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Viel geredet, wenig gesagt

Literarischer Herbst: Friedenspreisträgerin Carolin Emcke spricht über Hass und Vielfalt

Carolin Emcke beim Leipziger Literarischen Herbst v.l.: Burghart Klaußner, Emcke, Stephan Detjen Größeres Bild

Die mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016 ausgezeichnete Publizistin Carolin Emcke wurde am Donnerstagabend vom Deutschlandradio-Chefkorrespondenten Stephan Detjen zum Preis und ihrem neuen Buch »Gegen den Hass« befragt. Statt einer gehaltvollen Auseinandersetzung, auch über die Inhalte des Essays – eine Analyse über Mechanismen der Ausgrenzung und gegenwärtige Raster des Hasses –, bot sich dem Publikum ein Gespräch ohne genaue Richtung.

Leise, fast unauffällig, kam sie herein. Der Applaus brandete auf, als vorn noch gar nicht alle offiziellen Hände fertig geschüttelt waren. Sie dankte es dem mehrheitlich älteren Publikum mit einem schlichten, doch entschlossenen Lächeln. Im Rahmen des Festivals Leipziger Literarischer Herbst fand im Alten Rathaus eine Lesung mit Carolin Emcke statt, die kürzlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat. Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung wird jährlich zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse verliehen. Erst im Oktober ist Emckes neues Buch »Gegen den Hass« erschienen.

In ihrem Essay setzt sich die Journalistin mit dem gegenwärtigen Klima der Gewalt und des Fanatismus, das in Europa grassiert, auseinander. Die propagierte Lehre des Homogenen durch nationalistische Dogmatiker, so beschreibt es Emcke, bedrohe eine analytische Einfühlung in die Vielfalt und die Freiheit des Individuellen. Das Buch ist ein Plädoyer dafür, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit »sprechend und handelnd« zu begegnen.

Moderator Stephan Detjen kam zu Beginn auf das kritische Medienecho nach Emckes Dankesrede in der Paulskirche zu sprechen. In dieser hatte sie vor allem einen differenzierten Blick auf das Wort Zugehörigkeit geworfen und sich gegen die Zuschreibung von Individuen unter Kollektive ausgesprochen. Ob sie von der Kritik überrascht gewesen sei? »Ich habe einfach gar nichts davon gelesen.« Lob wie auch große Angriffe halte sie für riskant. »Beides birgt das Risiko, dass man es glaubt.« Sie hätte ihre Rede gern in einem inklusiven Gestus verstanden gewusst, als in einem, der spaltet. Detjen erwähnte auch die spätere Frage des Bundespräsidenten Joachim Gauck an die Preisträgerin, was das von ihr Gesagte für die Menschen bedeutet, die am Begriff der Nation hängen. »Es schickt sich einfach nicht, nachträglich darauf zu antworten. Man muss das in der Situation machen«, entgegnete Emcke. Gestern sagte die Publizistin dazu, dass sie bestimmte Fragen nach dem Verhältnis zwischen der Größe einer demokratischen Ordnung und der Möglichkeit der Mitbestimmung heutzutage für berechtigt hält: »Demokratie ist im ideengeschichtlichen Kern Selbstbestimmung.« In globalisierten Zeiten seien sehr viel mehr Menschen von ökonomischen oder ökologischen Entscheidungen betroffen, statt an diesen mit beteiligt zu sein. Das halte sie für ein Problem.

Mit gekonnter Erzählstimme las der Schauspieler Burghart Klaußner Auszüge aus dem Buch der ehemaligen Spiegel-Kriegsreporterin vor. Emcke spricht darin von Begegnungen mit dem Hass, die sie anhand von Videomaterial untersucht hat – eine davon ist auch der fremdenfeindliche Vorfall im sächsischen Clausnitz, als sich grölende Demonstranten einem Bus mit Geflüchteten in den Weg stellten. Das Interesse der Journalistin galt der Frage, was Hass brauche, damit er sich entladen kann. »Was sehen die brüllenden Menschen eigentlich genau?« Die Zuschreibung gruppenbezogener Merkmale auf die Geflüchteten werde hier sichtbar.

Man merkte, dass Emcke ihr Anliegen, aktiv für einen demokratischen Humanismus einzustehen, am Herzen liegt. Doch sie kann nicht ganz überzeugen. Das mag auch an den Fragen von Stephan Detjen gelegen haben, die teilweise irritierend wirkten und auf die Emcke ironisch reagierte. Eine fruchtbare Diskussion kam auf diese Weise, auch aufgrund der fehlenden Einbeziehung des Publikums, nicht zustande.

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