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Vermintes Gelände

Die Diskussionsverweigerung zur Causa Conne Island hilft nicht weiter

Foto: Henry W. Laurisch Größeres Bild

»Ein Schritt vor, zwei zurück«: Unter dem Titel veröffentlichte das Conne Island einen aufsehenerregenden Beitrag. So richtig der im Ansatz auch ist, er enthält problematische Formulierungen und besorgte Beifall von der falschen Seite. Das ist gut zwei Wochen her. Warum der kreuzer jetzt erst einen Text dazu verfasst? Weil wir nicht über das Island schreiben wollten, sondern mit den Verfassern sprechen und andere Meinungen darüber einholen. Nachdem soeben das Antidiskriminierungsbüro Sachsen – mit »Bedauern« – seine vor einer Woche zugesagten Statements doch nicht freigab, muss man spätestens jetzt eine mögliche Diskussion als gescheitert betrachten. Die Teilnahme an einer entsprechenden kreuzer-Podiumsdiskussion lehnte das Island-Plenum ab – wie andere Angefragte übrigens auch. Hier scheint man auf derart vermintem Gelände unterwegs, dass sich nach zahlreichen Hintergrundgesprächen niemand zitieren lassen will oder Zusagen zurückzog. Das Island zeigte sich immerhin für einen Artikel gesprächsbereit.

Was war geschehen? In seinem Schreiben beklagte das Island ein Problem mit migrantischen Männergruppen, die durch sexistische Anmachen, Antanzen und Gewalttätigkeit in unbekanntem Ausmaß auffielen. »Gemeinsam zu feiern und im Zuge dessen wie von selbst eine Integration junger Geflüchteter im Conne Island zu erreichen, stellte sich als recht naiver Plan heraus.« Besonders dieser Satz brachte dem Island in der innerlinken Kommentarkaskade den Rassismusvorwurf ein: »Die stark autoritär und patriarchal geprägte Sozialisation in einigen Herkunftsländern Geflüchteter und die Freizügigkeit der westlichen (Feier-)Kultur bilden auch bei uns mitunter eine explosive Mischung.« Die Gegenüberstellung zweier konträrer Kulturen deutet einen Kulturalismus an, den das Island selbst an anderer Stelle ablehnt. So hätten Partygäste sexistische Übergriffe entschuldigt mit: »Woher soll er wissen, dass man hier mit Frauen so nicht umgeht?«

Ärgerlich, aber erwartbar war der Sturm von rechts. Alle einschlägigen Medien lachten die »naiven Gutmenschen« aus, die endlich der Wahrheit gesichtig würden. Taz & Co. berichteten zwischen oberlehrerhaft und hämisch – mit dem Island sprach fast niemand. Zuletzt sezierte kreuzer-Autor Robert Feustel in seinem Blog das Island-Statement in scharfer Sprache (Offenlegung: Der Autor dieses Textes ist Mitbetreiber des Blogs). Theorie vs. Praxis: Allein Lösungen haben sie alle nicht anzubieten, außer: Das Island hätte den Mund halten sollen.

Eben das wollte man nicht, erklärt Island-Geschäftsführerin Tanja Russack. »Dass es das Problem gibt, bezweifelt niemand. Dann muss man eben auch darüber sprechen und es angehen.« Das Zentrum gehe seit Jahren verstärkt gegen Sexismus und Homophobie vor, die auch aus der eigenen Szenen und der Crew heraus passieren, wie man im 2014 erschienenen Text »Sexismus, nein Danke!« nachlesen kann. Damals gab es komischerweise keinen Aufschrei, als das Szenemackertum unter Beschuss geriet. Man müsse das neue Statement in diesem Rahmen sehen, so Geschäftsführerin Russack. Neben den vielen guten Erfahrungen, die sie zum Beispiel mit geflüchteten Minderjährigen in diversen Projekten gemacht haben – das Island sei bei weitem nicht nur der Partyort, wie Kritiker jetzt unterstellen –, seien Geflüchtete auch negativ aufgefallen, eben auf Partys. Die personell aufgestockte Security könne nicht überall sein, so Russack. Auch Verständigungsprobleme und die zeitlich intensive Auseinandersetzung, wenn man jemandem eine halbe Stunde erklären soll, warum ein Übergriff nicht cool ist und er jetzt dafür rausfliegt, führten zu Belastungen. »Wir sind ja keine Sozialarbeiter. Wir sind auf die Hilfe und Solidarität aller Gäste angewiesen, zu handeln und sich Übergriffe nicht gefallen zu lassen, sie zu melden.« Dafür sollte das Statement sensibilisieren. »Der Text war für die Szene, unsere Gäste, gedacht und gerade für die Frauen, die ja die Betroffenen sind. Daher hat er Leerstellen, weil eine andere Zielgruppe als die breite Öffentlichkeit angesprochen werden sollte.« Dass es nicht klug war, den Beitrag auch noch via Facebook zu verbreiten, hat das Island eingesehen. Die Kritik am Text weist Russack von sich, auch wenn sie Unsensibilität zugibt: »Hier werden keine konkreten Menschengruppen ins Visier genommen, weder im Island bei der Einlasspolitik, noch steht das im Text. Man liest halt auch, was man lesen will. Aber ja, wir müssen auch selbstkritisch sein, hätten damit sensibler umgehen können. Eine gewisse Naivität ist wohl dabei gewesen.«

Eine »Tür-zu-Politik« betreibe das Island keinesfalls, sagt Russack. Vielmehr setzt der Club noch mehr auf Prävention und Aufklärung. Die 50-Cent-Eintritt-Regelung für Geflüchtete bleibe, aber sie müssten sich vorher anmelden. Mit Flyern sollen alle – Russack betont das – Gäste in der Schlange angesprochen und auf die Hauspolitik hingewiesen werden. So wird ihnen erklärt, an wen sie sich wenden können, wenn ihnen etwas Sexistisches, Homophobes etc. widerfährt oder sie solches bemerken. »Das ist ein Prozess. Es geht nicht von heute auf morgen, den Menschen unsere Standards im Haus beizubringen. Und das gilt für alle Gäste, die das Island noch nicht kennen.« Russack nennt die Resonanz gerade aus anderen linken Clubs »sehr positiv«. Hier arbeite man an einer Vernetzung. Das hört man auch aus anderen Clubs – die, wie gesagt, nicht zitiert werden wollen.

Und damit sind wir beim Kern. Das Island folgte einem richtigen Impuls, wenn auch in fürchterlicher sprachlicher Umsetzung. Schweigen hilft nicht, das Ausspielen von Antirassismus gegen Antisexismus erst recht nicht. Das weiß man auch im Conne Island: Das Problem so explizit anzusprechen, falle nicht leicht, die »Situation ist jedoch derart angespannt und belastend …, dass ein verbales Umschiffen des Sachverhalts nicht mehr zweckdienlich scheint. Wir halten eine Thematisierung der Problematik innerhalb der Linken für längst überfällig und wollen dem Rechtspopulismus nicht die Deutungshoheit in dieser Debatte überlassen.« Sich gar nicht zu äußern, weil die gesellschaftlichen Diskurse ohnehin schon genug rassistisch durchtränkt sind, ist kein kluger Rat. Das spielt nur jenen in die Hände, die linkes Verschweigen und das Ignorieren von Realitäten unterstellen.

Und ja: Es ist schwierig, »offensiv solidarisch mit Geflüchteten zu sein, rechten Stimmungen entgegenzuwirken und gleichzeitig anzuerkennen, dass mit dem Tragen eines ›Refugees Welcome‹-Beutels eben nicht automatisch alle Probleme und Konflikte gelöst sind.«

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