Startseite / Konzertkritik / »Keine Show liefern«

»Keine Show liefern«

Experimental-Musiker Martin Kohlstedt über Piano-Pubertät und Rauszoom-Momente

Martin Kohlstedt. (c) J. Konrad Schmidt Größeres Bild

Der Musiker Martin Kohlstedt passt in kein Genre. Er spielt mit den Möglichkeiten des Pianos ebenso wie mit elektronischen Elementen. Was dabei herauskommt, sind ehrliche Melodien, die bewegen, aufwühlen, mitreißen. Seine Live-Performance schafft einen Zustand zwischen Gänsehaut, angespannter Aufmerksamkeit und merkwürdig angenehmer Apathie. Im Interview – entstanden im Rahmen seines Konzerts im Täubchenthal – spricht er über die Besonderheit dieser Intimität mit dem Publikum, die Bedeutung seiner Stücke und zukünftige Pläne.

kreuzer: Martin, was inspiriert Sie?

Martin Kohlstedt: Das ist natürlich eine harte Frage zu Beginn. Wenn man mal zurückdenkt an die Zeit, in der die ersten Stücke entstanden sind, also weit vor dem 20. Lebensjahr, dann hat mich immer dann etwas inspiriert, wenn eine drastische Veränderung damit einhergegangen ist – dann passieren seltsame Dinge im Kopf. Aber nicht unmittelbar zu dem Zeitpunkt, sondern eher darauf folgend. Sehnsüchte und Erfahrungen hängen dicht daran. Natur spielt auch eine große Rolle, Bewegung, Reisen – das, worüber man täglich nachdenkt, mit nach draußen nehmen und eine Draufsicht erzeugen. Meistens ist es eine Entgiftung. Irgendetwas hat sich eingeschlichen, man hat das ewig mitgeschleppt, kontinuierlich in Schleifen vor sich hergeschoben und irgendwann ausgesondert, wenn man es denn definieren konnte, was einen da bedroht hat. Neues inspiriert auch. Viel mehr Orte als Menschen. Und wie gesagt das Reisen, weil man da ein Rauszoom-Moment erzeugt und nicht umhinkommt, auf das draufzuschauen, was man da fabriziert hat. Das erzeugt eine schöne Grundspannung, die dann Neues aus sich herausholt, in alle Richtungen. Puh … schwierig.

kreuzer: Sie haben es gerade angesprochen, die beiden Alben »Tag« und »Nacht« waren schon lange vor Veröffentlichung in Ihrem Kopf?

Kohlstedt: Ich habe mit 12, 13 Jahren begonnen, einzelne Tasten zu drücken und irgendetwas zu spielen. Aber schon gleich mit dem allerersten Moment ist ein Motiv entstanden, das ich heute immer noch spiele. Das letzte Stück von Tag heißt »OMB«. Wir hatten eine Uhr im Zimmer, und da habe ich immer den Sekundentakt mitgespielt mit dem »A«, als ich noch nicht wusste, dass es das »A« ist. Das hat mich beruhigt. So hat das angefangen. Das Klavier war damals ein schöner Gesprächspartner, um die ersten Probleme in dem Alter auszubaden.

kreuzer: Und warum kam dann der Moment, an dem Sie sich entschieden, diese Dinge in Stücke zu packen und als Alben zu veröffentlichen?

Kohlstedt: Es hat nie den Grund dazu gegeben, die Stücke aufzunehmen, weil ich das einfach für mich immer gebraucht habe. Ich habe auch nicht gedacht, dass man das so konvertiert bekommt, dass jeder so teilhaben kann und das auch über längere Zeit interessant findet. Dass das, was man da reinpackt, wirklich verständlich ist. Das war neu. Und da ich ein ziemlich einschneidendes Lebensereignis hatte, brauchte ich Hilfe. Und wenn man dann nur an sich selbst rumbohrt und am Klavier rumsitzt, kann das sehr negativ enden. Und wenn Menschen dabei sind, die zuhören und das auch für sich reflektieren, dann wird einem wie bei einem Gespräch der Spiegel vorgehalten. Man muss es ausdrücken und kriegt es direkt, ehrlich und unmittelbar zurückgeworfen. Das Album war für mich eine Momentaufnahme. Ich habe die Stücke einfach so, wie sie in dem Moment waren, eingefangen. Ich musste zu dem Zeitpunkt einfach viele Momente meiner Jugend aufbereiten, brauchte die Geschichten und Erinnerungen. Daher habe ich sie für mich angeordnet und in die »Tag«-Metapher verpackt. Insgeheim wusste ich jedoch, dass die »Nacht« unmittelbar folgen würde. Das hat den Kreis geschlossen. Es hilft gerade ungemein, das beim Live-Konzert mit allen Zuhörern und Mitstreitern zu besprechen. Den Mut zu fassen, sich da komplett nackt zu machen und alles zu erzählen, was einem gerade kommt. Es ist schön zu sehen, dass der Respekt, der Fokus und die Ruhe gegeben sind, um dem Diskurs den richtigen Platz einzuräumen. Ich habe noch kein Konzert erlebt, wo es unangenehm wurde. Das Gespräch ist und bleibt der geeignetste Vergleich.

kreuzer: Apropos Gespräch: Sie entwickeln Ihre Stücke auf der Bühne in Interaktion mit dem Publikum weiter und spielen nie das Gleiche. Wie kann man sich diesen Dialog mit dem Publikum vorstellen?

Kohlstedt: Es gibt für jedes Gesprächsthema, ob Vortrag, Fachsimpelei oder eine einfache Unterhaltung einen gewissen Grundstock an Vokabeln. Diese Vokabeln oder auch ganze Wortgruppen behandle ich wie Bausteine, also Motive, Loops, Tonarten und Taktarten. Das lässt sich mit unzähligen Punkten verknüpfen. Man nähert sich den Dingen an. Dann merke ich zum Beispiel, dass ein gewisses Thema viel mehr Zeit als sonst braucht oder heute etwas schüchterner daherkommt. Oder dass heute ein Tag ist, an dem »VET«, ein sonst sehr selbstbewusster Racker, einfach mal hakt. Meine Stücke sind da wie Kinder, die noch viel Zeit brauchen, um eigenständig laufen zu können. Aber man ist ja noch jung und kann der Sache beruhigt diese Entwicklungszeit einräumen. Alles hat Einfluss darauf, wie bei einem normalen Gespräch auch. Es schwankt unter den Einflüssen. Es geht auch viel schief, aber das ist das Schöne. Der Moment, wo dieses Eingeständnis da ist und mein Gegenüber das nicht verurteilt, ich also live scheitern darf, ist das Potenzial für ein einprägsames, gemeinsames Erlebnis vorprogrammiert. Man muss aufpassen, dass man den Leuten keine Show liefert. Die Augenhöhe beider Parteien ist das Wichtigste.

kreuzer: Also unterscheidet sich eine Konzertsituation kaum davon, wenn Sie privat spielen?

Kohlstedt: Genau. Ich schätze mal, 70 Prozent sind reine Improvisation, ob Bühne oder Wohnzimmer, Familie oder Publikum. Die Herangehensweise bleibt gleich.

kreuzer: Bei Ihrer Live-Performance geben Sie sich fast schon ekstatisch hin. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Kohlstedt: Glücklicherweise merke ich das immer nur, wenn der direkte Gesprächskontakt zu den Anwesenden entsteht. Das ist dann manchmal schon eine gespielte Haltung, eine Rolle. Du stehst vor 400 Leuten, kannst und darfst vielleicht auch nicht ganz du selbst sein. Man ist viel geschützter. Es gibt vielleicht Urteile im Raum, die kann man nicht zu 100 Prozent aufnehmen, aber man sollte sie vielleicht auch nicht komplett an sich heranlassen, das würde einen überfordern. In diesen direkten Gesprächsparts sacke ich völlig demütig ein, das verstehe ich bis heute nicht genau. In dem Moment, wo ich mich zu den Instrumenten drehen darf, bin ich wieder in meiner Blase. Da ist es mir egal, welche Gesichtsspastiken ich habe, weil ich das brauche und für mich mache. Ich habe die Haltung entwickelt, dass die Menschen daran teilhaben dürfen und nicht, dass ich den Leuten einseitig etwas bieten muss. Dabei kommt einiges heraus. Man versucht, das Konzept Show zu umgehen.

kreuzer: Woher kommen die Titel für die Alben und die Songtitel, die aus kryptischen Buchstaben bestehen?

Kohlstedt: Das habe ich noch nie gelüftet. Das sind Verknüpfungen, einerseits unter den Stücken, andererseits mit Speicherpunkten im Leben. Ich habe gemerkt, dass es niemandem etwas nützt, wenn ich ein Stück »White Lemon Tree« nenne. Das macht ein Bild auf, was es sinnlos im Kopf platziert, wahrscheinlich sogar kleiner machen würde, als den Ursprungsgedanken ohne den Titel. Ich wollte das frei lassen, und das war der einzige Weg dazu, keinen möglichen Interpretationsspielraum vorwegzunehmen. Und zu den Alben: »Tag« ist ein Schauspiel, die Lösungssuche – etwas Unendliches, weit nach außen. Die »Nacht« legt das Ganze dann frei. Kurz bevor du einschläfst, kannst du dich nicht mehr davor drücken, sondern musst dir womöglich Dinge eingestehen, um weiterzukommen. Das macht eigentlich jeder Mensch. Tagsüber versucht man, sich in etwas Konstruiertes einzubetten und übersieht dadurch auch gern mal was, das Gehirn baut sich Rettungspfeiler. Um dagegen anzukämpfen und Realität reinzubringen, musste die »Nacht« her. Das ist ein sehr persönliches Ding. Die Metaphern zeigen die grundsätzliche Spannung auf. Dieses Thema braucht aber mindestens eine Flasche Rotwein, um es wirklich zu erklären.

kreuzer: Wie würden Sie Ihre Musik selbst beschreiben?

Kohlstedt: Roh und direkt. Unterbewusst. Sie begleitet sehr stark einen nicht-aktiven Prozess. Es ist Energiemusik. Aber du musst selbst etwas mitbringen, um dieser Musik den fehlenden Teil hinzuzufügen. Und wenn es nur ein Gedanke ist. Menschen, die diesen Teil nicht mitbringen, für die ist das normale Mellow-Gedudel-Fahrstuhlmusik. Ich habe kein Genre. Es ist klar, deutlich, nicht mehr verwaschen, minimal und doch noch viel zu viel an manchen Stellen. Du sollst nicht mehr ausweichen und musst irgendwann bei dir selbst landen. Und das passiert tatsächlich, wenn man sich traut. Ich bin nur noch der Katalysator zwischen den eigenen Gedanken des Publikums und der Musik und nicht mehr das Element, was einseitig etwas liefert. Ich zeige quasi nur noch, wie es geht.

kreuzer: Wie geht es bei Ihnen weiter?

Kohlstedt: Ich arbeite mit jedem Auftritt an neuen Gedanken für das nächste Album. Live stellt man die Stücke noch mal komplett in einen Kontext, mit dem Klavier begebe ich mich meistens in die Vergangenheit. Dem muss ich etwas entgegenstellen, damit ich das live herausfordere. Und das ist die Elektronik, die mir ermöglicht, frei herauszuschreien und was ganz Absurdes darüberzulegen, die Dinge zu verändern und zwischen Raum und Zeit hin und her zu wandeln. Ich werde also weiter Konzerte spielen und im Jahr 2017 neue Musik präsentieren. Ich sage mal Album, auch wenn das ein sehr schwieriger Begriff ist bei dieser Art von Musik, die fortwährend entsteht. Sagen wir, es wird wieder einen Speicherpunkt geben. Ich weiß nicht, ob ich das auf Tracks festhalten kann, aber es ist auf jeden Fall viel Neues entstanden, was ich jetzt von den alten Motiven abspalte, einsammle und auf einem neuen Album herausbringe.

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.