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Tanz und Jubel

Eindrücke vom Bogotá-Gastspiel des Leipziger Balletts

Leipziger Ballett, „Rachmaninow“, Teatro Mayor Bogotá, Foto: Juan Diego Castillo Ramírez Größeres Bild

Ausverkauft, an allen drei Abenden: Im Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo mit seinen 1.300 Plätzen blieb kein Sitz leer, als das Leipziger Ballett auftrat.

Das Gastspiel des Leipziger Balletts in der kolumbianischen Hauptstadt wurde, so die Tageszeitung El Nuevo Siglo, mit »Hochspannung« erwartet, und gehörte dann, wie die Zeitung auf der Titelseite ihrer Wochenendausgabe schreibt, zu einem der Top-Ereignisse im überaus reichen und besonders dem Tanz verbundenen Kulturangebot von Bogotá. Selbst Skeptiker, so die Zeitung, waren am Ende »entflammt«.

Dabei waren die Leipziger noch bei vielen Tanzfans hier in guter Erinnerung, denn schon vor fünf Jahren waren sie im damals gerade eröffneten Teatro Mayor mit der Choreografie »Die Große Messe« von Uwe Scholz zu Gast. Jetzt gastierten sie, vom 20. bis zum 22. Oktober, mit »Rachmaninow«, einem zweiteiligen Abend mit Choreografien von Uwe Scholz und Mario Schröder zu den Klavierkonzerten Nr. 3 und Nr. 2.

Es spielte das Orquestra Filharmónica de Bogotá unter der Leitung von Karen Durgaryan, der auch die Premiere dieses Abends und weitere Aufführungen in Leipzig dirigiert hatte und im Dezember bei der ersten Premiere beim Bayerischen Staatsballett, »Spartacus«, unter der neuen Leitung von Igor Zelensky am Pult des Bayerischen Staatsorchesters stehen wird. Solist war der russische Pianist Sergei Sichkov, der in Bogotá lebt und arbeitet.

Das Leipziger Gastspiel fand im Rahmen der »Temporada Alemania« statt, einer Veranstaltungsreihe mit verschiedenen Formaten zur Kultur aus Deutschland, mit der das Goethe-Institut in Bogota auf das 60-jährige Bestehen im nächsten Jahr in Kolumbien hineinfeiert.

Höhepunkt ist der Monat Oktober mit hochkarätigen Gastspielen. In diesem »Monat der Kultur aus Deutschland« waren unter anderem die Hamburger Staatsoper mit Konzerten und zwei Aufführungen von Richard Wagners »Tristan und Isolde«, in der Regie von Ruth Berghaus, unter der musikalischen Leitung von Kent Nagano, zu Gast. Das freie Theater aus Deutschland war mit Aufführungen und Workshops für Kinder und Jugendliche durch das Theater Handgemenge vertreten. Eine große Ausstellung präsentiert Installationen und Moderne Kunst aus Deutschland.

Eine Ausstellung der Leipziger Tanzfotografin Ida Zenna ist im Teatro Mayor, einem großzügig gestalteten Kulturzentrum mit Bibliotheken, großem Lesesaal, einer Buchhandlung für Kinder, Studios und Seminarräumen, ebenfalls in diesem Oktober erstmals zu sehen.

Die zwei Fotoserien »LEIPZ-ICH« und »33SECONDS« zeigen zum einen Leipziger Tänzer in ihren Rollen, die von der Fotokünstlerin auf bemerkenswerte Weise in prägnante Leipziger Bauwerke und Orte projiziert wurden und so durch die festgehaltene Dynamik des Tanzes bewegte Stadtlandschaften zeigen.

Für die andere Serie hat sie mit einem Höchstmaß an Sensibilität Tänzerinnen und Tänzer wenige Sekunden nach ihren Auftritten porträtiert und so eine ausdrucksstarke Hommage an den Tanz geschaffen. Bleibt zu hoffen, dass diese Fotografien bald in Leipzig zu sehen sein werden.

Das Leipziger Ballett, als Vertreter des Tanzes aus Deutschland in dieser »Temporada Alemania«, wurde bewusst mit der Produktion »Rachmaninow« eingeladen. Die Veranstalter wollten dem Publikum in Bogotá die künstlerische Korrespondenz zwischen einer exemplarischen, neoklassischen Kreation von Uwe Scholz und einer daraus entwickelten und weiter geführten, zeitgenössischen Tanzkunst in der Choreografie von Leipzigs Ballettdirektor und Chefchoreografen Mario Schröder vorstellen, was mit dieser Produktion wie selten gelungen ist.

So lobte die Tageszeitung »El Tempio« auch »Die poetische Kraft des Tanzes und die Schönheit der russischen Musik« dieser Aufführung.

Im Hinblick auf den Tanz geht es dem Autor besonders um die überzeugende Verbindung von klassischen Traditionen und tänzerischen Grundlagen mit zeitgenössischem Tanz. Für Schröder, so der Autor, ist es wichtig dass die 40 Tänzerinnen und Tänzer des Leipziger Balletts eine klassische Ausbildung erfahren haben, um dann insbesondere bei der Verbindung mit den Stilen und Anforderungen des zeitgenössischen Tanzes die Übergänge spannend zu gestalten und jeweils die Besonderheiten ihrer kulturellen und persönlichen Prägungen der Herkünfte aus 23 Nationen einzubringen. »Ich habe sie dafür sensibilisiert mit anhaltender Intensität aufeinander zu sehen, tänzerisch zu kommunizieren, in engster Zusammenarbeit auf das, was jeder und jede in den Prozess einer künstlerischen Arbeit einbringt zu achten und im Dialog die individuelle Präsenz unverwechselbar werden zu lassen«, zitiert El Tempio den Leipziger Ballettchef.

Die Verbindung von Klassik und Moderne, seit seiner Ausbildung an der Dresdner Palucca Schule, war ein bestimmendes Thema einer Gesprächsrunde mit Mario Schröder, die besonders bei Studenten verschiedener privater Ballettschulen aus Bogotá – staatliche Schulen gibt es hier nicht – mit großem Interesse verfolgt wurde.

Der Theorie folgte am nächsten Tag die Praxis, denn nach dem Angebot eines klassischen Trainings mit dem Leipziger Ballettmeister Roman Slomski gaben die aus Bogotá stammende Tänzerin des Leipziger Balletts Urania Lobo García und Mario Schröder eine Einführung in Tanztechniken der Moderne auf der Grundlage klassischer Voraussetzungen in einem gut besuchten Workshop.

Für Urania Lobo García war dieses Gastspiel ein »Heimspiel«. Ihr Fazit: »In meiner Heimat zu tanzen war eine unglaubliche, tolle Erfahrung. Es waren bewegende Momente und inspirierende Erfahrungen für mich mit den Studenten aus Kolumbien im Workshop zu arbeiten. Ich reise zurück und die Erinnerungen bestärken mich: Ich bin glücklich mit dem Leipziger Ballett zu tanzen.«

Mario Schröder kommt es rückblickend zunächst darauf an, dass dieser Erfolg sich vor allem der Zusammenarbeit aller Beteiligten verdanke. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten gemeinsam mit den Kollegen aus Bogotá angesichts der Herausforderungen völlig anderer Bedingungen des Theaters hier im Vergleich zu Leipzig Großes geleistet. »Da gab es keine Zuarbeit, das war Mitarbeit«, sagt er, »die anhaltende Neugier, die Zuneigung und die sensible Begleitung machten es möglich, dass an jedem Abend dieses Zusammenspiel von Tanz und Musik, von Optik und Inspiration das Publikum erreichen konnte. Ich habe die beglückende Erfahrung gemacht, wir sind eine Company, die sich bewährt, uns vereint die Arbeit.«

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