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Warme Klänge, blaues Licht

Dreißig Ständchen zum Vierzigsten: Die Leipziger Jazztage feiern Geburtstag

Für »Ten Pictures of Real Utopia« haben sich Daniel Erdmann (sax), Vincent Courtois (clo), Frank Möbus (g) und Samuel Rohrer (dr) live portraitieren lassen. (c) Susann Jehnichen Größeres Bild

Wenn die Jazztage einladen, kommen Musiker aus aller Welt. Zum vierzigsten Mal haben sich in Leipzig Jazzer aus aller Herren Ländern versammelt und der Stadt zehn Tage lang ihren Stempel aufgedrückt.

In Oper, Kirche, Kino, Kellerbar, Theater und Kongresshalle zelebrierte man unter der Überschrift »Schöne Künste« Jazz in Verbindung mit Tanz, Poesie, Malerei und Prosa auf sehr unterschiedliche Art: Schlagzeuger Antonio Sanchez wurde in der Oper von Tänzern des Leipziger Balletts umtanzt und das Quartett um Daniel Erdmann und Samuel Rohrer ließ sich während ihres Sets im UT Connewitz vom französischen Maler Jean Michel Hannecart live porträtieren.

Eines der spannendsten Projekte fand ebenfalls seinen Weg auf die Bühne des UT: Tord Gustavsen zählt zu den einflussreichsten Jazzpianisten Norwegens, Simin Tander ist eine afghanischstämmige Sängerin aus Köln. Seit sie sich auf den Jazztagen 2014 kennenlernten, haben sie viel zusammen gearbeitet und für die »Schönen Künste« alte norwegische Kirchenlieder in die Sprache Paschtu übersetzt und mit Sufi-Mantras verwoben. Das getragene Klavierspiel Gustavsens, der hypnotisierende Gesang Tanders, zusammen mit den minimalistischen Beats ihres Schlagzeugers Jarle Vespestad vor der wunderschönen Kulisse des UT, haben das Publikum regelrecht in Trance versetzt. Uralte islamische Gedichte, Triphop, Stimmakrobatik und am Ende Bachs »O Haupt voll Blut und Wunden« – mit ihrem Konzert haben die drei Ausnahmemusiker die musikalische und spirituelle Schnittmenge aus unzähligen alten und neuen kulturellen Traditionen gefunden.

Ähnlich meditativ und doch ganz anders klang das Konzert des amerikanischen Gitarristen Kurt Rosenwinkel, neben The Bad Plus vielleicht der größte Name des diesjährigen Festivals. Nach so vielen Jahrhunderten Musikgeschichte könnte man davon ausgehen, dass die möglichen Kombinationen aller Skalen und Klänge ausgereizt seien. Kurt Rosenwinkel ist sich da nicht so sicher: Er ist ein Abenteurer auf der Suche nach der letzten schönen Melodie, für die er Herz und Seele in sein Instrument legt. Ganz allein im blauen Licht, flankiert von zwei Lautsprechertürmen, entlockte er der Gitarre polyphon improvisierte Balladen mit so langen, durchdachten Spannungsbögen, als seien sie sorgsam auskomponiert und so filigran vorgetragen, dass sich das Publikum kaum zu atmen traute. Obwohl – so ganz stimmt das leider nicht: Warum verließen so viele zuvor begeisterte Zuhörer die Säle während der Konzerte? Schwache Blase oder letzte Tram? Eine unglaubliche Taktlosigkeit; da haben die Künstler mehr Respekt verdient. Der größte Teil des Publikums aber blieb, bis der letzte Ton verhallt war, bevor donnernder Applaus losbrach.

So lässt sich konstatieren: Die 40. Leipziger Jazztage waren eine famose zehntägige Geburtstagsparty, nach der es schwerfällt, in den Alltag zurückzukehren. Nun heißt es ausschlafen, ausnüchtern, Konfetti aus dem Smoking klopfen – und sich aufs nächste Jahr freuen.

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