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Widerstand willkommen

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

Das Versprechen Größeres Bild

Es ist wieder soweit: das DOK Leipzig steht an. »Ungehorsam« steht auf dem Programm des diesjährigen Leipziger Dokumentar- und Animationsfilmfestivals. Das Motto zieht sich durch alle Rubriken. Sonderprogramme setzen sich mit den Strategien auseinander, die Filmemacher in einem restriktiven Umfeld entwickeln und der Animationsfilm läuft Amok. Wer die Übersicht behalten will, schaut auf den DOKblog (http://kreuzer-leipzig.de/dokblog), wo der kreuzer euch auch in diesem Jahr verrät, was lohnt.

31.10.–6.11., Passage Kinos, CineStar, Schaubühne Lindenfels, Cinémathèque in der naTo u.v.m.

www.dok-leipzig.de
Film der Woche: Am 30. März 1985 werden Derek und Nancy Haysom in ihrem Haus in Lynchburg, Virginia, brutal ermordet. Als Verdächtige gelten bald ihre Tochter Elizabeth und deren Freund Jens Söring. Erst ein Jahr später werden sie in London gefasst, nach einer abenteuerlichen Flucht durch Asien und Europa. Der Prozess um die schöne Elizabeth und den nerdigen Jens aus Deutschland wurde schnell zur großen Sensation. Es war nicht nur der grausame Mord, alles wirkte wie aus einem Hollywoodskript entsprungen. Beide Angeklagten gestanden zeitversetzt den Mord und widerriefen später ihre Geständnisse. Die damals Verliebten hatten sich zuvor Versprechen gemacht, das war klar, und hatten sie später gebrochen. Aber eine Frage bleibt. Wer hatte den Mord begangen?
1990 verurteilte das Gericht Jens zu zwei Mal lebenslänglich, und Elizabeth zu 90 Jahren wegen Anstiftung zum Mord. Dennoch beteuert Jens Söring bis heute seine Unschuld. Der investigative Dokumentarfilm von Marcus Vetter und Karin Steinberger legt den Schwerpunkt nicht auf die brisanten Umstände des Verbrechens, die zur Genüge vorhanden wären: Beide Täter sind hochbegabt, es gab Indizien von sexuellem Missbrauch in Elizabeths Familie, die Liebenden schrieben sich endlose, erotikschwangere Briefe. Das Regie-Duo interessiert vielmehr die abstrus wirkenden Umstände von Jens’ Verurteilung. Der Film beleuchtet verschiedene Ungereimtheiten des Prozesses und den Kampf derjenigen, die sich weiterhin dafür einsetzen, dass der Fall neu aufgerollt oder Jens nach Deutschland überstellt wird. Neben Jens Söring kommen ehemalige und aktuelle Inspektoren, Anwälte, Richter, Gefängnisseelsorger und auch Zeugen zu Wort. Die Komplexität dieses Verbrechens bzw. Versprechens wird nur zu deutlich, auf persönlicher, psychologischer, technischer und rechtlicher Ebene. Man schwankt zwischen Unglauben, Mitgefühl, Wut und Verwirrung, je nachdem, wer gerade das Wort hat. MAGDALENA KOTZUREK

»Das Versprechen«: 27.–31.10., Passage Kinos
am 30.10., 16.30 Uhr in Anwesenheit der Regisseure, des Kameramanns und des Produzenten – gezeigt wird exklusiv der Director’s Cut.

Mit »Doctor Strange« erhält die Magie Einzug ins Marvel Cinematic Universe. Und mit Benedict Cumberbatch (»Sherlock«, »The Imitation Game«) erweitert Disney das ohnehin sehr namhafte Ensemble seiner Superhelden-Filme um einen der gefragtesten Hollywoodstars der letzten Jahre. Cumberbatch spielt Dr. Stephen Strange, einen genialen Neurochirurgen, der nach einem Autounfall schwer verletzt zu sich kommt. Seine Hände sind zertrümmert, und mit ihnen verliert er die Fähigkeit, seinem Beruf nachzugehen. Verzweifelt sucht er nach Heilung, und als alle schulmedizinischen Methoden versagen, begibt er sich auf eine Reise in den Himalaya, wo er sich Heilung auf spirituellem Weg erhofft. Stattdessen findet er etwas, dass seine professionelle Arroganz ins Wanken bringt, das den Verstand des brillanten Wissenschaftler übersteigt, das ihn an allem zweifeln lässt, was er zu wissen glaubte: Magie. Von dem geheimnisvollen Ort Kamar-Taj aus wird ein Jahrhunderte alter Kampf geführt, gegen dunkel Mächte aus einer anderen Dimension – und Strange muss sich entscheiden, ob er zu seinem alten Leben zurückkehren oder dem Kampf der Magier beitritt.

Bei aller Bildgewalt und trotz des spannenden Plots: „»Doctor Strange« lebt in erster Linie von einem sehr guten Benedict Cumberbatch. Er trägt den Film, ist von der ersten bis zur letzten Minute präsent. Der Zuschauer lernt ihn zunächst als ebenso brillanten wie arroganten Chirurgen kennen, ehe er ganz klassisch zum tragischen Helden und schließlich geläutert wird. Statt der erhofften Heilung findet er etwas viel potenteres, und am Ende seines Weges ist er der mächtigste Magier im Marvel-Universum. Cumberbatch spielt die Rolle mit viel Charme und Witz, er schafft es, dass der Zuschauer mit dem Protagonisten mitfiebert. Dabei sind auch die Nebenrollen hochkarätig besetzt: Mads Mikkelsen gibt den Bösewicht Kaecilius, Chiwetel Ejiofor spielt den Magierkollegen Mordo und im OP steht Rachel McAdams als Dr. Christine Palmer an seiner Seite. Nicht einmal die wie immer großartige Tilda Swinton stiehlt Cumberbatch die Show. Er ist »Doctor Strange«, und das Marvel Cinematic Universe um einen sehenswerten Superhelden reicher.

Der Film von Regisseur Scott Derrickson ist der zweite in der sogenannten »Phase Drei« des Marvel Cinematic Universe, die mit »The First Avenger: Civil War« ihren Auftakt nahm. Noch acht Filme sind bis 2019 geplant, als nächstes steht »Guardians of the Galaxy 2« in den Startlöchern. Ganz andere Baustelle, von Magie und Mystik hin zur Science-Fiction. Wobei: Die Inszenierung der Magie selbst hat in »Doctor Strange« etwas von Science-Fiction. Sie erinnert ein wenig an Christopher Nolans »Inception«, wenn die Kundigen die Realität biegen und wenden, wie es ihnen beliebt, und ein wenig an »Star Wars«, wenn sie mit beschworenen Energiewaffen gegeneinander kämpfen. Andererseits, gerade im Hinblick auf den kommenden Film: »Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden«, wie es Arthur C. Clarke einst formulierte. Da darf die Magie in »Doctor Strange« dann vielleicht auch wie sehr fortschrittliche Technologie aussehen. ALEXANDER PRAXL

»Doctor Strange«: ab 27.10., Cineplex, CineStar, Regina Palast

Das Leben ist ein Provisorium – um diese Weisheit zu bebildern, scheint Berlin für deutsche Regisseure immer wieder die perfekte Kulisse zu sein, man denke z.B. an Filme wie »Sommer vorm Balkon« oder »Oh Boy«. Auch Julius Schultheiß spürt in seinem kompromisslosen No-Budget-Debütfilm dem Lebensgefühl einer (vielleicht?) verlorenen Generation nach. Mit seiner Lotte schafft er eine kraftvolle Figur, um dem beziehungsgestörten Hauptstadtchaos ein raues Gesicht zu verleihen. Kodderschnauze, Bierchen mit ’nem Schuss aus dem Flachmann, selbst wTaschendiebe werden gnadenlos in die Flucht geschlagen: Nö, Lotte (Karin Hanczewski) ist keine Püppi, sondern ein ziemlich harter Hund. Nichts im Griff, aber das Herz am rechten Fleck – so schlägt sich die Krankenschwester durchs Hauptstadtleben und überschreitet dabei auch schon mal die eine oder andere Grenze. Ein paar zu viel, findet ihr Freund, und setzt Lotte vor die Tür. Als sie ein neues Heim in einem Fahrradladen findet, fängt der Trouble allerdings erst richtig an: Im Krankenhaus trifft Lotte auf die junge Greta (Zita Aretz), zu der sich die sonst so Abgeklärte sofort seltsam hingezogen fühlt. Als sie erfährt, wer das Mädchen ist, wird Lottes wildes Leben auf die alles entscheidende Probe gestellt. Der toughen Berliner Thirtysomething-Göre dabei zuzusehen, ist für den Zuschauer ein wahres Vergnügen, vor allem dank der neuen Dresdner »Tatort«-Ermittlerin Karin Hanczewski, die Lotte mit beeindruckender Präsenz zum Leben erweckt. An ihrer Seite liefert die neunzehnjährige Zita Aretz ebenfalls eine starke Performance. Pädagogen und Drogentherapeuten dürfte sich wohl des Öfteren der Magen umdrehen bei den krassen Eskapaden, die sich Lotte und Greta in der Hauptstadt gönnen, alle anderen freuen sich über die turbulente Geschichte einer erfrischend unkonventionellen Frau, von deren Schlag sich (nicht nur) das deutsche Kino gerne mal ein paar mehr erlauben dürfte. KARIN JIRSAK

»Lotte«: ab 27.10., Kinobar Prager Frühling

Flimmerzeit September 2016

 

Weitere Filmtermine der Woche

Haymatloz – Exil in der Türkei 

Direkt nach der Machtergreifung durch die Nazis verloren rund ein Drittel der Professoren ihre Stellungen an deutschen Universitäten. Was die Wenigsten wissen: zahlreiche Intellektuelle, Juden und Antifaschisten, flüchteten in das unbekannte Exilland Türkei. Inmitten der weltweiten Flüchtlingskrise wirft der Dokumentarfilm hochaktuelle Fragen auf und beleuchtet das Schicksal der akademischen Elite Deutschlands im türkischen Exil: Verfolgt, hofiert und „haymatloz“.

30.10., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Lights Out – gruseliges Trickfilm-Special 

Transformationen, Träume und Parallelwelten, in denen Monster, Vampire und Untote ihr Unwesen treiben – LE-Animation lädt zum gruseligen Trickfilm-Special zu Halloween. Das Kurzformat eignet sich dabei hervorragend für das Horrorgenre, das wusste schon Tim Burton (»Frankenweenie«). An zwei Abenden werden die Toten mittels Zeichnungen, Pixilation, Stop-Motion und Puppentrick zum Leben erweckt.

30.10., 19 Uhr, Cinémathèque in der naTo

31.10., 20 Uhr, Cineding

Prosperos Bücher 

Aufwendige, moderne Verfilmung von Shakespeares »Der Sturm« um menschliche Selbstfindung zwischen Illusion und Wirklichkeit. Im Mittelpunkt der anspruchsvollen Bildmontage steht die Schauspielpersönlichkeit des legendären Shakespeare-Veteranen John Gielgud. – Kammermusik und Film

30.10., 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Milos Forman – What doesn’t kill you 

In diesem Dokumentarfilm spricht der Regisseur Milos Forman über sein Leben und seinen Werdegang und gibt zudem Einblicke in die Entstehung einiger seiner größten Werke.

31.10., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Goldener Spatz 2016

Drei Gewinnerbeiträge des diesjährigen Kinderfilmfestivals in Gera und Erfurt. Um 11 Uhr wird Regisseurin Sigrid Klausmann mit ihrem Film »Not Without Us« zu Gast sein und Fragen der Gäste beantworten.

28.10., 10, 10.30 und 11 Uhr Passage Kinos

Our School

Drei Roma-Kinder versuchen sich in einer Schule in der Stadt zu integrieren, nachdem ihr Schulhaus in der Provinz zerstört wurde. Eine sanfte, bittersüße und preisgekrönte Geschichte von Tradition und Fortschritt. Amnesty International-Filmabend

28.10., 19 Uhr, Pöge-Haus

Halt auf freier Strecke

Wegen eines Hirntumors bleiben einem 40-jährigen (Milan Peschel) nur noch wenige Monate zu leben. Er will die Zeit, die ihm bleibt, bei Frau und Kindern zu Hause verbringen, im kurz zuvor gebauten Häuschen am Stadtrand – eine emotionale und körperliche Herausforderung, die alle Beteiligten an ihre Grenzen bringt. Andreas Dresens intensive und sehr realistische Annäherung an das Thema Tod und Sterben. – Thema: Sterben in der Familie

28.10., 19.30 Uhr, Lindenauer KirchenCafé

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