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Irland oder Toskana

In der Herrschaftslandschaft an Saale und Unstrut wartet überall Burg oder Weinberg

Neuenburg, Foto: TPR Größeres Bild

Es war im Jahre 1740, als Christian Fürchtegott Gellert verträumt einen Hügel hinaufschaute und auf dem Fensterrahmen eines Weinberghauses dichtete: »Hügel an dem flachen Thale, wo die Unstrut mit der Saale sich vertraut zusammenschließt.«

Der besungene Hügel nennt sich Sonneck, das Werk trägt den Titel »Gedicht über den Naumburger Wein«. Dort, wo die Unstrut in die Saale fließt, befindet sich seit Menschengedenken eine kleine Fähre, die auch heute nur per Fluss- und Muskelkraft betrieben wird. Ebenfalls von langer Tradition ist der Weinbau in der Gegend. Was will man auch sonst machen mit den steilen Hängen aus Muschelkalk und Buntsandstein? Bereits vor gut tausend Jahren, nämlich 998, fand der Saale-Unstrut-Wein Erwähnung in einem Schriftstück Ottos III. Der war damals Kaiser, und man braucht auch heute nicht furchtbar viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Ottonen oder andere Herrschaftliche einst durch die nicht nur von Gellert so schwärmerisch bedichtete Landschaft ritten und es hier ganz hinreißend fanden, wie gemacht für einen Ausritt mit Picknick, eine kleine Wanderung oder dafür, sich hier eine Burg hinzusetzen.

Burgen und Schlösser gibt es folglich reichlich in diesem Landstrich, Klöster auch. Eines davon war in Schulpforte, gelegen zwischen Naumburg und Eckartsberga. Bevor es 1140 Kloster wurde, lebten die Zisterziensermönche in Schmölln. Da gefiel es ihnen nicht und sie fragten beim Bischof Udo, ob sie nicht umziehen könnten. Bis zur Reformation war das Kloster wahnsinnig reich geworden, unter anderem auch an Weinbergen, von denen es am Ende 58 besaß. Zum Teil hauten die Mönche die Bauern tüchtig übers Ohr, gaben ihnen für einen Weinberg ein Paar Filzschuhe oder ein paar Gegenstände für die Messe, die zwar als heilig gegolten haben mögen, von denen man sich aber nicht viel kaufen konnte. Mit der Reformation machte Moritz von Sachsen aus dem Kloster eine Landesschule und nun drückten sie hier alle die Schulbank, Klopstock zum Beispiel, Fichte oder Nietzsche, der nicht weit von hier in Röcken geboren und begraben ist. Richtung Bad Kösen die Saale aufwärts liegt die Rudelsburg. 1826 schrieb Franz Kugler, der sich eigentlich als Historiker einen Namen machte, auf der Rudelsburg sein Gedicht »An der Saale hellem Strande«, das bis heute zum volksliedhaften Repertoire eines jeden Chores der Gegend gehören dürfte. Man muss zu früheren Zeiten Papiermangel gehabt haben oder es war eine verbreitete Marotte, jedenfalls schrieb auch er das Gedicht nicht einfach auf, sondern mit Kreide auf eine Tischplatte. Die Rudelsburg war zu Kuglers Zeit bereits eine Ruine, was eventuell gewisse romantische Gefühle befördert hat. Die Bauleute, die sie im 11. Jahrhundert als uneinnehmbar konstruierten, sahen die Feuerwaffen nicht voraus und so wurde sie Mitte des 15. Jahrhunderts zerstört. Sie war dann dem Verfall anheimgegeben und diente lediglich als Steinbruch.

Anfang des 19. Jahrhunderts kam die Wiederentdeckung als schönste Saaleburg, eine Gastwirtschaft entstand und romantisch empfindende Wanderer aus ganz Deutschland trafen sich hier, nicht zuletzt Studenten aus Jena, Halle und Leipzig. Ende des Jahrhunderts und dann noch einmal hundert Jahre später wurden die Reste der Burg saniert, so dass heute wieder Restaurantbetrieb möglich ist. Es gilt, wie so oft in der Gegend: Montag geschlossen. Von oben guckt man ins Saaletal, auf die gegenüberliegenden Hänge und zur Burg Saaleck rüber, die als Gegenburg oberhalb des gleichnamigen Örtchens Anfang des 12. Jahrhunderts entstand. Von ihr stehen nur noch die zwei Türme. Auch sie verfiel jahrhundertelang vor sich hin, bis die Romantiker kamen, um den Blick zu genießen. Anfang des 20. Jahrhunderts baute der Schriftsteller Stein den Ostturm samt Aussichtsplattform aus, um dort zu wohnen. Seit 2003 kümmert sich der Saalecker Heimatverein um die Burg und seit 2008 ist Saalecker Ritterbier ein Souvenir.

Auf den kleinen Straßen von dort Richtung Norden nach Laucha erweist sich, dass die Gegend vielleicht nicht nur die Toskana des Nordens, sondern auch das Irland des Südens ist: liebliche, hügelige Landschaft mit viel Grün, stetig wechselndes Licht, hinter jeder Kurve wartet eine Überraschung, ein neues Naturschauspiel zum Beispiel oder ein kleines Dörfchen, das so schnell durchmessen ist, wie es auftauchte. Nur sind die Kirchlein protestantisch und nicht katholisch und in Irland wird kein Wein angebaut. Irgendwann hängt Schloss Neuenburg bei Freyburg bedrohlich auf dem Berg, »trutzig« sagt man wohl zu der Art und Weise, wie sie schon von Weitem warnt, ihr nicht zu nahe zu kommen. Der »Dicker Wilhelm« genannte Bergfried der 1060 gegründeten Burg ist kilometerweit aus allen möglichen Ecken der Region zu sehen. Baulich erzählt die Burg – imposanter Talblick inklusive – viel über die Herrschaftsansprüche der Ludowinger und die Wohnkultur im Wandel der Zeiten, zu der nicht zuletzt auch die Ausstattung mit den jeweils modernsten Toiletten gehört. Das alles könnte man nicht angucken, hätten nach der Wende nicht Bürger Schutt und Burg voneinander getrennt und für eine gründliche Sanierung gesorgt.

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