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»Analoger Remix mit Bleistift auf Papier«

Max Richter über sein altes Debüt, Vivaldi und unverständliche Gedichte

Max Richter, Foto: Henry Laurisch Größeres Bild

Max Richter ist in dieser Saison Artist in Residence beim MDR Sinfonieorchester. Der Pianist, der zu den führenden britischen Komponisten der Gegenwart zählt, wird eher in der Electro- als in der Klassikszene gefeiert. In Leipzig führt er unter anderem seine Filmmusik zu »Waltz with Bashir« auf. Im Interview erzählt er von seiner Kinderliebe Vivaldi, der Kunst des Remix und wieso seine Musik auch in Auschwitz-Dokumentationen vorkommt.

kreuzer: Herr Richter, haben Sie als Künstler eine Mission?

MAX RICHTER: Für mich ist das Komponieren eine Art Entdeckungsreise in das Material, in den Rohstoff von Musik. Ich habe das Gefühl, dass meine Aufgabe eine Art Forschungsarbeit zu den Eigenschaften dieses Materials ist. Ich sehe, wie sich die Musik zusammenstellen möchte. Wenn ich das richtig gut gemacht habe, muss ich eigentlich nicht weiterdenken … das ist natürlich persönlich.

kreuzer: Ihre Musik wird vom Publikum als »schön« wahrgenommen, geradezu als emotionales Wohlfühlbad.

RICHTER: Man weiß ja nie, wie ein Stück ankommt. Das ist ja völlig außerhalb meiner Kontrolle, und das ist auch richtig so. Für mich ist Musik Konversation – aber man weiß nie, was die andere Seite bringt.

kreuzer: Obwohl Sie das nie wissen, benutzen Sie aber durchaus Mittel, gewisse Effekte in der Instrumentation beispielsweise, die auf eine bestimmte emotionale Wirkung zielen.

RICHTER: Ich gehe sehr minimalistisch mit den Elementen der Musik um. Weniger ist besser, finde ich. Darum ist meine Orchestrierung quasi ohne Farben. Normalerweise hat man im Orchester viele und schnelle Klangfarbenänderungen. Ich mache das nicht, darum ergeben sich einfache Flächen und eine eingeschränkte Bandbreite von musikalischen Ereignissen. Es ist ein niedriger Informationspegel, eine Art reduzierte Ausdrucksweise, auf die ich instinktiv immer wieder zurückkomme.

kreuzer: Die Stücke auf Ihrem Debütalbum »Memoryhouse« erzählen etwas, jedes von ihnen ist wie eine Zustandsbeschreibung. Wie hängen sie zusammen?

RICHTER: »Memoryhouse« ist eine Art Dokumentarmusik, es handelt sich um spezifische Geschichten und um bestimmte historische Ereignisse. Man stellt diese Sachen in Verhältnisse und zwischen ihnen entwickelt sich eine gewisse Dynamik. Ähnlich wie bei Joseph Cornell, einem amerikanischen Künstler. Er hat Mitte des letzten Jahrhunderts diese Holzkisten mit Found Objects gemacht, sehr schön. Da bringt er die Dinge in einem neuen Gegenstand zusammen. Mein Feld ist die Musik, sie macht, dass die Sachen miteinander reden. Das ist die Methode von »Memoryhouse«.

kreuzer: Sie benutzen in dem Album auch Texte, beispielsweise ein Gedicht von Marina Zwetajewa.

RICHTER: Ich habe das Stück geschrieben, ohne dass ich den Text kannte. Ich hatte diese Tonaufnahme gefunden und fand den Ausdruck der Stimme so überzeugend, dass mir egal war, was der Text inhaltlich eigentlich sagte. Verrückte Idee, vielleicht unschlau, es hätte auch schiefgehen können. Natürlich habe ich später den Text in einer Übersetzung gelesen. Ich fand, die Musik und die Bedeutung passen ganz gut zusammen.

kreuzer: Man könnte auch sagen, Ihre Musik ist relativ kompatibel. Teile aus »Memoryhouse« wurden für die BBC-Dokumentation »Auschwitz: The Nazis and the Final Solution« verwendet.

RICHTER: Ja, aber das hat nichts mit der Komposition zu tun, das war später. Die BBC muss auch nicht fragen. Man hört meine Musik oft bei Sachen, über die ich keinerlei Kontrolle habe.

kreuzer: Das Stück ist inzwischen 15 Jahre alt, können Sie sich ästhetisch noch damit identifizieren?

RICHTER: In »Memoryhouse« sind mehr verschiedene Farben drin, als ich heute benutzen würde. Es ist, wie einen alten Freund wiederzutreffen. Oder besser: wie ein Buch, das man vor Jahren gelesen hat, noch einmal zu lesen. Man hat den Eindruck, das Buch hat sich verändert, hat es aber nicht. Wir selbst sind es, die sich verändert haben.

kreuzer: Ihren Stil haben Sie einmal als postklassisch bezeichnet. Könnte man hier nicht eher von einer romantischen Haltung sprechen? Die Musik ist sehr auf Emotionalität hin geschrieben und auch Programmmusik.

RICHTER: Ich habe das Wort Postklassik damals als Erklärung für meinen Musikstil benutzt, es war aber eher ein Witz. Die romantische Musik habe ich sehr gern. Romantik ist für mich Mahler bis hin zu Berg, Schönberg. Eine abgeschlossene Welt. »Memoryhouse« hat ja viele Elemente dieser Welt mitgenommen. Es beginnt mit dem Stück »1908«, das so eine Art Mahlers Elfte ist, ganz bewusst eine Hommage. Es gibt aber mehr Pastiches, auch Drum and Bass oder Bach, diese Dinge treffen sich und kommunizieren miteinander.

kreuzer: In Leipzig wird in dieser Woche auch Ihr Remix von Vivaldis »Vier Jahreszeiten« gespielt. Sie beschreiben das als Reanimation eines totgespielten Stückes.

RICHTER: Ich habe mich während meiner Kindheit in dieses Werk verliebt. Mit den Jahren konnte ich es dann nicht mehr hören, es kam die ganze Zeit in der Reklame, in der Telefonwarteschleife, einfach überall. Für mich ist es eine Art Rehabilitationsversuch. Jedenfalls hat der Trick funktioniert und ich höre das Original inzwischen wieder sehr gern.

kreuzer: Welche Techniken haben Sie dafür verwendet?

RICHTER: Die Techniken sind eigentlich dieselben wie bei einem Remix elektronischer Musik: Material zerschneiden, verlängern, verkürzen, es höher oder tiefer machen oder rückwärts laufen lassen. Alles, was man mit Audio im Computer machen kann, habe ich auf dem Papier gemacht, als analogen Remix mit dem Bleistift. Es gibt lange Strecken, wo man eigentlich keinen Vivaldi mehr hört. Ich glaube, drei Viertel der Noten sind nicht von Vivaldi. Aber irgendwie dann doch, denn man hört seine Musik darin.

kreuzer: Wenn Sie noch einen Remix machen würden, welches Stück würden Sie wählen?

RICHTER: Ich habe sehr viele Anfragen. Aber ich möchte das nicht, denn für ein anderes Stück gibt es bei mir nicht dieselben Voraussetzungen. Vivaldi ist ja das meistgespielte Stück der Welt, insofern eine einmalige Sache.

kreuzer: In Deutschland sind Sie sehr bekannt in der Electroszene, in der Klassikwelt weniger. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

RICHTER: Beides eigentlich. Ich hatte eine ganz normale klassisch-akademische Musikausbildung. Ich habe parallel dazu aber die ganze Zeit elektronische Sachen gemacht. Das bleibt auch so. Ich habe den Eindruck, dass das Publikum mittlerweile mehr durchmischt ist und sich die Welten verbinden.

kreuzer: Im Juni zeigen Sie in Leipzig eine Uraufführung. Was werden Sie spielen?

RICHTER: Es wird eine Orchesterfassung von Teilen aus meinem Werk »Sleep« geben und eine neue Ballettmusik.

kreuzer: Vielen Dank.

Memoryhouse: 23.11., 20 Uhr, Museum der bildenden Künste
Waltz with Bashir: 25.11., 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels
Vivaldi- Remix: 26.11., 20 Uhr, Peterskirche

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