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Ist Kritik an RB antisemitisch?

Beim Diskussionsabend der RB Fans ging es um Ideologie und Kapitalismus

Aufkleber, die die Gegend um das Stadion letzte Saison zierten, Foto: BS Größeres Bild

Am Mittwochabend sprach Bayern München-Fan und Publizist Alex Feuerherdt zu »RB Leipzig – der Untergang des Fußballs? Über das Kicken im Kapitalismus und die Sehnsucht nach einem fragwürdigen Idyll«. Neben dem Begriff des Kapitalismus, der an keiner Stelle in seiner historischen Entwicklung differenziert wurde, schimpfte der Vortragende mit deutlich lauter Stimme immer wieder über die »ideologische Sauerei«, die RB-Kritiker von sich geben und damit seiner Meinung nach antisemitisches Gedankengut verbreiten würden.

Im gut gefüllten kleinen Saal des Felsenkellers fand sich ein generationsübergreifendes Publikum ein, um den vom RB-Fanclub Bulls United organisierten Vortrag des Kölner Publizisten Axel Feuerherdt über zwei Stunden zu verfolgen und zu diskutieren. Der Rotebrauseblogger Matthias Kießling stellte nicht nur den Referenten vor, sondern verwies auf das RB-Auswärtsspiel gegen den SV Darmstadt 98 am Samstag. Wer auf die Homepage der Lilien schaut, dem fällt auf, dass sich hier sowohl in der Tabelle als auch in der Spieltagsansetzung das Logo des Leipziger Erstligisten nicht finden lässt. Stattdessen steht unter einem abgebildeten Fußball einfach Leipzig. Und damit wären wir auch schon bei den Fatalismen, die ein Geschöpf wie das hiesige in der Fußballlandschaft verursacht. Der Logoverzicht soll dessen Nähe zum Getränkehersteller kritisieren und führt letztlich dazu, dass Leipzig als einzige Dose erscheint. Die von RB propagierte Botschaft »Wir sind Eins« wird so – wie von einigen Vereinen bereits in der Vergangenheit – praktiziert.

»Ich werde nicht von RB bezahlt«, begann Feuerherdt und führte in die sechziger Jahre, in denen Unternehmen versuchten, das Fußballstadion jenseits der Bandenwerbung zu erobern. Das Trikot und das Logo schienen für Sponsoren interessante Orte, was der DFB aber zuerst einmal untersagte. Die westdeutsche Presse entwarf damals Horrorszenarien über die Auswirkungen auf das Fußballspiel selbst. In der weiteren Geschichte des Fußball zeigte Feuerherdt den Fußball als Spiegelbild von bürgerlichen Werte ebenso wie vom kapitalistischen Wirtschaftssystem bis hin zum Privatfernsehen und dessen Sportsendungen zur Verbürgerlichung des Publikums in den Stadien. So dass man RB als folgerichtige Entwicklung des modernen Fußballs sehen kann – bar jeglicher Romantisierung des Massensports.

»Sächsischer Kunstverein«

Vor allem 11 Freunde stehen mit dem im März 2014 erschienenen Heft unter dem Motto »Der große Red Bull Bluff. Wie der Leipziger Retortenklub die Liga an der Nase herumführt« nach Feuerherdt in der Kritik eines strukturellen Antisemitismus. Indem das Magazin RB als das von der Norm Abweichende oder als Dämon beschreiben, bedient es laut Feuerherdt traditionelle Stereotypen, die vormals zur Stigmatisierung von Juden führten. So stellt er in seiner Argumentation Gleichnisse, die von RB-Gegnern benutzt werden für die Etablierung des neuen Vereins – wie »am Reißbrett entwickelt« –, in die lange Geschichte von Ausgrenzungen des Anderen. Gleichzeitig vernachlässigt er in dieser Argumentationskette, wie sich der Verein selbst über andere Sportklubs erhebt.

Als weitere Beispiele dienen ihm Banner aus vergangenen Spielzeiten, die die Hassprosa und Vernichtungsfantasien, die RB bei einigen Auswärtsspielen entgegenschlugen, verdeutlichen. Dass der Aufruf zu Gewalt kein legitimes Mittel der Auseinandersetzung darstellt, ist klar. Allerdings muss die Debatte auch die Schritte zur Kritik auf beiden Seiten beobachten.

Kritik an RB, zum Beispiel die Initiative »Nein zu RB«, verkläre seiner Meinung nach allerdings die Entwicklung des Fußballs. Sie weide sich an vergangenen Epochen »der nackten Gewalt und fettigen Bratwurst« im Stadion voller homophober Gesänge der männerbündischen Zuschauer.

»Das große, vorbildliche Zugpferd mit einer neuen Fußballkultur«

Feuerherdts Argumentation, um keine Sehnsucht nach einem Fußball vergangener Zeiten aufkommen zu lassen, kann oberflächlich geurteilt leicht zum Steigbügelhalter der von RB selbst zitierten neuen, modernen Fußballkultur missverstanden werden. Ein grundlegendes Problem seiner Darstellung bestand vor allem darin, dass er den Vergleich zur Fankultur vergangener Zeiten scheute.

Die nimmermüde Erklärung, die auch Feuerherdt verfolgt, dass RB erst friedliche Spieltage für die ganze Familie ermöglicht, zeichnet ein Zerrbild vom gegenwärtigen Fußball. Denn hier wird suggeriert, dass in anderen Stadien bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. Fragen aus dem Publikum nach den vielen real existierenden Unterschieden von RB zu anderen Bundesligisten zeigten, dass sich der Vortragende nicht mit der konkreten Situation vor Ort auskennt. Oder er entgegnete einfach: »Ist bei den anderen Vereinen doch auch nicht anders.« So ging er über die Mitgliederzahl von 17 ebenso hinweg wie über das ausschließliche Leistungsprinzip oder die unsichtbaren Bilanzzahlen von RB.

So blieben am Ende des Abends zu viele Fragen übrig – dem sogenannten Untergang einen gleißenden Konsumismus entgegenzustellen gleicht einer zu banalen Rechnung. Ebenso das von Feuerherdt vorgeschlagene Abfeiern von Spielern anstatt von Mannschaften.

Zudem stellte sich raus, dass Ideologiekritik keinen wirksamen Zugriff auf RB abliefert. Sie kann im Höchstfall ein Detail von vielen darstellen, das zudem an der Realität des Erstligisten reichlich vorbei schwirrt. Wer RB als Vorreiter des familienfreundlichen Fußballgeschehens propagiert, ist dabei möglicherweise den Marketingstrategien eines weltweit agierenden Unternehmens auf den Leim gegangen trotz 1a-Plenumsrhetorik. Denn eine Kritik mit der schweren Überschrift »RB Leipzig – der Untergang des Fußballs? Über das Kicken im Kapitalismus und die Sehnsucht nach einem fragwürdigen Idyll« anzukündigen und dann weder die Selbstbeschreibungen von RB noch die Erfahrungen mit RB in die Beobachtungen einfließen zu lassen, verkürzen die Perspektive nicht unerheblich.

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