehr gut. Wenn Spiele für Jugendliche unter dem zulässigen und nach bisherigem Kenntnisstand der Experten weitestgehend unbedenklichen Alter dennoch zugänglich sein sollten (wofür vieles spricht), so wäre über mehr Hilfe und bessere Aufklärung von Jugendlichen, Eltern und Erziehern nachzudenken, und nicht zuletzt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, warum gewalthaltige Inhalte so anziehen, zu führen. Dabei sind Spiele allerdings nur ein relevanter Bereich unter vielen.

Drittens enthält die Aussage einen strategischen Teil, in dem sie durch Anruf der menschlichen Vernunft von ihrem Inhalt überzeugen will. Hier liegt eines der Hauptprobleme, denn das deutet bereits an, dass die Debatte eben nicht nur auf einer »sachlichen« Ebene vor dem Hintergrund einer eingehenden Auseinandersetzung stattfindet.

kreuzer: De Maizière redete auch von Studien, die seine Aussage belegen. Kennen Sie diese Studien?

ROTH: Ich muss zugeben, dass ich auf diesem Feld nicht alle relevanten Studien im Detail kenne. Allerdings lassen Diskussionen in Fachkreisen darauf schließen, dass es sehr widersprüchliche Ergebnisse zur Wirkung von Gewalt gibt. Was Kurzzeiteffekte angeht, könnte man zwar schon einen Zusammenhang nachweisen, aber bei der Wirkung auf ein so komplexes Gefüge wie die Entwicklung ist es kaum möglich, einzelne Faktoren isoliert zu betrachten, weshalb die Forschung hier nicht so gut vorankommt.

kreuzer: Eigentlich gilt die Debatte um die Wirkung von »Killerspielen« seit Jahren beendet. Haben sich in letzter Zeit diese Spiele so geändert, dass nun wieder eine Gefahr von ihnen ausgeht?

ROTH: Es gibt zwar neue Möglichkeiten, grafisch ins Detail zu gehen und größere Welten darzustellen, und auch die Geschwindigkeit und Verfügbarkeit der Vernetzung haben zu Veränderungen in der Spielkultur geführt. Bislang sind diese Veränderungen gegenüber dem letzten Jahrzehnt aber meines Erachtens nicht so gravierend, dass von »neuen« Gefahren gesprochen werden kann. Eine Auseinandersetzung mit Gewalt und anderen Inhalten von Medien ist dennoch wichtig und sollte nie beendet sein. Es wäre allerdings gewinnbringender, diese nicht mithilfe von leicht verdaulichen, pauschalisierenden Formeln à la »Killerspiele« zu führen, sondern sie in ihrer Vielschichtigkeit zu erfassen und in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einzubetten.

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