Startseite / Filmkritik / Ausblick

Ausblick

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

mahana Größeres Bild

»24 Wochen« war in diesem Jahr der einzige deutsche Film im Wettbewerb der Berlinale. Das berührende Drama von Anne Zohra Berached entstand zu weiten Teilen in Leipzig. Wir haben mit der Regisseurin über ein Tabuthema gesprochen und lassen sie von den schwierigen Produktionsbedingungen erzählen. Außerdem werfen wir vorab einen Blick auf das Programm der 16. Filmkunstmesse, die vom 19.–23.9. das Kino der Zukunft in die Messestadt bringt. All das und mehr gibt es in der Septemberausgabe des kreuzer – ab sofort am Kiosk.

Film der Woche: Seit Generationen ist die Maori-Familie »Mahana« für einen Großgrundbesitzer als Schafscherer beschäftigt und lebt mit einer anderen Familie in Dauerfehde. Leidtragender der Rivalitäten ist nicht zuletzt der 14-Jährige Simeon, der von seinem starrköpfigen Großvater tyrannisiert wird. Da Simeon eine rebellische Ader in sich trägt, ist er der Erste in der vielköpfigen Familie, der es wagt, dem sturen Oberhaupt die Stirn zu bieten und sich seine Rechte zu erstreiten. Angesiedelt ist der Film in den frühen 1960er Jahren, was den Geschehnissen zusätzlich noch eine interessante nostalgische Komponente verleiht. Der Lebensalltag zwischen Schafschur, Holzhacken und dem Entfernen von Gestrüpp auf dem Weideland ist längst vergessen. Die Geschichte selbst hat jedoch nichts von ihrer Relevanz eingebüßt. Immerhin geht es um universelle Themen wie Zwistigkeiten zwischen rivalisierenden Clans, um Familiengeheimnisse und die Sorgen, sich den täglichen Lebensunterhalt zu sichern. Mit all dem kann man sich gut identifizieren, und die mitreißende und spannungsgeladene Inszenierung Lee Tamahoris (»Die letzte Kriegerin«), der mit »Mahana« zu seinen Wurzeln zurückkehrte, tut ein Übriges, um bei den dramatischen Ereignissen mitzufiebern. Ausführliche Kritik von Frank Brenner im aktuellen kreuzer.

»Mahana – Eine Maori-Saga«: ab 1.9., Passage Kinos

Bereit für eine kunstvolle Zeitreise? In die Siebziger, denen dieses außergewöhnliche Werk überdeutlich entstammt mit seiner offen zur Schau gestellten Sexualität und dem allgegenwärtigen Jazz-Pop von Masahiko Satoh. Gleichermaßen auch ins Jahr 1862, in dem der Roman »Die Hexe« des Historikers Jules Michelet erschien. Im Rahmen einer fiktiven Hexengeschichte formulierte er darin seine Kritik an der Unterdrückung der Frauen und der Bauernschaft. Aber auch noch weiter zurück, in die Zeit der Französischen Revolution und das Leben der Jeanne D’Arc im 15. Jahrhundert. Nicht umsonst heißt die Protagonistin von »Die Tragödie der Belladonna« Jeanne. Ihr Liebhaber Jean wird vom Despoten geknechtet. Jeanne wünscht sich Macht und erhält sie von einem Teufelchen in Phallusform. Bald wandelt sie sich zu einer gottgleichen Figur und versammelt das Volk unter sich. Doch der Fürst lässt den Verlust seiner Macht nicht auf sich sitzen.
In kunstvollen Aquarellen erzählt Eiichi Yamamoto ein poppiges Märchen für Erwachsene, explizit und drastisch, angelegt als Gegensatz zu den Animes für Kinder, die damals nahezu allein den Markt beherrschten. Das meist statische Kunstwerk erzeugt eine einzigartige Sogwirkung und übte seinen Einfluss auf das Genre, wie wir es heute kennen, maßgeblich aus.

»Die Tragödie der Belladonna«: ab 1.9., Schaubühne Lindenfels

Eine monströse Welle beherrscht die Leinwand und rollt bedrohlich auf den Kinosaal zu. Fabian erwacht aus seinem Albtraum, der ihn schon länger verfolgt. Der Arzt hat Dienst und bekommt eine junge Frau mit Kopfwunde eingeliefert. Hilflos muss er mit ansehen, wie sie ihm unter den Fingern wegstirbt. In Fabian löst der Tod der Frau, die seiner Ex-Freundin Doro gespenstisch ähnlich sieht, etwas aus. Er lässt seinen Job hinter sich und reist nach Lissabon, um Doro zu treffen. Er hofft, wieder mit ihr zusammen zu kommen. Doch Doro hat ein neues Leben begonnen und allmählich stellt sich heraus, dass Fabians krankhafte Eifersucht der Grund für ihre Trennung war. Als die beiden in einer Gasse sitzen und einander anschweigen, wird deutlich, dass da noch Liebe ist zwischen ihnen. Von irgendwo dringen die sehnsuchtsvollen Klänge des Fado in die Szene und die Zukunft erscheint hoffnungsvoll. Doch hier bricht sich die Welle und Jonas Rothlaender (»Familie haben«) konzentriert sein Drehbuch auf Fabians Persönlichkeitsstörung, die immer extremere Formen annimmt. Konsequent, unbequem und verstörend, auch in der expliziten Körperlichkeit, wenn Wahn und Wirklichkeit immer mehr miteinander verschmelzen.

»Fado«: ab 1.9., Schaubühne Lindenfels

Flimmerzeit August 2016

 

Weitere Filmtermine der Woche

Chasing Niagara
Profi-Kayaker Rafa Ortiz paddelt drei Jahre mit einer Gruppe von Leuten den Niagara von Mexiko bis nach Kanada entlang. Kameras begleiten sie dabei.
3., 6.9., 21 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Der zweite Blick – Social Club Buena Vista
Sein Name ist weltbekannt. Doch was war der Social Club Buena Vista tatsächlich? Im gleichnamigen Film suchten Compay Segundo und Wim Wenders den Club vergeblich. War der klangvolle Name nur eine Erfindung? Zwei deutsche Studenten begeben sich auf die Suche. Doch in Havannas Stadtteil Buenavista ernten sie nur ratlose Blicke.
kreuzer verlost 2×2 Freikarten. Email an film@kreuzer-leipzig.de (Betreff:»Cuba Libre«)
4.9., 19.30 Uhr, Sommerkino auf der Feinkost

Jahrgang 45
Jürgen Böttchers einziger Spielfilm wurde 1966 als »nihilistisch und skeptizistisch« gebrandmarkt und rasch verboten. Er verblüfft durch seine Modernität und seine vitale, oft improvisiert wirkende Handlung und erinnert stilistisch mitunter an Werke der frühen Nouvelle Vague oder des italienischen Neorealismus.
5.9., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

Nokan: Die Kunst des Ausklangs
Ein junger Cellist verliert seine Arbeit im Orchester und kehrt zurück in die Heimat im Norden Japans. Auf der Suche nach einem neuen Job entdeckt er die Anzeige eines Reiseunternehmens und kann sein Glück kaum fassen, als er die Stelle bekommt. Dann jedoch erfährt er, auf welche Art Reisen sich die Firma spezialisiert hat: Er soll die Leichen Verstorbener nach altem Ritual für die Bestattung vorbereiten. Eine berührende Reflexion über das Sterben als Teil des Lebens. – anschl. Gespräch mit Susan Graf (Trauerbegleiterin), Jan Franzkowiak (Bestatter)
6.9., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Oslo, 31. August
Ein Mittdreißiger kommt nach einem Drogenentzug in seine ehemalige Heimatstadt Oslo und versucht in einer so ereignisreichen wie tragischen Nacht, in die Normalität zurückzukehren. Erneut ein mehrfach preisgekröntes Drama von Joachim Trier nach dem Roman »Das Irrlicht« von Pierre Drieu La Rochelle, der 1963 bereits von Louis Malle interpretiert wurde. – 20 Jahre Drug Scouts – anschl. Filmgespräch mit Drug Scouts und einem Suchttherapeuten
6.9., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der naTo (OmU)

Beat Street
Lee, Kenny, Chollie und Ramon leben in der Bronx – in den achtziger Jahren. Gewalt ist Alltag und der desolate Zustand des Stadtviertels legt sich auf die Gemüter der Bewohner. Doch wenn es Nacht wird, bricht das Hiphop-Fieber aus. Großartiges Breakdance-Musical mit vielen atemberaubenden Tanzszenen; einer der Hiphop-Klassiker schlechthin.
7.9., 19 Uhr, Cineding (OmU)

Land and Freedom
1936, in der Anfangsphase des Spanischen Bürgerkrieges verlässt der arbeitslose David seine Heimatstadt Liverpool, um gegen Francos Falangisten zu kämpfen. Ein im dokumentarischen Stil inszeniertes, von überzeugenden Darstellern getragenes Plädoyer für Demokratie und Freiheit, das die Utopie von einer gerechteren Welt beschwört.
7.9., 22 Uhr, Cinémathèque in der naTo (OmU)

The Spanish Earth
Der schwere Kampf der spanischen Regierung gegen eine Rebellion ultra-rechter Kräfte angeführt von General Francisco Franco und unterstützt durch die Nazis. – Themenabend »80 Jahre Spanischer Bürgerkrieg« – Einführung und Gespräch mit Alexandre Froidevaux (Historiker)
7.9., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der naTo

Coconut Hero
Mike ist 16 und lebt mit seiner notorisch nörgelnden Mutter Cynthia in Faintville, einer in der Zeit stehengebliebenen Holzfällerstadt tief in den kanadischen Wäldern. Im Grunde ist sein einziger Traum, von der Welt zu verschwinden. Tragikomödie. – Filme vom Abschied
8.9., 19.30 Uhr, Passage Kinos

Multiple Schicksale
Die persönliche Schweizer Dokumentation untersucht die Schicksale verschiedener Menschen, die mit Multipler Sklerose leben. – Preview in Anwesenheit des Regisseurs Jann Kessler
8.9., 19 Uhr, Passage Kinos

Nick Cave – One More Time With Feeling
Der Film gibt einen Einblick in die Entstehung und Aufnahmen des neuen Albums des Musikers Nick Cave. Neben Filmauftritten der Bad Seeds zu den neuen Album-Tracks gibt es Interviews sowie Schilderungen und tiefsinnige Improvisationen von Nick Cave.
8.9., 21 Uhr, Cinestar

Wenn das Land zur Ware wird
Mexikos Ländereien wecken in zunehmendem Maß die Begehrlichkeiten von Politik und Wirtschaft. Das Gemeindeland, bislang gemeinschaftlich, selbst organisiert und für den eigenen Bedarf bewirtschaftet, wird zunehmend in eine Ware konvertiert. – im Anschluss Gespräch mit Luz Kerkeling, globaLE
8.9., 20 Uhr, Neues Schauspiel Leipzig

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.